Sylter Strand-Gespräch : Johannes B. Kerner: „Beim DFB redet nicht jeder mit jedem“

Eine illustre und kompetente Gesprächsrunde diskutiert über aktuelle Sportthemen im Weinkeller der „Sansibar“ .

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02. August 2018, 22:12 Uhr

Sylt | Das peinliche Ausscheiden der deutschen Fußball–Nationalmannschaft bei der WM in Russland. Der Hamburger SV und Holstein Kiel in der Zweiten Liga – kurz vor dem Auftaktspiel beider Vereine am Freitag im Volksparkstadion. Behält Bayern seine Ausnahmestellung in der Bundesliga? Oder: Wie geht es mit dem THW Kiel in der Handball-Bundesliga weiter? Unter der Moderation vom stellv. sh:z-Chefredakteur und Sportchef Jürgen Muhl diskutierten beim 3. Sylter Strand-Gespräch im Weinkeller der Sansibar auf Sylt Gastgeber Herbert Seckler, TV-Moderator Johannes B. Kerner, THW Kiel-Geschäftsführer Thorsten Storm, HSV-Clubmanager Bernd Wehmeyer und Wolfgang Schwenke, Geschäftsführer von Holstein Kiel.

Hier das Gespräch in Auszügen.

Herbert Seckler, hat sich das WM-Aus für Ihr Geschäft positiv ausgewirkt?

Seckler: „Es war gut für den Umsatz, aber trotzdem ist es traurig. Tief traurig. Und es sieht nicht so aus, dass es kurzfristig besser wird. Da habe ich große Sorgen.“

Kerner: „Es heißt, es gibt keine Kleinen mehr. Doch, doch, die gibt es noch. Wir, Deutschland. Wir gehören zu den Kleinen. Nach Panama ist Deutschland die zweitschlechteste WM-Elf. Vielleicht auf Augenhöhe mit Costa Rica. Sie merken: Ich bin auch heute noch tief enttäuscht von den Leistungen einzelner Spieler, ich bin enttäuscht von der Causa Özil und vom Krisenmanagement des DFB.“

Wehmeyer: „Alle haben geglaubt, ja, wenn es richtig ernst wird, sind wir schon da. Aber da war es zu spät, man konnte nicht mehr den Schalter umlegen.

Kurze Zwischenfrage, Wolfgang Schwenke: Hat Holstein den inzwischen verpflichteten Südkoreaner Lee Jae-Song während der WM beobachtet?

Schwenke: „Wir kannten seine Stärken schon vorher. Bei der WM haben sich unsere guten Eindrücke bestätigt.“

Kerner: „Das Thema Nationalmannschaft ist noch längst nicht durch. Lasst uns im September gegen Frankreich verlieren, schöne Grüße dann nach Südwestdeutschland. (Kerner meint offenbar Bundestrainer Löw, der aus dem Schwarzwald stammt). Ich bin gespannt. Es gibt so viele Fragen. Wieso entscheidet Toni Kroos Champions League-Spiele und in der Nationalmannschaft taucht er unter?“

Wehmeyer: „Sie haben nach links, nach rechts gespielt, aber nicht zielgerecht. Die Leidenschaft fehlte.“

Storm: „Es ist doch merkwürdig, dass die Herren in der Champions League Gas geben, im Nationaltrikot aber nicht.“

Kerner: „Der mit Abstand beste Spieler in der Vorbereitung war Marco Reus. Löw hat ihn aber nicht gleich gebracht. Das hat die Mannschaft verunsichert. Als die Causa Özil hochkam, hat einer der Sponsoren (Mercedes, Die Red.) seine Kampagne geändert. Özil raus aus der Mitte des Fotos, Sane rein). Das war zwei Tage vor der Kaderbekanntgabe. Da fehlte dann Sane. Offenbar redet beim DFB nicht jeder mit jedem. Da ist einiges faul. Und warum soll all dies im September nicht mehr der Fall sein? Da stimmt etwas nicht. Die Nationalmannschaft wird uns weiter beschäftigen, da bin ich mir sicher.“

Seckler: „Man hat der Mannschaft angesehen, dass es ihr an Freude fehlt. Das sieht in meiner Betriebsmannschaft anders aus. Die gehen fröhlich zur Arbeit. Es war schön, zu sehen, wie Spieler der anderen Teams ihre Hymnen singen.

Schwenke: „Daran muss es aber nicht liegen.“

Wehmeyer: „Manchmal reicht es schon, konzentriert der Hymne zuzuhören. Aber auch das war nicht der Fall.“

Auch Holstein Kiels Geschäftsführer Wolfgang Schwenke musste vor dem Gespräch erst einmal „verkabelt“ werden.
Syltpicture
Auch Holstein Kiels Geschäftsführer Wolfgang Schwenke musste vor dem Gespräch erst einmal „verkabelt“ werden.
 

War es richtig, den Vertrag mit Löw vor der WM zu verlängern?

Kerner: „Ein angenehmer Zeitgenosse, der Jogi Löw. Ich mag ihn menschlich. Was mich jedoch überrascht hat, ist, dass er schon nach relativ kurzer Zeit nach der WM gesagt hat, er mache weiter. Das hat mich gewundert.“

Wehmeyer: „Löw will mit dieser Pleite nicht abtreten.“

Kerner: „Bin gespannt, ob es besser wird. Da habe ich meine Zweifel.“

Wird sich die WM-Pleite negativ auf die Bundesliga auswirken?

NEIN, heißt es in der Runde einstimmig.

Gelingt den Bayern in der neuen Saison wieder einen Durchmarsch?

Schwenke: „Ja, die sind allen weit voraus.“

Seckler: „Ein toller Wirtschaftsbetrieb, der FC Bayern. Die machen es wieder.“

Wehmeyer: „Nur Dortmund und Schalke können sich den Bayern annähern. Aber eben nur annähern.“

Kerner: „Irgendwann werden die Bayern nicht mehr Meister. Aber wann wird das sein? “

Und in der Handball-Bundesliga?

Storm: „Flensburg-Handewitt ist verdient Meister geworden, die machen seit Jahren einen tollen Job. Aber in der nächsten Saison wollen wir es schaffen.“

Gute Laune: Thorsten Storm und Johannes B. Kerner (rechts)  hatten sichtlich Spaß an der Talkrunde.
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Gute Laune: Thorsten Storm und Johannes B. Kerner (rechts)  hatten sichtlich Spaß an der Talkrunde.

 

Zurück zum Fußball. Der HSV und Holstein stehen vor großen Herausforderungen. Aufstieg und Klassenerhalt?

Schwenke: „Wir hatten 36 Jahre keinen Bundesliga-Fußball in Kiel. Mit einem Aufstieg in die erste Liga hätten wir einige Jahre gut gemacht und es hätte uns wirtschaftlich gut getan. Es wird ein schwieriges zweites Jahr. Unser Ziel ist der Klassenerhalt. Klare Favoriten sind Köln und der HSV. Ich freue mich riesig auf unsere zweite Saison. Wir haben erstmals einen Etat von zehn Millionen Euro. Dieses Geld zusammen zu bekommen, das ist schon nicht so einfach.“

HSV-Clubmanager Bernd Wehmeyer weiß, dass der sofortige Wiederaufstieg der Hamburger kein Selbstgänger ist.
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HSV-Clubmanager Bernd Wehmeyer weiß, dass der sofortige Wiederaufstieg der Hamburger kein Selbstgänger ist.

 

Tut der Abstieg noch weh, Bernd Wehmeyer?

Wehmeyer: „Ja natürlich. Aber jetzt ist in Hamburg die Euphorie groß. Für das Spiel gegen Holstein hätten wir 100 000 Karten verkaufen können. Wir sind gefordert. Unser Ziel ist der sofortige Wiederaufstieg. Aber es wird schwer. In der Zweiten Liga müssen wir den Kampf annehmen. Von der ersten Sekunde an. Siehe Nationalmannschaft. Die hat den Kampf nicht angenommen.“

Kerner: „Dran denken, es kann matschig werden auswärts im Winter bei minus 10 Grad in Aue. Aufgepasst. “

Wehmeyer: „Das wissen wir alles. Nächstes Jahr kommen wir als Erstligist ins Trainingslager nach Schleswig-Holstein.“

Muhl: „Das halten wir fest, ist notiert!“

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