Sonntagsarbeit : Jeder Dritte in SH muss an Sonn- und Feiertagen arbeiten

Am Sonntag ins Büro: Für jeden dritten Erwerbstätigen in Schleswig-Holstein ist das Alltag.
Am Sonntag ins Büro: Für jeden dritten Erwerbstätigen in Schleswig-Holstein ist das Alltag.

Die einen klagen über zusätzlichen Stress, die anderen freuen sich über mehr Gehalt durch den Feiertagszuschlag. Sonntagsarbeit ist umstritten. Fest steht: Immer mehr Unternehmen setzen darauf.

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05. Juli 2015, 15:52 Uhr

In Schleswig-Holstein nimmt die Sonn- und Feiertagsarbeit zu. Jeder Dritte der 1,3 Millionen Beschäftigten im Land muss regelmäßig am Wochenende in die Werkstatt oder ins Büro, wie das Statistische Landesamt auf Anfrage von Schleswig-Holstein am Sonntag mitteilte. Waren vor zehn Jahren im nördlichsten Bundesland nur 378.000 Erwerbstätige betroffen, so sind es nach den neusten Zahlen aus dem Jahr 2014 bereits 411.000.

Zu viel für die Gewerkschaften: Immer mehr Sonntagsarbeit, unbezahlte Überstunden, ständige Erreichbarkeit nach Feierabend und am Wochenende – „das ist Teil der von den Arbeitgebern forcierten Entgrenzung der Arbeit, damit kommt der gesellschaftliche Bio-Rhythmus aus dem Takt“, kritisierte DGB-Nord-Vize Ingo Schlüter: „Es ist Zeit für eine neue Ordnung der Arbeit. Fehlende regelmäßige Erholungsphasen am Tage, in der Woche und übers Jahr, das bringt Stress, macht krank und steht guter Arbeit entgegen.“

Schlüter sieht insbesondere das Land in der Pflicht: Aus einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes Leipzig aus dem vergangenen Jahr ergebe sich eindeutig, dass das Land seine Rechtsvorschriften überdenken müsse. Das Gericht hatte die Bedarfsgewerbeverordnung des Landes Hessen als rechtswidrig eingestuft. Da in Schleswig-Holstein eine ganz ähnliche Verordnung gelte, bestehe auch hier Handlungsbedarf.

Die Verordnung regelt, in welchen Branchen Arbeitnehmer an Sonn- und Feiertagen beschäftigt werden dürfen, darunter sind Videotheken, Call-Center, Brauereien, Speiseeis-Fabriken, Blumengeschäfte und automatische Waschanlagen. Bereits Ende vergangenen Jahres hatte das Kieler Sozialministerium angekündigt, diese Verordnung zu überarbeiten. Aktuell laufen die Bemühungen, eine bundesweite Neuregelung zu finden.

„Der Sonntag ist inzwischen der einzige Tag, an dem Familien noch etwas zusammen unternehmen können“, sagt Verdi-Pressesprecher Frank Schischefsky. Er fordert, auch die Bäderregelung, die in Touristen-Städten verkaufsoffene Sonntage erlaubt, noch einmal kritisch zu überdenken. Ein Kompromiss, den Kirchen, Landesregierung und Touristenverbände geschlossen und der 2014 in Kraft getreten ist, geht den Gewerkschaften noch nicht weit genug. Darin war die Zahl der verkaufsoffenen Sonntage in Schleswig-Holstein bereits drastisch eingeschränkt worden. „Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgericht würde so ein Kompromiss wahrscheinlich nicht noch einmal durchkommen.“

Bei den betroffenen Branchen steht der Einzelhandel ganz weit oben. Aber auch viele andere Bereiche würden vor Sonntagsarbeit keinen Halt machen. Neuerdings nehme er wahr, dass einige Sparkassen anbieten, dass ihre Finanzberater auch am Sonntag zu den Kunden kommen.

Arbeitgebervertreter halten die Sonntagsarbeit indes für unabdingbar: „Als Tourismus-Standort kommt Schleswig-Holstein um Sonn- und Feiertagsarbeit nicht herum“, sagt Sebastian Schulze, Sprecher des Unternehmerverbands Nord. Viele Familien hätten sich damit arrangiert. Für viele sei es eine günstige Gelegenheit, Ausgleichstage anzusammeln und später einen längeren Urlaub zu nehmen. „Man darf auch nicht vergessen, dass es an diesen Tagen Zuschläge gibt und viele Arbeitnehmer deshalb auch arbeiten möchten“, so Schulze. Änderungen an der Bedarfsgewerbeverodnung seien seiner Ansicht nach nicht notwendig. Im Gegenteil: „Wir müssen den Arbeitgebern genügend Flexibiliät lassen.“

Für Schlagzeilen hat die Sonntagsarbeit in dieser Woche auch im Poststreik gesorgt: Nach Kontrollen durch die Arbeitsschutzbehörde war bekannt geworden, dass die Post in Schleswig-Holstein liegengebliebene Briefe und Päckchen am Wochenende von 260 Freiwilligen abarbeiten ließ. Das Unternehmen hatte sich auf einen Passus im Arbeitszeitgesetz berufen, der Transportunternehmen wie der Post in begründeten Einzelfällen Mehrarbeit an Sonntagen erlaubt.

Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) sprach ein Machtwort und untersagte die Sonntagsarbeit bei der Post. „Der Schutz der Beschäftigten ist ein hohes Gut. Wir werden darauf bestehen, dass die Sonntagsarbeitsruhe bei der Post eingehalten wird“, sagte sie zur Begründung. Die Sonderregelung, auf die sich die Post berufe, solle saisonbedingte Mehrarbeit zu Ostern oder zu Weihnachten auffangen, sagte Alheit. Sie dürfe nicht dazu dienen, das Streikrecht auszuhöhlen.

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