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Übergewicht bei Kindern : "Jetzt hänselt mich keiner mehr"

vom

Jedes fünfte Kind ist zu dick. Eine Magerkur hilft meist nur kurzfristig. Erfolgsversprechender ist das Langzeitprogramm eines Segeberger Arztes.

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2013 | 05:50 Uhr

Der Kandidat


Da ist ein Junge aus Wahlstedt, Lukas aus der Klasse 5b. Wie viele andere aus seiner Schule träumt der Elfjährige von einer Karriere als Fußball-Profi. Doch etwas unterscheidet ihn wesentlich von den Mitschülern: Lukas kann nur Jogging-Hosen tragen, denn "richtige Hosen", wie seine Mutter sagt, gibt es nicht in seiner Größe. Lukas ist dick, wirklich dick. 93 Kilo verteilt auf 1,60 Meter. Ärzte bezeichnen das als "adipös". Fettleibig. "Dickes Walross" rufen ihn seine Schulkameraden, oder "Fettsack".
"Ich hatte Zucker während der Schwangerschaft", sagt seine Mutter Sybille. "Lukas kam als Riesen-Baby zur Welt, er wog schon nach seiner Geburt mehr als sechs Kilo." Das überflüssige Gewicht konnte der kleine Körper damals nicht reduzieren. Stattdessen blieb ihm die Luft weg, Lukas reagierte mit Asthma. "Die Ärzte mussten meinem Sohn Kortison geben, das schwemmte ihn zusätzlich auf", berichtet die Mutter. "Er wurde bequem. Wenn seine Freunde bei uns klingelten, um ihn zum Spielen rauszuholen, seufzte er immer: Ach nee. Keine Lust. Nur wenn es ums Fußballspielen ging, verließ Lukas gern die Wohnung."
Der blonde Junge entdeckte eine andere Leidenschaft: Essen. "Donnerstags war Döner-Tag", erzählt er uns. "Am Sonnabend gab es Griechisch. Außerdem jede Woche Spaghetti Bolognese und Pizza. Ich hab das gern gegessen. Und was Oma nicht schaffte, bekam ich auf den Teller." Lukas’ Hunger wird immer größer. Er gewöhnt sich an, wie sein Stiefvater Uwe abends zwei Schnitzel zu essen. "Mein Mann arbeitet körperlich sehr hart", sagt die Mutter. "Für Lukas war es das Größte, genauso viel zu essen wie der Papa."
Die Eltern versuchen immer wieder, Lukas’ Kalorienzufuhr zu drosseln. Vergebens. "In diesen Zeiten schlich Lukas nachts an den Kühlschrank und aß heimlich." Die Folge: Das Gewicht des damals Elfjährigen nähert sich dem dreistelligen Bereich.

Die Idee


Und da ist ein Arzt aus Bad Segeberg. Dr. Michael Emken, 44 Jahre alt, Allgemeinmediziner mit eigener Praxis. Dem dreifachen Familienvater liegt gesunde Ernährung sehr am Herzen. Tag für Tag suchen ihn Patienten auf, die falsche Ernährung krank gemacht hat: Sie leiden an Diabetes, hatten einen Schlaganfall oder Herzinfarkt oder klagen über Gelenkschmerzen. Von psychischen Problemen ganz zu schweigen.
"Warum sollen wir Krankheiten behandeln, wenn man sie auch verhindern kann?", fragt Michael Emken. "Vor allem die, die durch falsches, oft einfach nur übermäßiges Essen und Trinken verursacht werden?" Um Essgestörten helfen zu können, absolviert er mehrere Zusatzausbildungen, unter anderem Ernährungsmedizin und Diabetologie.
Vor neun Jahren, Lukas ist zu diesem Zeitpunkt gerade drei Jahre alt, überlegte sich der Mediziner, übergewichtige Jungen und Mädchen mit ihren Eltern engmaschig zu betreuen. "Sicherlich leisten Spezialkliniken für diese Kinder hervorragende Arbeit. Die jungen Patienten nehmen in kürzester Zeit vorbildlich ab", sagt Dr. Emken. "Doch sind sie erst mal wieder zu Hause, verfallen die meisten in ihre alten, schlechten Gewohnheiten."
Nachhaltiger sei es, den Kindern ein ganzes Jahr lang in ihrem gewohnten Umfeld zur Seite zu stehen. Sie jede Woche zum Sport zu animieren, ihnen spielerisch die unterschiedlichen Qualitäten von Lebensmitteln vorzustellen, mit den Kindern zu toben, ihre Sorgen anzuhören, sich umfassend mit ihnen zu beschäftigen. So entsteht die Idee zu "junior marvelesse" (abgeleitet von marvelous: englisch für wunderbar), einem Erlebnistraining für Kinder und Jugendliche zwischen acht und zwölf Jahren in kleinen Gruppen. Emken gelingt es, nicht nur Sporttherapeuten, Ernährungsexperten und Psychologen ins Boot zu holen, auch mehrere Krankenkassen, an die er sich wendet, sind begeistert von diesem Projekt. Inzwischen übernehmen viele gesetzliche Krankenkassen die Kosten für das Zwölf-Monats-Programm zu Hundert Prozent.

Das Training


Lukas’ Leben wird derweil immer beschwerlicher. Eines Tags gibt sogar das Dach von Opas Gartenhäuschen unter seinem Gewicht nach - nachdem es die Kletteraktion jahrelang ausgehalten hatte. Lukas ist frustriert. Er fängt an, jeden Sonnabendabend "ein bis zwei" Tüten Gummibärchen zu futtern, den Sonntagabend versüßt er sich mit "ein bis zwei" Tafeln Schokolade.
Bis ihn sein Hausarzt in Wahlstedt eines Tages auf die Waage stellt. An dessen Reaktion erinnert sich Lukas mit einem schiefen Grinsen im Gesicht. "Lukas, du wiegst zu viel!" Der Arzt drückt der Familie einen Handzettel von "junior marvelesse" in die Hand, rät Mutter und Sohn, sich baldmöglichst bei Kollege Emken in Bad Segeberg vorzustellen.
"Mir war mein Gewicht egal", sagt Lukas heute. Mutter Sybille sah das anders. Sie meldet ihren Sohn bei Dr. Emken an. Mit vier Mädchen und drei Jungen, alle unterschiedlich übergewichtig, trifft sich Lukas nun jeden Freitagnachmittag in einer Segeberger Grundschule.
Zunächst toben sie mit Sporttherapeutin Janet Gerhardt eineinhalb Stunden durch die Turnhalle. "Die meisten müssen erst ihren eigenen Körper kennenlernen. Koordinative Übungen wie Bälle fangen und gezielt werfen können die Kinder anfangs meist nicht sehr gut, auch Trampolin springen oder an den Ringen turnen klappt nicht sofort", erklärt Janet Gerhardt, eine ausgebildete Krankengymnastin. "Aber sie lernen es. Genauso wie Durchhaltevermögen. Manche werfen schnell die Flinte ins Korn, wenn etwas nicht gleich gelingt. Wir bringen ihnen bei, buchstäblich am Ball zu bleiben."
Nach einer Erfrischungspause bei Obst und Mineralwasser schleppt Musiktherapeut Jochen Draeger ein paar afrikanische Trommeln in die Halle. Mit ihnen möchte er die Kinder aus ihren Gefühls-Gefängnissen befreien. "Mit dem Trommelspiel können sie zum Beispiel Angst und Traurigkeit zeigen. Sie dürfen ihren eigenen Rhythmus vorgeben und so ihre Gefühle ausleben", erklärt Jochen Draeger.
Lukas gefällt es super in der Gruppe. Besonders die lange Sport-Einheit mit den vielen Spielen macht ihm Spaß. Er findet neue Freunde, die sein Schicksal teilen. Und er lernt bei Ernährungsberaterin Christiane Eigner viel über Lebensmittel. "Ich dachte immer, Gemüse schmeckt nicht", lacht er. "Ich hatte es aber nie richtig probiert. Brokkoli, Karotten, Bohnen, rote Beete - das ist ja richtig lecker." Inzwischen hat er auch Obst lieben gelernt. Vor einem Jahr noch undenkbar.
Christiane Eigner, ausgebildete Diätassistentin, erwartet von den Kindern keinen Komplett-Verzicht auf ungesundes Essen. "Mit Verboten erreichen wir gar nichts. Vielmehr legen wir den Kindern nah, den Verzehr von Dickmachern zu reduzieren. Jeder darf sich eine Handvoll Süßigkeiten nehmen. Damit sollte er lernen, eine ganze Woche auszukommen. Wie, das bleibt jedem Kind selbst überlassen."
Eigner regt die Kinder an, wegen der kleineren Portionen nur noch von Frühstückstellern zu essen. "Wir sprechen auch über die klassischen Essfallen wie Futtern vorm Fernseher, Essen beim Spaziergang oder wenn man traurig ist", sagt sie. "Und über die Wege hinaus."

Der Erfolg


Ein Jahr später: Lukas isst immer noch Schokolade - allerdings kommt er jetzt mit einer Tafel im Monat aus. "Auf mehr habe ich keinen Appetit mehr, ehrlich!", sagt er. Ein intensives Gespräch mit Dr. Emken, nach dem er zu Hause in Tränen ausgebrochen war, hatte den Knoten zum Platzen gebracht. "Lukas meinte immer, er müsse so dick bleiben, um respekteinflößend auf seine Schulkameraden zu wirken", erinnert sich Mutter Sybille. "Herr Emken konnte ihm erklären, dass respektvolles Auftreten nichts mit Körperfülle zu tun hat. Er dürfe sehr gern etwas von seinem Gewicht hergeben, das würde seinen Charakter schließlich nicht verschlechtern." Nachdem Lukas das gehört und verstanden hatte, purzelten die Kilos.
Vor jedem junior marvelesse-Treffen werden die Kinder gewogen. "Nicht bei jedem Kind schlägt unser Programm gleich an", erklärt Michael Emken. "Manche sind mental gerade nicht stark genug, konsequent unsere Ratschläge zu befolgen. Zum Beispiel weil zu Hause die idealen Bedingungen fehlen."
Lukas hat Glück: Auch dank der Unterstützung durch seine Familie hat er innerhalb der letzten zwölf Monate zehn Kilo verloren. Mit gut 80 Kilogramm verteilt auf 1,65 Meter ist der Junge aber noch lang nicht zufrieden. "Ich will noch mindestens weitere zehn Kilo schaffen", sagt er. Das Asthma gibt seit über einem Jahr Ruhe, seine Hosen kauft er in der Jeans-Abteilung.
"Wir sind schon mächtig stolz auf unseren Jungen", sagt Mutter Sibylle, die mit ihrem Mann ebenfalls acht Kilo abgenommen hat. Lukas ist innerhalb dieses Jahres ein starker Junge geworden. Innerlich. "Jetzt hänselt mich keiner mehr", grinst er. Und sollte es nicht mit dem Fußball klappen, "möchte ich Koch werden."
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