Sorge vor Antisemitismus : Jüdisches Leben in SH: Rabbiner auf Honorarbasis

Viktoria Ladyshenski (von links) vom Landesverband Jüdische Gemeinschaft SH, Igor Wolodarski, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinschaft SH und Landesrabbiner Dov-Levy Barsilay.

Viktoria Ladyshenski (von links) vom Landesverband Jüdische Gemeinschaft SH, Igor Wolodarski, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinschaft SH und Landesrabbiner Dov-Levy Barsilay.

Lange Zeit war jüdisches Leben in Schleswig-Holstein kaum vorhanden – doch nun tut sich was.

shz.de von
04. Juni 2018, 13:45 Uhr

Kiel | Jüdisches Leben in Schleswig-Holstein? Jahrzehntelang fand das so gut wie gar nicht mehr statt; Hamburg war die nächstliegende Gemeinde. Mit den Zuwanderungen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion sind auch die jüdischen Gemeinden im Norden belebt worden, zwei 2002 und 2004 neu gegründete Landesverbände kümmern sich um die Belange ihrer Mitglieder, und gerade hat Karin Prien, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur, einen Staatsvertrag auf den Weg gebracht, der den jüdischen Gemeinden „erhebliche Verbesserung der Situation des jüdischen Lebens in Schleswig-Holstein“ verspricht. Und dennoch: Der Weg zur Normalität ist für Juden in Schleswig-Holstein noch längst nicht zu Ende gegangen.

Wenn es ums Finanzielle geht, ist Igor Wolodarki erleichtert. Der neue Staatsvertrag sieht eine Erhöhung der Landesleistungen von 500.000 auf 800.000 Euro pro Jahr mit jährlicher Dynamisierung ab 2019 vor. Das sei zwar nicht die Million, die man sich erhofft habe, aber mit dieser Summe, so sagt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein, sei die Existenzbedrohung ausgeschaltet. Die Ziele seines Verbandes sind klar umrissen: An erster Stelle steht der Aufbau der Kinder- und Jugendarbeit, an zweiter Stelle der Plan, jeder der drei Gemeinden seines Landesverbandes einen eigenen Rabbiner oder zumindest einen Kantor an die Seite zu stellen. Bisher gibt es einen Rabbiner mit dem jungen Nathan Grinberg nur in der Lübecker Gemeinde – „mit bescheidener Bezahlung“, sagt Wolodarski.

Der Nachwuchs hat es schwer

Kiel und Flensburg, die anderen beiden Gemeinden unter dem Dach der Jüdischen Gemeinschaft des Landes, können sich lediglich einen Rabbiner bei Bedarf auf Honorarbasis leisten. „Aber der ist eben nicht immer der gleiche“, sagt Wolodarski und legt den Finger in die Wunde: „Es kann kaum eine persönliche Bindung zwischen Rabbiner und Gläubigen entstehen. Das wiederum wäre besonders wichtig für Kinder und Jugendliche.“ Und weil man sich denen bislang ohnehin aus Geldmangel viel zu wenig habe widmen können, sei eine Jugendgeneration bereits verloren gegangen. „Aber es gibt viele Kinder, die wir mit unserer Kultur und der Religion vertraut machen wollen.“

Wachsender Antisemitismus bereitet Sorgen

Doch es sind nicht nur die nächsten Generationen, die an traditionelles Wissen und an Rituale herangeführt werden müssen. Die Zuwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion sind aus einer Welt gekommen, in der Religion verboten war. „Wir haben nur kleine Stücke aus der Heimat mitgebracht“, sagt Igor Wolodarski. Gerade ist er selbst wieder auf eine dieser diktatorisch geschlagenen Wissenslücken gestoßen: Bei der Schawuoth-Nachfeier in der Lübecker Carlebach-Synagoge nach einer Inschrift gefragt, musste er passen. „Judentum muss in allen Facetten gelebt werden“, sagt er und erzählt von seiner Großmutter, die so gut Jiddisch sprechen konnte, es sich selbst und anderen Familienmitgliedern aber verboten hat, um niemanden zu gefährden.

Das jüdische Leben in Schleswig-Holstein

In Deutschland leben derzeit schätzungsweise 250.000 jüdischstämmige Menschen, etwa 100.000 von ihnen sind in 105 jüdischen Gemeinden organisiert, die vom Zentralrat der Juden in Deutschland vertreten werden.

Mitglieder im 1950 gegründeten Zentralrat sind die beiden jüdischen Landesverbände in Schleswig-Holstein: der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein, in dem die der liberalen Strömung folgenden Jüdischen Gemeinden Bad Segeberg, Pinneberg, Ahrensburg-Stormarn, Elmshorn, Kiel und die erst 2016 gegründete Liberale Jüdische Gemeinde Lübeck organisiert sind (insgesamt 713 Mitglieder); zweiter Landesverband ist die Jüdische Gemeinschaft in Schleswig-Holstein mit Gemeinden in Flensburg, Kiel und Lübeck (insgesamt 1161 Mitglieder).

Als „orthodox“ wird die Ausrichtung der Jüdischen Gemeinschaft gemeinhin bezeichnet, die Gemeinschaft selbst möchte diese als „traditionell“ bezeichnet wissen. Beide Landesverbände sind Körperschaften des öffentlichen Rechts. Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein wurde im Jahr 2002 gegründet und ist somit der erste neu gegründete Landesverband der Nachkriegszeit im Land.

Bis dahin wurde das gesamte jüdische Leben im Land – der nach der Shoah gebildete Verband der Jüdischen Gemeinden in Schleswig-Holstein hatte sich 1968 wegen Mitgliedermangels aufgelöst – von der Jüdischen Gemeinde Hamburg verwaltet. Die Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein wurde im Oktober 2004 gegründet.

 

Viktoria Ladyshenski, Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein, hat ähnliche Erinnerungen. Ihre Großmutter habe am Freitagabend heimlich die Shabbat-Kerzen angezündet; was das bedeutet, habe sie den Kindern nicht zu erklären gewagt. „Als wir in den 1990er-Jahren nach Deutschland kamen, haben wir nicht nur als Emigranten, sondern auch als Juden ganz neu angefangen“, sagt sie. Eigentlich sei man nun auf einem guten Weg, sagt Wolodarski und berichtet zugleich von der Sorge der Juden im Land angesichts des wachsenden Antisemitismus, den er für alle gesellschaftlichen Schichten beschreibt.

Auch wegen solcher bedrohlicher Gemengelagen kommen die unterschiedlichen Strömungen des Judentums, die bei den Christen so selbstverständlich diskutiert werden, im schleswig-holsteinischen Alltag kaum zum Tragen. Die Tradition, auf die in der Jüdischen Gemeinschaft, beispielsweise mit der Trennung von Frauen und Männern in Gebetsräumen, geachtet wird, ist in den nunmehr sechs Gemeinden, die der liberale Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein vertritt, kein Thema. „Rituelle Gesetze müssen immer wieder hinterfragt werden, um sie dem jeweiligen Lebensumfeld anzupassen“, sagt sein Vorstand und Mitbegründer Walter Blender und beschreibt ebenfalls ein Phänomen, das mit den Zuwanderern noch stärker hervorgetreten ist: „In schwierigen Zeiten ist man zusammengerückt, Ehepaare haben sie gemeinsam durchgestanden. Und nun sollen sie beim Gebet wieder getrennt werden?“ Seine Töchter würden das ohnehin auch verweigern, sagt er.

Hoffnung auf neuen Staatsvertrag

Auch Blender ist erleichtert über die Aussicht auf den neuen Staatsvertrag, der, so Ministerin Prien, analog zur Regelung in den Staatsverträgen mit den christlichen Kirchen „zukunftsfähig ausgestaltet“ werde. Und auch Bender formuliert Ziele: „Eine liberale Synagoge in Kiel.“ Gespräche mit der Landesregierung laufen, gesucht wird ein für einen entsprechenden Umbau geeignetes Objekt.

„Und vielleicht eine kleine Synagoge für die neue Liberale Jüdische Gemeinde Lübeck.“ Die Synagoge in der Hansestadt, die einzige Synagoge in Schleswig-Holstein, die nach der Shoah noch als solche genutzt wird, ist Heimstatt der traditionell ausgerichteten Jüdischen Gemeinde Lübeck – und zugleich Symbol für die bittere Geldnot der jüdischen Gemeinden. Die dringend notwendige Sanierung des symbolstarken Gebäudes geht nur mit Hilfe von Bund, Land und Possehl-Stiftung voran. „Aber sie geht voran“, heißt es in der Gemeinde. Dort heißt es auch: „Die Carlebach-Synagoge: Projekt aller Lübecker.“

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