Schulden : Kein Geld - kein Wasser

Die Wasserrechnung: Wer nach der Mahnung nicht zahlt, dem droht die Sperrung des Anschlusses. Foto: fotolia
Die Wasserrechnung: Wer nach der Mahnung nicht zahlt, dem droht die Sperrung des Anschlusses. Foto: fotolia

Immer mehr Menschen im Norden können ihre Wasserrechnung nicht bezahlen. Nach der Mahnung droht ihnen die Sperre des Anschlusses durch den Anbieter.

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04. Juni 2013, 08:53 Uhr

Kiel/Neumünster/Sierksdorf | Kein Trinkwasser aus der Leitung. Keine Toilettenspülung. Keine warme Dusche. Die Sperrung der Wasserversorgung - immer mehr Menschen in Schleswig-Holstein sind jedes Jahr von dieser drastischen Maßnahme betroffen, weil sie ihre Rechnungen nicht bezahlt haben. Und das, obwohl die Wasserversorgung in Deutschland zur Grundversorgung gehört und von der Europäischen Union zum Menschenrecht erklärt worden ist.
Einen Forderungsrückstand von zwölf Millionen Euro beklagt etwa Wolfgang Podolske von den Stadtwerken Kiel, die als Versorger neben Wasser auch Strom und Gas liefern. Jedes Jahr seien rund 1900 Haushalte von Sperrungen betroffen, 900 seien es aktuell, wobei man in der Regel bei säumigen Kunden zunächst die Elektrizität abstelle. "Der Strom ist für uns ganz einfach zu unterbrechen. Trinkwassersperren sind kompliziert, da gehen wir erst ran, wenn wir gar nichts von den Betreffenden hören."

Steter Dialog mit Sozialbehörden

Lars Hertrampf von den Lübecker Stadtwerken spricht von der Sperrung als allerletztes Mittel. Bei insgesamt 130.000 Kunden habe es im Jahr 2012 ein Dutzend Sperrungen gegeben. "Wir sind im steten Dialog mit Sozialbehörden und sozialen Trägern und versuchen, auf Probleme aufmerksam zu machen." Problematisch sei es, wenn Eigentümer von Mietshäusern nicht zahlten, die das Geld von den Mietern bereits bekommen haben. "Dann nehmen wir nach Möglichkeit Kontakt mit den Mietern auf und treffen Regelungen, dass diese direkt an uns überweisen."
Hertrampf registriert, dass sich immer mehr Kunden mit Zahlungsproblemen melden. "Das nimmt zu, das merken wir." Allerdings könnten sich selbst gesperrte Kunden trotzdem direkt bei den Stadtwerken mit Wasser versorgen: "Wenn etwa eine Mutter ihr kleines Kind versorgen muss, kann sie eine Plastikflasche mitbringen und bei uns für den unmittelbaren Bedarf zapfen", so Hertrampf. Bei zirka 230 Haushalten werde pro Jahr die Wasserentnahme über den Einbau einer Drosselscheibe stark vermindert, so Nikolaus Schmidt, Pressesprecher der Stadtwerke Neumünster, die rund 23.000 Haushalte versorgen. Es gebe tendenziell immer mehr säumige Kunden, die Zahlungsmoral werde schlechter. Grundsätzlich werde aber zuerst nach anderen Wegen der Klärung im persönlichen Dialog gesucht. "Von der ersten Mahnung bis zu einer Drosselung dauert es bei uns sechs bis acht Wochen." Da der Einbau einer Drosselscheibe zudem sehr aufwändig sei, würden der Einfachheit halber meistens "andere Energie-Quellen abgeknapst", so Schmidt. Gemeint sind Strom und Gas.

Problemfälle nehmen zu

Auch in der ländlichen Region ist Wasser für einige Menschen nicht bezahlbar. Der Zweckverband Wasserversorgung Drei Harden ist für 26 Gemeinden rund um die Stadt Niebüll zuständig, versorgt 13.000 Haushalte. Geschäftsführer Heiko Thede weiß von derzeit bis zu 80 Fällen im Jahr, in denen die Wasserversorgung gesperrt werden muss. "Nach der ersten Mahnung haben die Kunden 14 Tage Zeit, nach der zweiten mit Sperrandrohung weitere 14 Tage", so Thede. "Dann fahren wir los und sperren den Anschluss." Wenn Kunden sich rechtzeitig meldeten, bemühe man sich jedoch immer um eine Lösung. "Wir stellen fest, dass die Fälle, in denen Kunden Probleme mit Zahlungen haben, in letzter Zeit zunehmen."
40.000 Kunden hat der Zweckverband Ostholstein (ZVO) in Sierksdorf. Für den Verbrauchsbereich (Gas, Wasser, Abwasser) wurden im Jahr 2012 rund 16.000 Mahnungen mit einer Summe von fast vier Millionen Euro ausgestellt, so Pressesprecher Detlef Lichtenstein. "Letztlich blieben 370 Inkassoaufträge und 643 Sperraufträge mit einem Volumen von über 900.000 Euro. Tatsächlich wurde die Trinkwasserversorgung im Jahr 2012 in 49 Fällen eingestellt." In 15 Fällen wurde eine Drosselscheibe gesetzt. Meist seien es persönliche Gründe wie Arbeitslosigkeit oder Scheidung, weswegen Kunden nicht zahlten. Lichtenstein: "Bei einem Zahlungsrückstand eines Kunden kommen wir stets in einen Abwägungsprozess. Natürlich steht die Begleichung der Außenstände im Vordergrund - schließlich hat der Kunde die Leistungen erhalten. Aber wir betrachten auch die persönlichen Verhältnisse." Sei erkennbar, dass der Kunde zahlungswillig und zahlungsfähig ist, helfe der Vollstreckungsbeauftragte in der Regel mit Lösungsvorschlägen über kurzfristige Zahlungsmöglichkeiten.

Linke kritisiert Sperrungen von Wasseranschlüssen

Harsche Kritik an den Sperrungen von Wasseranschlüssen kommt von den Linken in Schleswig-Holstein. Der Ausschluss von Menschen von der Wasserversorgung sei ein unhaltbarer Zustand für das Land, sagt Landesgeschäftsführer Marco Höne. "So eine skandalöse Entwicklung können wir uns nicht erlauben. Man kann den Menschen das Wasser nicht abdrehen, das ist indiskutabel." In Zusammenhang mit den ständigen Preisanstiegen der vergangenen Jahre fordert Höne eine Debatte über die Abkehr von der Privatisierung der Versorgung hin zu einer Rekommunalisierung. "Wenn der Alltag nicht mehr bezahlbar ist, dann muss man den Menschen helfen."
Es seien fast immer Menschen in beruflichen oder persönlichen Krisen, die Probleme mit den Zahlungen hätten, weiß Alis Rohlf von der Koordinierungsstelle Schuldnerberatung, die landesweit 35 Anlaufstellen leitet. Da die Nebenkosten für Wohnraum stark anstiegen, werde auch die Bezahlung für Menschen in prekären Verhältnissen immer schwieriger. "Wir stellen zudem leider fest, dass es gerade bei den größeren Unternehmen oft schwierig ist, überhaupt einen direkten Ansprechpartner zu bekommen." Und selbst wenn das gelinge, werde von Seiten der Versorger in vielen Fällen eine sofortige Begleichung der Rückstände eingefordert. "Man lässt sich nach meiner Erfahrung kaum auf Ratenzahlungsangebote der Schuldner ein."

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