Auswanderer in Dänemark : Kein Kindergeld für Einwanderer

Familie Schlüter: Die Eltern Martina und Kai mit den Kindern Lotta, Emil und Kalle (stehend v. r.) sowie Lasse auf dem Arm.  Foto: Kannenberg
Familie Schlüter: Die Eltern Martina und Kai mit den Kindern Lotta, Emil und Kalle (stehend v. r.) sowie Lasse auf dem Arm. Foto: Kannenberg

Familie Schlüter zog von München ins dänische Nordalsen und stellte fest: Für zugezogene Neubürger gibt es Kindergeld erst nach zwei Jahren.

shz.de von
29. Juni 2012, 07:26 Uhr

Havnbjerg | Eigentlich sind die Schlüters genau das, was sich Sonderburg als Kulturhauptstadt in spe ausdrücklich wünscht: Beide Ehepartner haben studiert, beide sind hoch qualifiziert, sind mit ihren vier Kindern nach Nordalsen gezogen und speisen wie jeder Arbeitnehmer des Landes einen großen Teil des Gehalts ins dänische Steuersystem ein.
Und eigentlich haben Kai und Martina alles richtig gemacht, als sie mit ihren Kindern Lotta, Emil, Kalle und Lasse Anfang des Jahres aus München nach Norburg zogen. Ein Headhunter hatte den Informatiker für Systemabläufe von Süddeutschland nach Nordalsen abgeworben. Arbeitgeber Danfoss wollte den Experten unbedingt haben, und für Kai Schlüter war es eine fachlich interessante Arbeitsstelle. Das Ehepaar Schlüter beschloss, den Sprung zu wagen und wanderte Anfang des Jahres nach Hagenberg bei Norburg aus. Eine Geschichte, wie sie die PR-Abteilung der Kommune nicht besser erzählen könnte. Eigentlich.
Steuern ja - Kindergeld nein
Denn für die Schlüters - Martina und die vier Kinder zogen zum 1. März nach, Kai trat seine Stelle zum 1. Januar an - wurde der Mut zum Umzug nach Nordschleswig nicht belohnt. Was weder sie noch Arbeitgeber und Kommune vor dem Umzug wussten: Seit dem 1. Januar 2012 gilt ein von der neuen dänischen Regierung eingeführtes Gesetz zur Neuregelung des Kindergeldes. Es sieht vor, dass zugezogene Familien das erste halbe Jahr auf Zahlung des Kindergeldes verzichten müssen, auch wenn die Steuern bereits voll in Dänemark abgeführt werden. Nach einem halben Jahr erhält man 25 Prozent des Kindergeldes, nach einer halbjährlichen Hinaufstufung auf 50 sowie später 75 Prozent erhält man nach zwei Jahren den vollen Satz Kindergeld.
"Uns trifft das besonders hart, da wir vier Kinder zwischen 1 und 8 Jahren haben", sagt Martina Schlüter. "Hätten wir das vorher gewusst - wären wir dann wohl nach Nordschleswig gezogen? Wohl nicht! Das hat uns eiskalt erwischt und wir haben von dieser Regelung erst erfahren, als die erste Kindergeldzahlung ausblieb."
Umzug nach Flensburg?
Denn eigentlich hatten die Schlüters alles richtig gemacht und sich im Vorwege telefonisch bei der Kommune Sonderburg in Sachen Kindergeld Rat geholt. "Da müssen sie nichts tun, das wird ihnen automatisch zugewiesen", lautete die Antwort aus dem Bürgerservice. Kai Schlüter glaubte das. Und so wurden die Schlüters Anfang Mai - die Umzugskisten waren ausgepackt, die Familie in Hagenberg angekommen und das Kindergeld im Familienbudget eingeplant - mit einer bösen Überraschung konfrontiert. Das neue Gesetz, von dem offenbar auch in der Kommune zuvor noch niemand gehört hatte, macht es möglich: Kindergeld gibt es für Zugezogene erstmal nicht.
"Das ist abschreckend. Mich würde wirklich interessieren, was die europäische Gesetzgebung dazu sagt", so Martina Schlüter. "Wir werden diese böse Überraschung irgendwie verkraften. Doch in diese Gesetzesfalle tappen bestimmt noch andere, die den Sprung über die Grenze wagen. Wir hätten zumindest gerne von dem Gesetz gewusst, bevor wir uns für einen Umzug nach Nordalsen entschieden haben. Ansonsten hätten wir uns doch vielleicht für die Option Wohnen in Flensburg und arbeiten in Norburg entschieden", sagt Kai Schlüter. "Nun sitzen wir quasi in der Falle. Einen zweiten Umzug könnten wir uns nicht leisten, da ja auch die Überführung des Autos finanziell schwer zu tragen war."
"Freundliche Hilflosigkeit"
Apropos - auf die Ummeldung des Autos auf dänische Nummernschilder musste die Familie geschlagene acht Wochen warten. "Wir wollten uns an die Regeln halten und haben das Auto nicht benutzt, bis wir die neuen Kennzeichen hatten. Was zur Folge hatte, dass die ganze Familie acht Wochen lang mit dem Fahrrad gefahren ist. Das war wirklich eine harte Zeit und dabei mussten wir feststellen, dass die dänischen Behörden unfassbar wenig kommunikativ arbeiten. Was uns begegnet ist, war eine Art freundliche Hilflosigkeit. Da hatten wir ein schweres Tief."
Eine starke Hilfe erfuhr die Familie von Seiten des Arbeitgebers und des Kindercampus Lunden. Kollegen von Danfoss standen Kai Schlüter bei Anrufen im Labyrinth der Steuerbehörde zur Seite. Mitarbeiter vom Kindercampus halfen persönlich bei der Haussuche.
"Nur von Seiten der Kommune haben wir überhaupt keine Hilfe bekommen. Im Gegenteil - die Mitarbeiter vom Bürgerservice scheinen manchmal selbst nicht zu wissen, welcher Sachverhalt nun gilt", sagt Kai Schlüter. "Nun müssen wir das Beste daraus machen. Wir hoffen nur, dass andere Familien im Vorfeld von der neuen Gesetzgebung erfahren und sich den Umzug nach Nordschleswig nochmal überlegen können. Man sollte meinen, dass wir in der EU schon weiter sind und dass einem in Dänemark als direktem Nachbarland so eine böse Überraschung nicht droht. Denn so kann man nur sagen, dass wir zwar die vollen Steuern zahlen dürfen, aber nicht die Leistungen erhalten, die den Dänen zustehen", sagt Martina Schlüter, die als freie Journalistin arbeitet, momentan aber für den kleinen Lasse nebst Familie pausiert. Übrigens - der "kleine Lasse" ist am 1. Januar 2014, wenn den Schlüters erstmals das volle Kindergeld zusteht, aus dem Höchstsatz längst rausgewachsen.

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