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Schleswig-Holstein

21. Oktober 2017 | 14:54 Uhr

Babyklappen im Norden : Kind rein und weg?

vom

Pro Jahr werden in Deutschland rund 35 Kinder ausgesetzt: Für manche kommt jede Hilfe zu spät. Babyklappen wollen eine Alternative sein. Sie finden nicht nur Zuspruch.

shz.de von
erstellt am 14.Sep.2010 | 08:23 Uhr

Hamburg/ Flensburg | Bei einer Wohnungsdurchsuchung in Mühlhausen öffnet ein Polizist einen Kühlschrank. Er verstummt - sein Blick fällt auf kleine, blau angelaufene Zehen und Finger. Vor dem Beamten liegt ein toter Säugling. Eine Obduktion ergab: Das Kind lebte bei der Geburt. So geschehen im Januar dieses Jahres in Thüringen. Solche Funde sind keine Einzelfälle. Regelmäßig geistern derartige Meldungen durch die Medien und künden von fassungslosen, menschlichen Abgründen. Seit dem Jahr 1999 sind in Deutschland nach Angaben des Kinderhilfswerks "terre des hommes" 384 Neugeborene aufgefunden worden. Für 256 kleine Jungen und Mädchen kam da bereits jede Hilfe zu spät. Sie waren tot - erfroren, erstickt, erschlagen.
Auch im Norden kam es gerade erst zu einer ähnlichen Verzweiflungstat. Glücklicherweise überlebte das Findelkind: Was trieb die Mutter des kleinen "Lasse" dazu, ihr Neugeborenes im Waschbecken einer Tankstelle bei Tönning in Nordfriesland zurückzulassen? Die Antwort auf die Frage nach dem Motiv solcher Taten ist so individuell, wie die verlassenen Kinder selbst.
Suche nach den eigenen Wurzeln ist vielen wichtig
"Jede Mutter bringt ein großes Opfer", sagt Friederike Garbe vom Verein "Agape Haus - Leben bewahren Lübeck", der seit Juni 2000 Deutschlands zweitälteste Babyklappe betreibt. "Aus Briefen und Gesprächen mit diesen Müttern weiß ich, dass sie Angst hatten, ihren Kindern nicht geben zu können, was ihnen zusteht." Die Frauen seien nicht selbstsüchtig - "Überforderung, Alleinsein und keinen Ansprechpartner haben", seien in solchen Fällen die Probleme, weiß Friederike Garbe.
Aber was passiert mit diesen lebenden Kindern? Den Kindern, die in Babyklappen abgelegt, die rechtzeitig gefunden werden oder die bei einer anonymen Geburt auf die Welt kommen? "Die meisten Adoptivkinder sagen, sie hätten eine glückliche Kindheit gehabt", berichtet Annette Gottschald, die mit ihrem Mann ehrenamtlich das Selbsthilfe-Internetforum www.Adoptionskreis.de betreut. Die Suche nach den eigenen Wurzeln sei aber vielen ein großes Anliegen. Momentan zählt ihre "Austauschplattform" 359 Mitglieder.
In Hamburg betreibt der Verein Sternipark die älteste, moderne Babyklappe Deutschlands. Im Jahr 1999 wurde die Einrichtung in Hamburg-Altona eingeweiht. Heute ist sie eine von über 90 Babyklappen in der Bundesrepublik. Das neugeborene Baby kann anonym durch eine Schleuse in ein Wärmebett gelegt werden. Sobald die Klappe geschlossen ist, wird ein elektronischer Alarm aktiviert, der dafür sorgt, dass das Personal das Findelkind in Empfang nimmt. Die Mutter kann sich in dieser Zeit unerkannt entfernen.
Keine rechtliche Grundlage für Babyklappen
Seit der Gründung sind in Hamburg so 39 Kinder abgegeben worden. Doch die hanseatische Praxis, die seither weltweit ähnliche Projekte inspiriert, ist juristisch und ethisch umstritten. "Auf der anderen Seite der Klappe ist eine ungeheure Macht. Es gibt keine staatliche Kontrolle", kritisiert Dr. Bernd Wacker. Der Theologe berät das Kinderhilfswerk terre des hommes in Fragen von Auslandsadoption und des internationalen Kinderhandels. Wacker hält auch die Anonymisierung für ein brennendes Problem. "99 Prozent der anonym abgegeben Kinder leiden später darunter." Auch bleibe bei der Babyklappe die Beratung auf der Strecke. "Da schickt man dann die Frau zurück in die Situation, aus der sie kommt."
Auch der Deutsche Ethikrat empfahl im November 2009, die bestehenden Angebote von Babyklappen und zur anonymen Geburt aufzugeben. Sie seien "ethisch und rechtlich sehr problematisch", da sie das Recht des Kindes auf das Wissen um seine Herkunft verletzten.
Leila Moysich vom Hamburger Sternipark hält dagegen: "Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat anonyme Geburten grundsätzlich gebilligt." Das Recht auf Leben sei höher zu bewerten als das Recht auf Kenntnis der Herkunft.
Tatsache ist, dass es bis heute keine rechtliche Grundlage für den Betrieb der Babyklappen gibt. Die Einrichtungen operieren somit in einer juristischen Grauzone. In Deutschland ist die Aussetzung von Kindern zwar strafbar, die Abgabe eines Säuglings an einer Babyklappe wird hingegen zumeist nicht strafrechtlich verfolgt. Hier entsteht ein Problem: Ein Missbrauch des Angebots ist nur schwer zu verhindern. So kam es bereits vor, dass behinderte Kinder anonym abgegeben wurden. Auch der Fall eines schon drei Monate alten Kleinkindes ist bekannt.
"Liebe und Sicherheit - das können wir bieten"
Wird ein Neugeborenes in einer Babyklappe abgelegt, wird es bis zu acht Wochen versorgt - in diesem Zeitraum kann die Mutter ihr Kind auch wieder zu sich nehmen. Sind die acht Wochen abgelaufen, wird das Jugendamt eingeschaltet und das Kind an Adoptiveltern vermittelt. Danach ist es für die leibliche Mutter sehr schwer, das Sorgerecht zurück zu fordern. Die Übergabe an die neuen Eltern kann aber auch früher geschehen - "bei uns wird das Neugeborene nach vier bis fünf Tagen" vermittelt, berichtet Friederike Garbe.
"Das Babyklappenkonzept ist gescheitert", glaubt hingegen Bernd Wacker. Er bezweifelt, dass durch Babyklappen die Anzahl der Kindstötungen zurück gegangen sei. Friederike Garbe hält die Debatte mit juristischen Begriffen für verfehlt. "Wenn ein Kind zu uns kommt, dann fragt es nicht nach seinem Recht, sondern es möchte Liebe und Sicherheit - das können wir ihm bieten."

Babyklappen in Norddeutschland

Hamburg, SterniPark e.V, Tel.: 0800 - 4560789, Projekt Findelbaby Kinderhaus Wilhelmsburg, Schönenfelderstr. 5, 21109 Hamburg

Kinderhaus Goethestraße 25 -27, Tel.: 0800 - 4560789

Kinderklinik Altona, Tel.: 040 - 880980, Bleickenallee 38, 22763 Hamburg

Krankenhaus Mariahilf, Tel.: 0800 - 1001380, Stader Straße 203c, 21075 Hamburg-Harburg.

AK-Wandsbek, Tel.: 0800 - 1001380, Alphonsstraße 14, 22043 Hamburg.

Schleswig-Holstein, Städtisches Krankenhaus Kiel, Tel.: 0431 - 16970, Chemnitzstraße 33, 24116 Kiel.

Mutter Kind Haus, Tel.: 0800 - 4560789, Satrupholm 1, 24986 Satrup.

Regio-Klinikum-Pinneberg, Tel.: 04101 - 2170, Fahltskamp 74, 25421 Pinneberg.

St. Adolf-Stift, Tel.: 040 - 72800, Hamburger Straße 41, 21465 Reinbek.

Lübeck, Mutter - Kind - Haus, Tel.: 0451 - 706 01 91, Mengstraße 62, 23552 Lübeck, www.findelkind-luebeck.de

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