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Verschwundener Tekin Bicer : Keine Beweise gegen Hells Angels

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Um die Leiche des verschwundenen Türken Tekin Bicer zu finden, wurde vor vier Jahren eine Halle in Kiel komplett abgetragen – ohne Erfolg. Jetzt wurde das Verfahren gegen Mitglieder der Hells Angels eingestellt.

Kiel | Im mutmaßlichen Mordfall um den spurlos verschwundenen Türken Tekin Bicer aus Kiel hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen nach vier Jahren eingestellt. Trotz intensiver Untersuchungen habe das Geschehen nicht aufgeklärt werden können, teilte die Staatsanwaltschaft Kiel am Freitag mit.

Bicer war zuletzt am 30. April 2010 im Stadtteil Gaarden gesehen worden. Der Rocker-„Aussteiger“ Steffen R. wollte durch Hörensagen erfahren haben, dass Hells Angels den damals 47-jährigen Türken ermordet und die Leiche in einer Lagerhalle in Altenholz bei Kiel einbetoniert hätten. „Dafür, dass sein Verschwinden im Zusammenhang mit Streitigkeiten unter Mitgliedern des ehemaligen Kieler Charters des “Hells Angels Motorrad Clubs steht, konnten keine Beweise gefunden werden“, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Weitere erfolgversprechende Ermittlungsansätze seien „derzeit nicht vorhanden“. Ermittlungen gegen den als Drahtzieher eines möglichen Auftragsmordes ins Visier der Justiz geratenen Ex-Chef der Hells Angels in Hannover, Frank Hanebuth, waren bereits 2013 eingestellt worden - mangels Tatnachweises.

Der Aussteiger aus der Rockerbande hatte Hanebuth als Zeuge vor Gericht beschuldigt, grünes Licht für die Ermordung des Türken in Kiel gegeben zu haben. Bei einer Groß-Razzia im Mai 2012 gegen Rocker-Kriminalität durchsuchten rund 1200 Polizisten 89 Bordelle, Gaststätten und Wohnungen vor allem in Schleswig-Holstein, aber auch in Hamburg und Niedersachsen. Nach der Razzia suchten Spezialisten der Polizei in der Lagerhalle für Tätowierbedarf in Altenholz nach der Leiche des Vermissten. Dabei kamen auch Leichenspürhunde zum Einsatz.

Spezialisten nahmen zunächst das Fundament der Halle auseinander und trugen sieben Wochen lang schließlich die gesamte Konstruktion ab - ohne Überreste einer Leiche zu finden. Die Haftbefehle gegen zwei Hells Angels mussten nach der ergebnislosen Suche im Juli 2012 aufgehoben werden, sie kamen aus dem Gefängnis frei. Es handelte es sich um einen zuvor in Polen festgenommenen Rocker und einen Rocker aus dem Raum Hamburg. Der Abriss der Lagerhalle kam den Steuerzahler teuer zu stehen.

Bisher wurden 413.000 Schadenersatz gezahlt, weitere 100.000 Euro seien noch strittig, teilte der Leitende Oberstaatsanwalt bei der Generalstaatsanwaltschaft in Schleswig, Heinz Döllel, am Freitag mit. Eine Sonderkommission des Landeskriminalamts übernahm die stagnierenden Ermittlungen 2012. Neben zahlreichen Durchsuchungen wurden mehr als 100 Zeugen vernommen. „Gleichwohl konnte der Sachverhalt und der Verbleib von Tekin Bicer nicht aufgeklärt werden. Seine Spur verliert sich Ende April 2010 in Kiel-Gaarden“, so die Staatsanwaltschaft.

Bereits 2011 hatte die TV-Fahndungssendung „Aktenzeichen XY...ungelöst“ ohne Erfolg über den Fall berichtet. Sollte es neue sachdienliche Hinweise geben, würden die Untersuchungen wieder aufgenommen und weitergeführt, betonte die Staatsanwaltschaft. Die Anwälte der Beschuldigten erhoben schwere Vorwürfe. Die Justiz habe sich allein auf Aussagen des unglaubwürdigen „Kronzeugen“ gestützt. Bei Ermittlungserfahren auch gegen völlig unbescholtene Bürger sei deren Einrichtung kaputtgeschlagen und deren Eigentum beschlagnahmt worden, hieß es in einer vom Kieler Anwalt Michael Gubitz verbreiteten Erklärung. Es bleibe der Verdacht, Polizei und Staatsanwaltschaft hätten „erhebliche, durch Ermittlungsergebnisse nicht zu rechtfertigende Grundrechtsverletzungen in Kauf genommen“.

In den zuständigen Ministerien und der Politik müsse „dieser grandiose Fehlschlag aufgearbeitet und einer kritischen, rechtsstaatlichen Aufklärung unterzogen werden“.

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erstellt am 16.Mai.2014 | 12:55 Uhr

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