Wirtschaftlichkeit hat Priorität : Kein Platz für alte Nutztierrassen in der modernen Landwirtschaft

Alte „Dänische Protestschweine“: Das rotbunte Husumer Schwein wurde ab Ende des 19. Jahrhunderts von in Nordfriesland lebenden Bauern gezüchtet, die den Danebrog nicht hissen durften und ihre Landesfarben daraufhin auf ihren Schweinen zur Schau trugen.

Alte „Dänische Protestschweine“: Das rotbunte Husumer Schwein wurde ab Ende des 19. Jahrhunderts von in Nordfriesland lebenden Bauern gezüchtet, die den Danebrog nicht hissen durften und ihre Landesfarben daraufhin auf ihren Schweinen zur Schau trugen.

Angler Sattelschwein, Deutsche Shorthorn oder Altdeutscher Hütehund. Weltweit stirbt pro Woche mindestens eine alte Rasse aus – mit unbekannten Folgen.

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10. Februar 2018, 19:54 Uhr

Schweine, Rinder, Pferde oder Geflügel: In der Nutztierhaltung hat die Wirtschaftlichkeit heutzutage Priorität. Statt Angler Sattel- oder Rotbunten Husumer Schweinen dominiert bei den Schlachttieren bundesweit und auch in Angeln und Husum heute fast ausschließlich eine Kreuzung aus Deutschem Edelschwein, Landrasse und Pietrain; statt dem Angler Rind alter Zuchtrichtung sind es Holsteiner Schwarzbunte.

Alte, regionale Rassen sterben aus – weltweit pro Woche mindestens eine, warnt die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH). Mit Folgen, die vielleicht erst in Jahren oder Jahrzehnten zutage treten werden. Denn jede verlorene Rasse bedeutet einen unwiederbringlichen Verlust nicht nur an Kulturgut, sondern auch an wertvollem genetischem Potenzial. Zudem würden die Qualitäten der bodenständigen Rassen wie Genügsamkeit, Widerstandsfähigkeit, Anpassungsfährigkeit und hohe Fruchtbarkeit häufig unterschätzt, meinen Experten.

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft und, als Folge, in der Nutztierhaltung hat nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Fahrt aufgenommen: Durch die Motorisierung wurden immer weniger Zugpferde vor den Pflug gespannt, in der Rinder- und Schweinemast entstanden neue, schnellwüchsige Kreuzungen. Heute stellen wenige Hochleistungsrassen den größten Teil der Tierbestände. Faktoren wie gute Fruchtbarkeit, hohe Tageszunahmen und gute Futterverwertung sowie hohes Schlachtgewicht und hoher Muskelfleischanteil sind Trumpf. Für die überlieferten, „alten“ Rassen ist da kein Platz mehr.

Weltweit älteste Kultur- und Zuchtrasse

In ähnlicher Weise wie für die großen Nutztiere gilt dies auch für Geflügel – und für über Jahrhunderte als „Arbeitskollegen“ des Menschen geschätzte Vierbeiner: die altdeutschen Hüte- sowie auch andere Hunde, etwa den früher auf den Höfen als Wächter geschätzten Spitz. Ehemals selbstverständliche Begleiter der Wanderschäfer, sind mit deren Wirtschaftsform auch ihre Hütehunde selten geworden. „Die alten Helfer haben ausgedient“, heißt es in einem Bericht des Deutschen Tierschutzbundes.

Altdeutsche Hütehunde kommen in mehreren regionalen Erscheinungsformen und unterschiedlichen Fellarten und Farben vor. Es gibt die zottel- oder rauhaarigen Strobel und Schafpudel, die Gelbbacken/Schwarzen, die Tiger sowie die roten oder braunen (Harzer) Füchse und die Westerwälder Kuhhunde. „Schläge“ heißt dies bei den Altdeutschen, denn Rassen im klassischen Sinn haben sich nicht herausgebildet. Schließlich ging es bei der Zucht nicht ums Aussehen, sondern um die Arbeitsleistung. Gebrauchseigenschaften wie Hütetrieb und Griff, Robustheit, Ausdauer, Leichtfuttrigkeit, Härte und Hitzeresistenz waren gefragt.

Wie bei den altdeutschen Hütehunden liegt der Schwerpunkt der Rassevielfalt bei den Nutztieren generell eher in Süddeutschland. Aber auch das Land zwischen den Meeren hat einige hervorgebracht: das Angler Rind des alten Typs zum Beispiel, ehemals weltweit bekannt und vielfach exportiert. Und wer kennt hierzulande noch das einst auch auf der Halbinsel Eiderstedt gehaltene, aus dem Nordosten Englands stammende Deutsche Shorthorn, ein Fleischrind, das auf der Roten Liste der bedrohten Arten als „stark gefährdet“ geführt wird? Es gilt als die weltweit älteste Kultur- und Zuchtrasse.

Einsatz für den Erhalt der Rassen

Oder das Rotbunte Husumer Schwein, eine großrahmige Landrasse, die, wie fast 40 weitere, sogar als „extrem gefährdet“ gelistet ist? Und dass Schleswiger Kaltblüter zwischen Nord- und Ostsee noch des Öfteren auf den Weiden zu sehen sind, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese meist fuchsfarbigen Pferde mit dem seidigen Behang ebenfalls zu den in ihrem Bestand bedrohten Rassen gehören.

Aber es gibt Menschen, die sich für den Erhalt der alten, regionalen Rassen einsetzen – in der GEH und auf sogenannten Arche-Höfen. Knapp 100 sind es aktuell den Angaben zufolge bundesweit, sechs davon in Schleswig-Holstein. Schleswiger Kaltblutpferde, Rauwollige Pommersche Landschafe, Coburger Füchse und Brillenschafe leben hier, Vorwerkhühner und Pommerngänse, Großspitze und sogar eine bedrohte Insektenart, die Dunkle Biene und viele andere bedrohte Arten. 

Arche-Höfe in SH:
Neben dem Tierpark Arche Warder verzeichnet die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) sechs Arche-Höfe im Land: Den historischen Bauernhof Rosacker in Silberstedt, den Arche-Hof Hallig Süderoog, den Arche-Hof Bredland in Blunk, den Hof Lütjensee, den Arche-Hof Birkeneck in  Dakendorf und den Islandpferdehof Blumencron in Schulendorf.
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