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Übergewicht und Adipositas : Jedes zehnte Kind in Schleswig-Holstein ist zu dick

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schon Kinder ernähren sich falsch - und bewegen sich zu wenig. Schuld daran sind auch die bisherigen Betreuungskonzepte.

Mediziner schlagen seit Jahren Alarm: Wir werden immer dicker und selbst Kinder immer inaktiver. Zu viele Pommes, zu wenig Sport – gerade erst legte der dritte Deutsche Kinder- und Jugendsportbericht der Krupp-Stiftung den Finger in die Wunde – Bewegungsmangel mit Haltungsschäden, Koordinationsstörungen und Übergewicht als Folgen – und macht als eine der Ursachen die Ganztagsbetreuung aus.

Jedes fünfte Kind in Deutschland ist zu dick, hat gerade erst wieder das medizinische Fachblatt „The Lancet“ ermittelt. Vergleichsweise leicht kommen Schleswig-Holsteins Kinder daher. Das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Wissenschaft und Gleichstellung vermeldet „recht konstante Raten“ an Übergewicht und Adipositas bei Schulanfängern seit 2001, nämlich zwischen acht und zehn beziehungsweise vier Prozent. Die jüngsten Daten: Im Schuljahr 2012/13 waren 9,4 Prozent der Jungen und 10,4 Prozent der Mädchen übergewichtig. Im Bundesdurchschnitt jedoch hat sich bei den Schulanfängern die Zahl der Übergewichtigen in den vergangenen 25 Jahren satt verdoppelt, bei Zehnjährigen sehen Statistiker sogar eine Vervierfachung.

Vor möglichen Folgen schon bei Halbwüchsigen – Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, Gelenkprobleme, Fettstoffwechselstörungen – warnen Mediziner seit Jahren. Ebenfalls seit Jahren ist bekannt, dass es Lebensmittel gibt, die dem Körper in Massen Schaden zufügen. Die Warnungen allerdings bleiben folgenlos.

Dabei ist das Problem von ergreifender Schlichtheit: Wer per Essen und Trinken mehr Energie aufnimmt, als er verbraucht, nimmt zu; und wer sich nicht bewegt, verbraucht deutlich weniger Energie als ein Sportler. Aber ausgerechnet der Sport fristet im Leben von Kindern ein zunehmend problematisches Dasein: In der Schule zählt der Sportunterricht wie Kunst und Musik gefühlt ohnehin zu den Fächern, die als erstes ausfallen, wenn es im Versorgungsplan kneift. Mit Ganztagsbetreuung und Turbo-Abi wird zudem die Zeit knapp, in der man nachmittags im Verein Fußball spielen oder turnen könnte. „Die zunehmende Institutionalisierung von Kindheit und Jugend durch den Ausbau von Kindertageseinrichtungen und Ganztagsschulen und die damit verbundenen verlängerten Aufenthalte in den Institutionen bergen die Gefahr einer wachsenden Inaktivität und zunehmenden Sitz-Zeit in sich. Sportmediziner sehen darin einen eigenständigen, bislang zu wenig beachteten gesundheitlichen Risikofaktor“, heißt es im dritten Deutsche Kinder- und Jugendsportbericht.

Die Empfehlung der Experten: Schulen, Kindergärten und Vereine müssten viel intensiver zusammenarbeiten, um Spiel und Sport in den Alltag der Heranwachsenden zu integrieren. Übergewicht ist einer dieser Risikofaktoren – und führt in einen Teufelskreis. Wer dick ist, hat meist wenig Lust, sich zu bewegen, aber wer sich wenig bewegt, verbrennt auch wenig Energie. Und noch schlimmer: Wer schon zur Einschulung zu viel Gewicht mit sich herumschleppt, hat es von vornherein schwerer mit der Integration.

Dabei könnte die Lösung ganz einfach sein. „Kinder verfügen über einen natürlichen Bewegungsdrang“, stellt die Studie des Robert Koch Instituts „Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Schleswig-Holstein“ klar und reibt den Erwachsenen unter die Nase, was sie den Kindern für eine Welt bereitet haben: „Vor allem in Städten sind die Möglichkeiten für das Spielen im Freien, die Fortbewegung durch Zufußgehen und Fahrrad fahren oder das nicht vereinsgebundene Sporttreiben durch ein hohes Straßenverkehrsaufkommen und das Fehlen geeigneter Freiräume stark eingeschränkt.“

Mindestens 90 Minuten Bewegung braucht der junge Mensch am Tag, um gesund alt zu werden, nennen Sportmediziner als Richtwert. Und in diesen anderthalb Stunden muss man wenigstens etwas aus der Puste kommen. Wo Kindheit zur logistischen Herausforderung mutiert, wird das jedoch schwierig. Wenn überhaupt Bewegung, dann wird das Kind hingefahren: zum Fußball, zum Reiten, zum Nachmittagstreff mit Freunden, selbst zur Schule. Für spontane Entschlüsse ist da kaum noch Platz. Und vor allem konkurriert der gleichzeitige Zuwachs an Technik in den Kinderzimmern mit dem natürlichen Bewegungsdrang und geht, unterstützt von Chips links und Cola rechts vom Bildschirm, häufig als Sieger aus diesem Duell hervor.

Wie stark sich nicht nur das „Wie viel“, sondern auch das „Was“ an Nahrungsmitteln auf Gewicht und Bewegungsfreude auswirkt, hat die Studie des Robert Koch Instituts für Schleswig-Holstein aufs Korn genommen und eingeräumt, dass es hier vielfach nur Vermutungen über Ursache und Wirkung gibt: „Das im Laufe der letzten Jahre deutlich erweiterte Lebensmittelangebot (unter anderem an Kinderlebensmitteln, angereicherten Produkten, Fertig- und Fast-Food-Produkten) hat vermutlich zu Veränderungen im Lebensmittelkonsum geführt. Auch gibt es Hinweise aus anderen westlichen Ländern, dass zunehmend das Frühstück ausgelassen, immer seltener gemeinsam mit der Familie gegessen wird und häufiger Snacks verzehrt werden.“

Snacks und Süßigkeiten gehören auch im Norden bei Kindern und Jugendlichen zu den beliebtesten Speisen. Mindestens einmal pro Woche werden Bratwurst, Currywurst, Hamburger oder Döner Kebab von 12 Prozent der 11- bis 13-Jahrigen und von 17 Prozent der 14- bis 17-Jährigen verspeist, Fritten oder Bratkartoffeln von 23 beziehungsweise 27 Prozent. 13 Prozent der 11- bis 13-Jährigen und 14 Prozent der 14- bis 17-Jährigen naschen täglich Schokolade. Unterm Strich zuviel für Ernährungsexperten, die Getreideprodukte, Gemüse und Obst als größte Posten auf dem Speiseplan empfehlen.

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erstellt am 19.Sep.2015 | 18:47 Uhr

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