SHMF in Flensburg : Judith Holofernes rockt die Werft

Natürlichkeit statt Perfektion:  Judith Holofernes reißt auch das ältere Publikum von den Plätzen.
Natürlichkeit statt Perfektion: Judith Holofernes reißt auch das ältere Publikum von den Plätzen.

Ein lockerer musikalischer Abend bei Robbe & Berking in Flensburg begeistert das Festivalpublikum.

shz.de von
19. Juli 2018, 19:03 Uhr

Flensburg | „Ich habe gehört, dass wir heute Abend mal alles anders machen sollen.“ Judith Holofernes schaut breit grinsend in den Publikumsraum der Robbe & Berking Werft. Statt der Masten edler Segelyachten ragen hier sieben Mikrofone in die Höhe. Die ehemalige Frontfrau der „Wir sind Helden“ ist mit ihrem Soloprojekt zum Schleswig-Holstein Musikfestival gekommen, um den Klassik-Enthusiasten mal den Rock’n’ Roll nahe zu legen.

Ein SHMF-Konzert, das also anders funktioniert als sonst. Aber genau das gefällt Holofernes sehr. Das Konzert beginnt auch mit 20-minütiger Verspätung. So geht Rock’n’ Roll – auch bei einem Klassik-Festival.

Deutsch-färöische Kooperation

Den Anfang macht dann solo mit drei Songs am E-Piano der zuvor von Holofernes persönlich vorgestellte Songwriter Teitur Lassen von den Färöer Inseln. Holofernes hatte ihn kennengelernt, weil sie die Angewohnheit hat, Lieblings-Songs anderer Musiker in deutscher Sprache „heimlich“, wie sie dem Publikum schelmisch verrät, bei ihren Konzerten zu spielen. Teiturs Manager hatte dieses heimliche musikalische Laster Holofernes’ entdeckt und eine Kooperation vorgeschlagen.

Aus diesem Projekt, das sich in Berlin und auf den Färöer-Inseln zugetragen hatte, haben Holofernes und Lassen ihre jeweils neuen Alben entwickelt. Nach Teiturs Impromptu speist sich das Programm aus den ersten beiden Holofernes-Soloalben „Ein leichtes Schwert“ (2014) und „Ich bin das Chaos“ (2017), für das die Berlinerin zusammen mit Teitur Songs geschrieben hat – acht für ihr eigenes Album, vier für Teiturs im Juni herausgekommenes Album „I Want To Be Kind“.

„Du bellst vor dem falschen Baum“

So hört das Publikum etwa die walzernde Ballade „Die Leiden der jungen Lisa“, das ruppige „Platz da“ (bei dem die Sängerin mittendrin eine passende Passage aus ihrem Lyrik- Buch „Du bellst vor dem falschen Baum“ vorliest), das rock’n’rollige „Charlotte Atlas“, das musikalisch etwas plumpe „Ich bin das Chaos“, mit „The Geek (Shall Inherit)“ und „Der Krieg kommt schneller zurück, als du denkst“ auch Wir-sind-Helden-Songs sowie englisch-deutsche Duette mit Teitur ohne Band – „Sarah“ und „Catherine The Waitress“. Teitur fügte sich live vortrefflich in Holofernes’ Band.

Dafür, dass da vorn eine 41-jährige Sängerin, Gitarristin und Songschreiberin mit ihrer Band ein nicht selten gehörig krachendes Rockkonzert gibt, stehen hier überraschend viele deutlich-Ü-60-Zuhörer – cool. „Ich glaube, der Altersdurchschnitt ist etwas höher als sonst“, stellt Holofernes freudig fest und lacht laut ins Mikrofon.

Es ist Holofernes’ unglaubliche Natürlichkeit und Lockerheit, die den Abend in der Fertigungshalle der Flensburger Werft zu einem besonderen werden lässt, auch wenn die Akustik nicht wirklich perfekt, die Abmischung der Tonmeister nicht wirklich stimmig und das Publikum manchmal etwas zu unruhig ist, vor allem, wenn Teitur seine innigen Balladen von den emotionalen Verwirrungen des Verliebtseins vorträgt.
 

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