Weimarer Koalition : Kämpfer für die Demokratie – Reichsbanner SH reloaded

Kay Müller von 10. September 2018, 21:34 Uhr

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Sammlerstücke wie Fahnen oder Figuren des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold sind heute selten: Jürgen Weber sammelt einige von ihnen und möchte so die Geschichte des Bundes aufrecht erhalten. Fotos: Staudt
Sammlerstücke wie Fahnen oder Figuren des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold sind heute selten: Jürgen Weber sammelt einige von ihnen und möchte so die Geschichte des Bundes aufrecht erhalten. Fotos: Staudt

Warum ein ehemaliger Bund für Frontkämpfer aus dem Ersten Weltkrieg heute eine kleine Renaissance erleben könnte.

Kiel | „Das Blut lief nur so aus ihm heraus. Unten im Saal hatten sie ihm ein Messer reingerammt. Und der ist durch den Saal noch die Treppe rauf bis auf die oberste Stufe – und dann kippte er weg.“ So erinnert sich ein Augenzeuge an die letzten Minuten des 40-jährigen Landarbeiters Johann Bues, der am 11. Juli 1932 beim Sturm der SA auf das Gewerkschaftshaus in Eckernförde erstochen wird. Nur wenige Minuten zuvor haben die Nazis den 19-jährigen Hinrich Junge ermordet – wie Bues Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Die Mörder werden nie gefunden. 86 Jahre später steht Jürgen Weber in seinem Büro in Kiel und schaut nachdenklich auf die Bilder der Ermordeten. 21 Jahre war Weber Landtagsabgeordneter für die SPD, bis Juni deren Kieler Kreischef. Immer wieder hat er über die Geschichte seiner Partei geforscht, jetzt arbeitet er an einem Buch über das Reichsbanner, das Ende nächsten Jahres erscheinen soll. Demokratische Frontkämpfer Dazu will er das Reichsbanner, das ursprünglich eine Organisation von demokratisch gesinnten Frontkämpfern des Ersten Weltkriegs war, in Schleswig-Holstein wiederbeleben. „Ich finde, dass die Herausforderungen, vor denen unsere Demokratie steht, das nötig machen“, sagt der 63-Jährige. Weber glaubt zwar nicht, dass die Demokratie wie in den 20er- und 30er-Jahren mit Gewalt verteidigt werden muss, aber die Werte, die Mitglieder des Reichsbanners verbanden, sind für ihn noch aktuell: Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit.   Die sind 1924 in Gefahr. Die Republik ist erst wenige Jahre alt und durch Putsch-Versuche und Inflation erschüttert. SPD, DDP und Zentrum gründen als Parteien der Weimarer Koalition und als Reaktion auf konservative Kriegerverbände wie den Stahlhelm das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Ziel des Verbandes, der in seinen Hochzeiten drei Millionen Mitglieder zählt, ist es, die Republik und ihre Werte zu verteidigen – notfalls auch mit Gewalt, was in der in Teilen pazifistischen SPD umstritten ist. „Meist waren die Mitglieder Genossen“, sagt Weber, als er alte Fotos durchblättert. „Sie wurden von den Mitgliedern anderer Frontkämpferbünde ausgelacht, weil sie keine einheitlichen Uniformen hatten. Man verspottete sie als ,schwarz-rot-senf‘.“ Weber hat Fahnen gesammelt, darunter die des Reichsbanners Gross Kiel, die jahrelang als verschollen galt. „Ein alter Genosse hat sie in einer Holzkiste auf dem Dachboden gefunden“, erzählt Weber, der am liebsten eine Ausstellung über das Reichsbanner in Schleswig-Holstein machen würde – und dafür noch Devotionalien sucht. „Das meiste ist aber vermutlich vernichtet worden – aus Angst vor den Nationalsozialisten.“ Mehr als 50.000 Mitglieder Vielleicht auch deshalb ist die Geschichte des Reichsbanners in Schleswig-Holstein nicht erforscht. „Es gibt kaum Mitgliedsdaten, ich schätze aber, dass es im Norden zwischen 50.000 und 70.000 Mitglieder gab – darunter Prominente wie der Kieler Professor Ferdinand Tönnies“, sagt Weber. Mit Lkws oder Rädern fahren die Arbeiter aus den Städten aufs Land, um die Menschen für die Republik zu begeistern – „mit mäßigem Erfolg“, wie Weber zugibt. Gewalttätige Auseinandersetzungen mit extremistischen Gruppen nehmen in den 30er-Jahren zu, mit den Schutzformationen entstehen auch beim Reichsbanner paramilitärische Einheiten. „Allein in Kiel gab es davon drei Hundertschaften“, sagt Weber. 1931 bildet das Reichsbanner mit dem Arbeiter-Turn- und Sportbund, dem Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund und der SPD die Eiserne Front. Doch auch die kann nicht verhindern, dass die Nazis 1933 die Macht übernehmen. Die Organisation wird verboten, ihre Mitglieder werden verfolgt.   Nach dem Krieg wird das Reichsbanner zwar wiederbelebt, aber es erreicht nie mehr den Stellenwert, den es in der Weimarer Republik hatte. „Es hatte ja auch keine Ruhmesgeschichte vorzuweisen, weil es nicht mal den Versuch unternommen hat, den Untergang der Republik zu verhindern“, sagt Weber. Außerdem seien Wehrverbände nach dem Krieg nicht wirklich en vogue gewesen. „Das Reichsbanner wurde ein Rentnerverein.“ Erst in den 2000er-Jahren gibt es eine kleine Renaissance, heute hat das Reichsbanner ein paar hundert Mitglieder, prominente Sozialdemokraten wie Gerhard Schröder, Sigmar Gabriel oder Martin Schulz zählen dazu, Vorsitzender ist der Hamburger Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs. „Plötzlich kamen mehr junge Leute, die die Aktualität dieser Organisation erkannt haben, die sich gegen extreme Positionen von links und rechts positioniert und zeigt, dass die Demokratie wehrhaft ist“, sagt Weber. Dazu gehöre auch, demokratische Symbole wie die schwarz-rot-goldene Fahne nicht rechten Organisationen wie Pegida oder der AfD zu überlassen. Weber will keine Straßenschlachten wie in den 30er-Jahren, aber eine offene Diskussion. „Und um die Position der demokratischen Mitte zu vertreten, könnte das Reichsbanner ein Baustein sein, viel besser als eine politische Partei“, meint Weber, als er sich in einem Buch noch einmal die Bilder der Leichen von Johann Bues und Hinrich Junge ansieht und dann nachdenklich ergänzt: „Ich finde es wichtig, dass junge Menschen heute wissen, dass die Welt, in der sie leben, in der es Meinungsfreiheit gibt, die viele als Selbstverständlichkeit sehen – dass für diese Welt Menschen in den Knast gegangen, verfolgt oder gar umgebracht worden sind.“ ...

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