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Tod auf der „Gorch Fock“ : Jenny Böken – ein Fall für zwei Filme

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Spätsommer 2008 fiel die junge Kadettin über die Reling der „Gorch Fock“. Das ARD-Fernsehen sucht nach Antworten.

shz.de von
erstellt am 27.Feb.2017 | 19:15 Uhr

Die ersten, die den Film sehen durften, waren die Eltern und Brüder von Jenny Böken. Sonntagabend war das, in ihrer Heimatstadt Geilenkirchen im Rheinland, und die Situation, das verrieten die Filmemacher Hannah und Raymond Ley, war bedrückend. „Ihre Familie war sehr bewegt. Anschließend wurde nicht mehr viel gesprochen“, sagte Raymond Ley am Montag während einer ersten Präsentation des Spielfilms „Tod einer Kadettin“. Was soll man auch sagen, wenn man den Tod von Jenny, der Tochter und Schwester, wieder einmal schmerzvoll vor Augen geführt bekommt?

Die damals 18-Jährige war aus ungeklärten Gründen über Bord gegangen. Ihre Leiche wurde Tage später in der Nordsee entdeckt. Die Kieler Staatsanwaltschaft sprach von einem tragischen Unglück, die Umstände des Todes sind aber bisher nicht geklärt.

Die 18-jährige Offiziersanwärterin Jenny Böken auf der „Gorch Fock“ am 15. August 2008. Am 3. September 2008 stürzte sie über Bord.
Die 18-jährige Offiziersanwärterin Jenny Böken auf der „Gorch Fock“ am 15. August 2008. Am 3. September 2008 stürzte sie über Bord. Foto: dpa

Die Filmemacher haben sich an eine schwierige Geschichte gewagt. Schwierig deshalb, weil bis heute nicht klar ist, warum die Kadettin Jenny Böken am 4. September 2008 – einen Tag vor ihrem 19. Geburtstag – nahe der Insel Norderney über die Reling der „Gorch Fock“ fiel. Schwierig auch, weil das Unglück auf hoher See geschehen ist, ohne Zeugen und ohne die Möglichkeit von unmittelbaren polizeilichen Ermittlungen. Ein dramatischer Fall, der die Öffentlichkeit bewegt hat, weil es um das Zusammenleben von Frauen und Männern an Bord des berühmten deutschen Segelschulschiffs ging, um Schein und Sein des Zusammenhalts an Bord, aber offensichtlich auch: um Sex und Alkohol. Ein Thema, das der ARD sogar zwei Filme wert ist, einen Spielfilm und eine Dokumentation, die mit großem Aufwand produziert wurden – und am 5. April an einem Abend gezeigt werden.

Mit dem UFA-Geschäftsführer Nico Hofmann, der das Format der sogenannten Event-Produktionen mit „Die Flucht“, „Dresden“ oder „Der Tunnel“ in Deutschland etabliert hat, haben die Verantwortlichen viel Erfahrung im Bereich der Doku-Fiktion eingekauft, auch der Regisseur Raymond Ley ist in diesem Segment sehr erfolgreich. Ein ungewöhnlich großer Aufwand also, das machte gestern bei während der Präsentation der Filme in Hamburg auch der NDR-Fernsehdirektor Frank Beckmann deutlich: „Das Thema rechtfertigt das, denn in dieser Geschichte geht es um die Frage der Schuld jenseits juristischer Bewertungen.“ Die Schuldfrage ist bis heute ungeklärt, die Ermittlungen wurden eingestellt.

Gerade der Spielfilm bietet viele Erklärungsansätze. Da sind zum einen die körperlichen Defizite von Lilly (gespielt von Maria Dragus), deren Figur auf der Basis von Jenny Bökens Geschichte entwickelt wurde: Sie hat Höhenangst, ist körperlich nicht fit und leidet unter Sekundenschlaf, Gleichgewichtsstörungen und Unterleibsschmerzen.

Nachdenklich: Lilly Borchert kurz bevor sie auf die Takelage klettern soll.
Nachdenklich: Lilly Borchert kurz bevor sie auf die Takelage klettern soll. Foto: NDR/UFA GmbH

Dass sie trotzdem jede militärmedizinische Untersuchung mehr schlecht als recht übersteht, ist einer der Vorwürfe, die der Film in Richtung Marine entwickelt. Dazu kommt der Alltag an Bord, der keine Schwächen zulässt, auch nicht bei Frauen. Zwischen dem idealisierten Anspruch von Kameradschaft und der daraus resultierenden Verantwortung untereinander und einem latenten Sexismus, der teilweise in Mobbing umschlägt, vermisst der Film die Stimmungslage an Bord.

Hannah und Raymond Ley haben viele Akten gelesen, Jenny Bökens Tagebuch und die Protokolle der Vernehmungen nach dem Unfall: „Wir waren erstaunt darüber, wie herablassend die Kadetten nur wenige Tage nach dem Unglück über Jenny Böken gesprochen haben. Das war schon sehr ungewöhnlich.“ Jenny Böken, das wird deutlich, war nicht besonders beliebt an Bord – und trug dazu auch ihren Teil dazu bei. Also doch ein Verbrechen? Auch diese Möglichkeit spielen die Filmemacher durch – wie auch die des Suizids. „Ich könnte tot umfallen, es würde niemanden an Bord interessieren“, sagt die Kadettin Lilly im Film.  Es ist ein Satz, den Jenny Böken im Gespräch mit einer Medizinerin an Bord geäußert hat.

Drehort: Die „Johann Kinau“ kurz vor dem Auslaufen am Hamburger Hafen.
Drehort: Die „Johann Kinau“ kurz vor dem Auslaufen am Hamburger Hafen. Foto: NDR/UFA GmbH
 

An diesen Punkten, an denen sich Fiktion und Realität mischen, hätte die Marine helfen können. Nur wollte sie das offensichtlich nicht. Weder habe man in der Marineschule Mürwik drehen dürfen, noch habe es ein Gepräch mit dem damaligen Schiffskommandanten Norbert Schatz gegeben. „Die Marine war in keinster Weise kooperativ“, sagt Raymond Ley und sein Produzent Nico Hofmann ergänzt: „Es gibt für dieses Verhalten keinen wirklichen Grund, denn es ging uns immer nur darum, zu verstehen, was damals passiert ist.“

Diese Lücken füllt der Film mit Spekulationen, das Rätsel und Jenny Bökens Tod wird aber auch der ARD-Themenabend nicht lösen.  
 

> Tod einer Kadettin, 5. April, 20.15 Uhr, ARD. Um 21.45 Uhr folgt dann die Dokumentation: „Der Fall Gorch Fock – Die Geschichte der Jenny Böken“

 

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