Cannabis auf Rezept : Kanadische Firma plant Hochsicherheitslager für Marihuana in Bad Bramstedt

Ein Anbauanlage mit Marihuana-Pflanzen von Nuureva in Kanada.

Ein Anbauanlage mit Marihuana-Pflanzen von Nuureva in Kanada.

Mehrere Tonnen Marihuana für medizinische Zwecke will Nuureva in Bad Bramstedt einlagern. Der Cannabis-Tresor wäre besonders gesichert.

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16. Januar 2018, 15:16 Uhr

Bad Bramstedt | „Natürlich kommen auch dumme Sprüche“, sagt Hans-Jürgen Kütbach, Bürgermeister der Stadt Bad Bramstedt. Der FDP-Politiker verteidigt dann aber das neue Ansiedlungsprojekt im Gewerbegebiet Nord von Bad Bramstedt. „Es geht um eine sehr seriöse Anwendung und ein wichtiges Thema“, sagt er – Marihuana als Medikament. Der Stoff für den Verkauf in Apotheken könnte bald aus der rund 14.000 Einwohner starken Stadt im Kreis Segeberg kommen.

Das kanadische Cannabis-Unternehmen Nuureva plant in Bad Bramstedt ein Hochsicherheitslager für Cannabis aufzubauen. „Nach Prüfung mehrerer geeigneter Standorte hat sich die Nuuvera Deutschland GmbH für Bad Bramstedt entschieden, da hier die wirtschaftlichen Gegebenheiten besonders interessant waren: kurze Wege und konstruktive Zusammenarbeit mit den Behörden, unser Kooperationspartner Müggenburg ist in unmittelbarer Nachbarschaft angesiedelt und die schwarz-grün-gelbe Landesregierung bietet ein politisch attraktives Umfeld“, sagt Hendrik Knopp, Geschäftsführer der deutschen Niederlassung in Hamburg, gegenüber shz.de.

Das Gebäude sei schon gekauft, nun plane man den Umbau. Zuerst berichtete das Nachrichtenmagazin „Stern“ von den Plänen. Laut Bürgermeister Kütbach handelt es sich um eine private Bestandsimmobilie, wo ein Cannabis-Tresor einziehen könnte. Kütbach bezeichnete die mögliche Ansiedlung als Gewinn für die Stadt, die mit zwei großen Kliniken bereits ein Gesundheitsstandort sei. Sorgen um das Image der Stadt mache er sich nicht. Allen sei klar, dass es bei dem Vorhaben um Cannabis für medizinische Zwecke gehe, sagte er. Die Reaktionen der Bürger seien unaufgeregt. Doch nicht nur Bad Bramstedt kam als Standort in Frage. Man habe auch über Alternativen in Schleswig-Holstein nachgedacht, bestätigt Knopp. 

 

Fix ist eine Genehmigung für die Lagerung von medizinischen Marihuana durch Nuureva in Bad Bramstedt allerdings noch nicht. „Wir sind im finalen Abstimmungsprozess“, sagt Kütbach. Bei dem Bau sei aber ein Reihe von Auflagen zu erfüllen, die von den Behörden erst noch abgesegnet werden müssten. Heißt: Ist der Bau fertig, kommt der Landesinspektor und stimmt einer Inbetriebnahme zu – oder auch nicht. Knopp verspricht: „Wir werden bei der Umsetzung alle rechtlichen Auflagen und Anforderungen in Abstimmung mit der Stadt und den Landesbehörden umsetzen.“

Wird das Hochsicherheitslager genehmigt, könnte es laut Knopp noch in diesem Spätsommer in Betrieb gehen. Als nächstes beschäftigt sich der Planungsausschuss der Stadt Bad Bramestedt mit dem Projekt voraussichtlich in seiner kommenden Sitzung am Montag, 22. Januar, um 19 Uhr im Schloss.

Das sind die Eckdaten für das geplante Lager:

  • In dem Hochsicherheits-Warenlager steht ein Cannabis-Tresor, der fünf Meter hoch und 1000 Tonnen schwer ist.
  • Das Lager hat ein Fassungsvermögen von bis zu fünf Tonnen.
  • Der Warenwert des eingelagerten Cannabis beträgt fünf bis zehn Millionen Euro.
  • Für die Lagerung gelten die die gesetzlichen Anforderungen der Bundesopiumstelle. Das Hochsicherheitslager ist eine Stahlbetonkonstruktion, die von außen aber neutral aussehen soll.
  • Es gibt strenge Sicherheitsauflagen, etwa die Nähe zu einer Polizeistation. Sicherheitspersonal bewacht das Lager rund um die Uhr, es gibt eine direkte Alarmleitung zur Polizei. Zudem sollte das Lager nicht direkt an einer Autobahnauffahrt liegen.
  • 30 Millionen Euro will Nuuvera langfristig investieren. „Wir können uns vorstellen, dort eine Niederlassung zu eröffnen und uns später auch im Bereich Forschung in Bad Bramstedt anzusiedeln“, sagt Geschäftsführer Knopp der „Segeberger Zeitung“.
  • Wichtig für die Lagerung ist auch die Kühlung. „Normalerweise lagerten die Cannabis-Pflanzen bei 23 Grad“, erläutert Knopp. „Doch wenn sie länger als sechs Monate liegen, könnte die Wirkung abnehmen. Daher müssten einige Pflanzen auch bei fünf Grad gelagert werden, dann hielten sie länger.“
  • Zwei Sachverständige arbeiten in dem Lager.

Nuureva hat Großes auf dem Cannabismarkt vor

Nach Aussage von Knopp möchte Nuureva „der weltweit größte Anbieter für Medizinalcannabis werden“. Das Unternehmen wurde erst vor einem Jahr gegründet und ging in Kanada gerade an die Börse. Geld verdient der Konzern in Deutschland allein mit dem Import des medizinischen Cannabis. 1,2 Tonnen für medizinische Zwecke aus Kanada eingeführtes Marihuana will Nuureva ab 2018 an Apotheken in Deutschland verkaufen. Der Konzern soll sich auch an der Ausschreibung für den legalen Anbau von Cannabis in Deutschland beteiligt haben. Eine Bestätigung gibt es dafür allerdings nicht.

Ärzte in Deutschland können ihren Patienten seit März 2017 Cannabis auf Rezept verordnen. Die Krankenkassen sollen es auf Antrag des Arztes bezahlen.

Für wen das infrage kommt, wie das Medikament zum Patienten gelangt und was beim Einnehmen zu beachten ist – ein Überblick.

Welche Patienten können mit Cannabis behandelt werden?

Bisher ist die Studienlage sehr dürftig, erklärt Michael Überall, Arzt und Präsident der Deutschen Schmerzliga. „Es gibt aktuell ausreichend Daten zu einer erfolgreichen Schmerzbehandlung von Patienten mit Neuropathien, Tumorschmerzen sowie Spastik bei Multipler Sklerose“, sagt er. Denkbar sei aus seiner Sicht darüber hinaus der Einsatz bei Patienten mit chronischen Schmerzen, die dadurch psychisch stark beeinträchtigt werden: „Cannabis wirkt ja unter anderem distanzierend, so dass Patienten damit mitunter etwas Abstand zu ihren chronischen Schmerzen bekommen.“

Ersetzt Cannabis in solchen Fällen andere Medikamente?

Nein. „Cannabis kann und sollte anfänglich zusätzlich zur bisherigen Medikation gegeben werden“, sagt Überall. Viele Patienten berichten, dass Cannabis gerade, wenn die bisherige Therapie nicht ausreichend wirksam war, die Beschwerden lindern kann. So ist es laut Gesetz auch vorgesehen. Cannabis soll nur als letzte Option in Betracht gezogen werden – wenn alle anderen Therapieformen nicht erfolgreich waren.

In welcher Form wird Cannabis verschrieben?

Der Arzt kann entweder die beiden in Deutschland verfügbaren Fertigarzneimittel verschreiben, sogenannte Rezepturarzneien mit Cannabisextrakten, oder die Blüten der Pflanze. Viele Patienten berichteten, dass die ganze Blüte ihnen deutlich besser helfe als eine Fertigarznei, erklärt Andreas Kiefer, der Präsident der Bundesapothekerkammer. „Die Blüte enthält mehr als 100 Wirkstoffe, die möglicherweise zusammenwirken.“

Wie nimmt der Patient die Cannabis-Blüten zu sich?

Niemand soll Cannabisblüten in einem Joint verbrennen, sagt Kiefer. „Dabei ist die Menge, die der Patient zu sich nimmt, nicht reproduzierbar.“ Die Blüten selbst lassen nicht so genau abwiegen – sie werden daher vom Apotheker zermahlen. Der Patient erhält das Pulver portioniert oder mit einem Dosierlöffel. Er kann sich daraus einen Tee kochen oder das Pulver auf einen elektrischen Verdampfer geben. „Der Dampf wird zum Beispiel in einer Kunststofftüte gesammelt, die der Patient anschließend leer atmet“, erklärt Kiefer. Wichtig sei, dass die Blüten erhitzt werden: „Erst bei rund 160 Grad werden alle Wirkstoffe freigesetzt.“ Deswegen sei eine Inhalation oft wirksamer als das Trinken von Tee, denn siedendes Wasser hat nur 100 Grad Celsius. Die Anschaffungskosten für den Verdampfer übernehmen die Kassen allerdings nicht, betont Überall.

Wie werden Cannabis-Blüten dosiert?

Der Arzt muss die Dosierung auf dem Rezept angeben. Bei den Fertigarzneien und Rezepturarzneien gibt es dafür Empfehlungen. Bei Cannabisblüten muss er auf dem Betäubungsmittelrezept exakte Angaben zu Blütensorte, Verordnungsmenge und Anwendungsform geben. Das sei für unerfahrene Ärzte eher schwierig, sagt Überall. Zudem ist die Bandbreite viel größer als zum Beispiel bei Schmerzmitteln, fügt Kiefer hinzu. Bei gängigen Schmerzmitteln liege die Höchstdosis zum Beispiel beim Sechsfachen einer einzelnen Tablette. „Bei Cannabisblüten ist es mehr als das 50-fache.“

Zahlen die Krankenkassen Cannabis immer, wenn der Arzt es gut heißt?

Nein. Cannabis als Medizin ist keine Regelleistung der Krankenkassen, sondern unterliegt einem sogenannten Erstattungsvorbehalt. Der Arzt muss in einem Antrag drei Dinge nachweisen: erstens, dass der Patient schwer krank ist. Bei einem chronischen Schmerzpatienten, der weiterhin arbeiten geht, kann das schwierig sein. Zweitens muss dargelegt werden, dass alle gängigen Behandlungsmöglichkeiten erfolglos ausgeschöpft wurden. Und drittens, dass die Gabe von Cannabis Erfolg versprechend ist und die zu erwartenden Wirkungen und Nebenwirkungen in einem positiven Verhältnis zueinander stehen.

„Dazu legt man normalerweise als Beleg eine Studie vor“, sagt der Präsident der Schmerzliga – von denen es aber zu Cannabis als Medizin nur eine begrenzte Anzahl gibt. Bisher lehnen die Kassen die Übernahme laut Überall häufig ab. In dem Fall hat der Patient wie früher natürlich auch die Möglichkeit, die Kosten selbst zu tragen.

Wie groß ist das Interesse an medizinischem Cannabis in Schleswig-Holstein?

Patienten fragen in Schleswig-Holstein verstärkt nach Cannabis als Medizin. „Wir gehen davon aus, dass derzeit rund 100 Menschen im Land mit Cannabis-Produkten behandelt werden“, sagte der Geschäftsführer der Apothekerkammer, Frank Jaschkowski, im August 2017. Vor der Gesetzesänderung habe es nur vereinzelte Fälle im Norden gegeben.

Eine ähnliche Entwicklung hat die Barmer Ersatzkasse beobachtet. „Nach der Gesetzesänderung hat es einen deutlichen Schub an Anträgen gegeben“, sagte Barmer-Sprecher Wolfgang Klink. Bis Ende Juni 2017 gab es bei der Krankenkasse 51 entsprechende Anträge, von denen 40 genehmigt wurden. Konkrete Vergleichszahlen konnte der Sprecher zwar nicht nennen. Es habe vor der Änderung jedoch deutlich weniger Fälle gegeben.

(mit Material der dpa)

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