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CDU, Grüne, FDP : Jamaika-Koalition will verbundene Schreibschrift wieder einführen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Lehrer beklagen Rückwärtsgewandtheit der neuen Bildungspolitik - dabei schreiben Schüler nicht mehr so schön wie früher.

shz.de von
erstellt am 02.Jul.2017 | 16:16 Uhr

Kiel | Die Kieler Jamaika-Koalition hat sich klar positioniert: „Grundschüler werden wieder verpflichtend eine verbundene Schreibschrift erlernen“. Das haben CDU, Grüne und FDP in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten.

Pisa-Seriensieger Finnland hat sie abgeschafft und auch in Deutschland tobt ein erbitterter Kampf zwischen Pädagogen, die die Schreibschrift im Computerzeitalter für überholt halten und solchen, die sie als elementare Kulturtechnik verteidigen.

Die Schreiblandschaft in Deutschland ist alles andere als einheitlich. Im Westen ist die lateinische Ausgangsschrift verbreitet, zu der es seit 1973 eine vereinfachte Version gibt. An ostdeutschen Grundschulen ist eine schlichtere Schulausgangsschrift gängig, die 1968 in der DDR eingeführt wurde. Grundsätzlich geht es dabei nicht nur darum, Buchstaben formschön miteinander zu verbinden und Worte zu schreiben, ohne den Stift abzusetzen. Vielmehr sollen Zweitklässler durch das Erlernen der Schreibschrift zügiges Schreiben lernen, um mit dieser Grundlage später eine flüssige und leserliche Handschrift entwickeln zu können. Die Druckbuchstaben, die auf dem Lehrplan der ersten Klasse stehen, sollen ABC-Schützen zunächst den Start ins Lesen- und Schreibenlernen erleichtern.

Seit 2011 erproben einige Schulen eine weitere Schreibvariante: Die vom Grundschulverband entwickelte Grundschrift. Sie besteht aus Druckbuchstaben, die die Kinder im Laufe der Schulzeit nach individuellem Geschmack miteinander verbinden. Also eine Mischform aus Block- und Schreibschrift. Erlaubt ist diese Grundschrift unter anderem in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Thüringen und bislang auch in Schleswig-Holstein.

Lehrern wird Freiheit genommen

In den hiesigen Lehrplänen für die Grundschüler hat bis dato die vereinfachte Ausgangsschrift, die aus der lateinischen Schreibschrift hervorgegangen ist, zwar Vorrang. Die Formulierung „Vorrang“ lässt jedoch jeder Lehrkraft Spielräume für Varianten und Gewichtungen. Eine verbundene Schrift kann nach Lesart des Ministeriums auch die Grundschrift sein. In der Praxis wägen die Schulen Vor- und Nachteile der einzelnen verbundenen Schriften ab und entscheiden mit Blick auf die optimale Kompetenzentwicklung ihrer Schüler, hieß es bislang.

Diese Freiheit wird den Lehrkräften nun genommen. Begeisterung herrscht darüber nicht überall. Besonders die Lehrer-Gewerkschaft GEW ist sauer: Vorgaben zu Unterrichtsmethoden und einer verbindlichen Schreibschrift seien „Beispiele für die Rückwärtsgewandtheit der neuen Bildungspolitik in Schleswig-Holstein“, teilt Geschäftsführer Bernd Schauer mit .

Auch Beate Blaseio, Didaktik-Professorin an der Universität Flensburg und Vorsitzende des Grundschulverbandes findet die Koalitionsvereinbarung „sehr bedauerlich“. Es sei schade, „dass dieser Weg in die Offenheit nun beendet wird“. Denn die Grundschrift gewinne Anhänger, nicht zuletzt durch das von ihrem Verband entwickelte Lehrmaterial. Die Schrift sei durch den hohen Wiedererkennungswert von gedruckten Wörtern einfacher zu erlernen.

Schüler schreiben immer krakeliger

Die in der Ausgangsschrift eingeübte durchgängige Schreibart ist nach Ansicht von Experten ohnehin eine Schimäre. Nur eineinhalb Buchstaben schreiben Erwachsene durchschnittlich am Stück und ohne abzusetzen – dann leisten sie sich mit Füller, Kugelschreiber oder Bleistift das, was der Fachmann einen „Luftsprung“ nennt. „Dadurch, dass es für die Verbindungen nicht mehr so strenge Vorgaben gibt, können die Kinder einfacher ihr eigenes Schriftbild entwickeln,“ ist Blaseio überzeugt. Der Umweg über die gebundene Ausgangsschrift sei überflüssig. „Wir brauchen diese Normschrift nicht. Die Kinder können gleich zu ihrer individuellen Handschrift übergehen.“ Davon verspricht sich die Professorin auch eine besser Lesbarkeit der Texte.

In der Tat klagen Lehrer immer häufiger darüber, dass ihre Schüler in Zeiten, in denen höchstens noch der Einkaufszettel per Hand geschrieben wird und der Schönschreibunterricht in den Grundschulen abgeschafft wurde, immer krakeliger schreiben würden. Lange handgeschriebene Aufsätze empfänden Schüler als Zumutung und klagten über Muskelverkrampfungen.

Doch die Verfechter der Schreibschrift weigern sich, vor den zunehmenden feinmotorischen Schwierigkeiten der Schulanfänger zu kapitulieren. Sie betonen, das Schreiben mit der Hand sei eine Höchstleistung des menschlichen Gehirns. Den mühsamen Lernprozess, der viel Geduld erfordert, halten sie für einen wichtigen Schritt in der kindlichen Persönlichkeitsentwicklung. Gestützt werden solche Argumente durch internationale Forschung. Studien in Kanada und den Vereinigten Staaten haben gezeigt, dass Schüler sich mit einer Verbundschrift Texte besser merken und ihren Sinn besser erfassen können.

Auch Ursula Bredel, Professorin für „Deutsche Sprache und ihre Didaktik“ an der Universität Hildesheim, legt in einem taz-Artikel Wert auf das Üben mit verbundenen Buchstaben. Dies habe positive Wirkungen auf die Sprach- und Rechtschreibkompetenz von Grundschülern. Die Handschrift sei ein sogenannter „komotorischer Prozess“: Nicht einzelne Buchstaben „werden isoliert verschriftet, sondern Buchstabenfolgen, die sprachlichen Einheiten entsprechen“. Die niedersächsische Germanistin kritisiert die deutsche Bildungspolitik für ihren Aktionismus. Und erhält Unterstützung vom deutschen Bildungsforscher Wilfried Bos . „Es ist abenteuerlich, ein Reformprojekt wie die Einführung einer neuen Schrift ohne einen Modellversuch mit fundierter Begleitforschung zu beginnen“, sagte er in der FAZ.

Bei allem Streit, eins steht fest: Schreiben per Hand ist gut für das Lernen Die Hand hilft dem Kopf beim Merken. Ob ABC-Schützen dafür besser nur Druckbuchstaben verwerden oder verbundene Schrift lernen sollten, darüber wird wohl weiter gestritten.

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