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Landtagswahl in SH : Jörg Nobis (AfD): Er will politischer Kapitän sein

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Während seine Parteikollegen mit rechten Parolen Stimmenfang betreiben, gibt sich Spitzenkandidat Jörg Nobis liberal-konservativ. Profitieren könnte er von den extremen Positionen aber trotzdem.

shz.de von
erstellt am 12.Apr.2017 | 10:13 Uhr

Kiel | „Der Wind kommt von vorn – das passt doch zur AfD“, sagt Jörg Nobis als er auf die Terrasse des Restaurants tritt und auf den Schwedenkai blickt, den er als Treffpunkt vorgeschlagen hat. Am Wasser fühlt sich der Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl wohl. „Klar zur Wende“, heißt sein Wahlslogan. Nicht ganz neu, viel mehr schon so alt, dass man ihn wieder mal nehmen könne, sagt Nobis’ Stellvertreter Volker Schnurrbusch. Auf den Wahlplakaten lächelt Nobis harmlos und nett, fast ein bisschen bieder.

Der Spitzenkandidat will noch rasch etwas essen, bestellt Burger und Pommes und schafft dann doch nicht alles, weil er erzählt, wie er in die AfD gekommen ist – und wie er seine Partei mit einem zweistelligen Ergebnis in den Landtag lotsen will. Der 41-Jährige lernt noch Politik – und irgendwie scheint er nicht richtig zu passen zur AfD, die den beleidigenden Alexander Gauland, die schrille Frauke Petry und den rechtsradikalen Björn Höcke in ihren Reihen hat.

Und Nobis ist all das nicht, was viele AfD-Kritiker im Gros seiner Partei sehen: Er ist gut gebildet, hat fast die ganze Welt gesehen, verdient gutes Geld. „Ich sehe mich als Weltbürger“, sagt Nobis – ein ungewöhnlicher Satz für einen Landesvorsitzenden einer rechtspopulistischen Partei. Nobis glaubt, dass seine Tugenden in der AfD gefragt sind. „Da braucht es mal einen Seemann. Einen, der mit allen umgehen kann – wie an Bord eines Schiffes.“ Nobis will eine Art politischer Kapitän sein.

Geboren wurde er in Recklinghausen, mit 18 entdeckt er bei einem Praktikum an Bord eines Schiffes nach Mexiko seine Liebe für die Seefahrt. Er absolviert eine Ausbildung zum Schiffsmechaniker, studiert anschließend und fährt als Offizier an Bord von mehreren Kreuzfahrtschiffen um die Welt. Mehrere Jahre hat er eine Wohnung in Mexiko, lebt mit einer Mexikanerin zusammen. In seinem deutschen Pass steht als Wohnort Nassau / Bahamas – dem Sitz der Reederei, für die er arbeitet. „Ich habe gelernt, wie man sich als Deutscher im Ausland verhält – und nichts anderes erwarte ich von den Menschen, die zu uns kommen.“

2007 lernt er an Bord eines Kreuzfahrers seine heutige Frau kennen, die beiden wollen eine Familie gründen und gehen an Land, wie Nobis das nennt. „Das ist mir nicht leicht gefallen.“ Heute hat er zwei kleine Söhne, wohnt in Kaltenkirchen (Kreis Segeberg) und arbeitet als nautisch-technischer Sachverständiger – prüft alles, was mit der Ladung von Schiffen zu tun hat oder begutachtet Schäden nach Unfällen.

Zurück in Deutschland beginnt Nobis sich wieder für Politik zu interessieren. „Ich wollte nicht nur meckern, ich wollte mitmachen.“ Bald wird er auf die AfD aufmerksam, Parteigründer Bernd Lucke gibt sich Euro-kritisch und plädiert für mehr direkte Demokratie. „Ich war Luckist“, sagt Nobis. In Schleswig-Holstein ist er von der ersten Stunde an in der AfD dabei. „Es war auch ein bisschen der Reiz des Neuen.“ 2013 ist er Direktkandidat für die Bundestagswahl.

Bald braucht ihn die Partei noch mehr. Lucke und die schleswig-holsteinische Frontfrau Ulrike Trebesius treten aus der AfD aus. „Ich wusste damals: Wer sich jetzt abspaltet, der hat seine politische Zukunft vertan“, sagt Nobis. Er bleibt. Und weil nach der Spaltung die AfD im Norden praktisch ohne Landesvorstand dasteht, wird er stellvertretender Vorsitzender. Kurz darauf gewinnt er den innerparteilichen Machtkampf gegen Parteichef Thomas Thomsen, der sich bis heute einen Rechtsstreit mit der AfD liefert. „Mit einem Rechtsruck hatte das alles nichts zu tun“, beteuert Nobis. Und sicher ist der neue Parteivorsitzende, der sich selbst als liberal-konservativ bezeichnet, kein Extremist.

Nobis ist kein Menschenfischer, er sagt von sich selbst, er formuliere eher wie in seinem Job als Ingenieur. Gesten setzt er sparsam ein, er ist kein Mann der lauten Töne, kein Krawallmacher – die stehen eher auf anderen Plätzen für die Landtagswahl, die Nobis anführt. So einer wie den Thüringer Landeschef Björn Höcke, der durch extrem rechte Parolen auffällt, wäre jedenfalls in Schleswig-Holstein nicht denkbar. Sagt Nobis. Aber er ist mit ihm in einer Partei – und Menschen wählen die AfD auch wegen rechter Parolen. So profitiert auch Nobis von dem Image, das die AfD hat. Die Partei steht nicht in den Umfragen für die Landtagswahl bei sechs Prozent, weil sie inhaltlich so wertvolle Vorschläge für Schleswig-Holstein gemacht hat, sondern weil sie den Protest artikuliert. Oder wie Nobis sagt: „Wir machen keine Probleme, wir benennen sie.“

„Mit Kleinen Anfragen nerven, die weh tun.“

Von ihm gibt es für einen AfD-Mann jedoch auch ungewöhnliche Statements wie: „Ich bin nicht generell gegen die EU.“ Oder: „Man sollte bei der AfD schon genau prüfen, ob man Bindungen mit anderen rechten Parteien in Europa eingeht, wie etwa dem Front National. Mir persönlich ist deren Chefin Marine Le Pen manchmal zu laut.“ Er habe nichts gegen Patriotismus, fügt er schnell hinzu und sagt, dass die Menschen von den sprudelnden Steuereinnahmen in Deutschland profitieren sollen, die hier schon länger leben. Und dass Migration geregelt werden müsse. Aber dann wieder Sätze wie: „Ich würde doch keine verfolgte syrische Familie abweisen.“ Oder: „Wir müssen verhindern, dass tausende Flüchtlinge im Mittelmeer qualvoll ersaufen.“ Europa wirke wie ein Magnet auf Menschen in Not. „Und wenn der Migrationsdruck durch zunehmende Bevölkerung steigt, werden noch mehr Menschen kommen.“ Nobis’ Vorschlag dazu: „Wir brauchen eine neue Art ganz konkreter Entwicklungshilfe.“ Das fordern sonst eher andere Parteien. Glaubt Nobis, dass das mehrheitsfähig ist in der AfD? Es stehe ja so ähnlich im Programm, sagt er, und seine Bundesvorsitzende Frauke Petry habe ja jüngst in Lübeck bei einer Wahlkampfveranstaltung seine Forderung gehört – und nichts dagegen gesagt.

Nobis zieht wie Petry manchmal den Zorn Andersdenkender auf sich. Gegen friedliche Demonstrationen habe er nichts, sagt Nobis, aber gegen gewalttätige. Er berichtet von AfD-Mitgliedern, die körperlich angegriffen worden seien, denen Reifen zerstochen wurden. Ihm sei das zum Glück noch nicht passiert, er habe auch keine Angst davor, dafür sei er schon an zu vielen dunklen Plätzen in der Welt gewesen. „Wer mich persönlich angreift, muss mit Gegenwehr rechnen.“ Er rechnet auch mit abgerissenen Plakaten der AfD, man sei auf eine „Materialschlacht“ vorbereitet. Aber Nobis gibt auch zu, dass die Debatte um Proteste rund um die AfD-Veranstaltungen manche Anhänger in ihrer Ansicht bestätige und die AfD daraus Kapital schlagen könne.

Wenn das so weiter geht, wird Nobis nach dem 7. Mai Landtagsabgeordneter sein. So richtig vorstellen kann er sich das noch nicht, sagt er, im Landeshaus sei er noch nie gewesen. In der Opposition will er die Regierung „mit Kleinen Anfragen nerven, die weh tun“.

Im Sommer will er aber erstmal mit seiner Familie nach Mexiko, ihnen zeigen, wie es woanders in der Welt ist. Ob es vielleicht dem einen oder anderen in der AfD auch gut täte, öfter ins Ausland zu fahren? Nobis überlegt und sagt dann: „Das könnte sicher nichts schaden.“

Weitere Porträts zur Landtagswahl

 

Porträts der weiteren Spitzenkandidaten für die Landtagswahl lesen Sie in den kommenden Tagen auf shz.de.

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