Starke Frauen : Interview mit Aminata Touré: Politik ist noch immer eine Männer-Domäne

Aminata Touré ist nicht nur ein wichtiges Vorbild für Frauen, sondern auch für junge Menschen,Schwarze und all jene, die sich politisch nicht ausreichend Repräsentiert fühlen.

Aminata Touré ist nicht nur ein wichtiges Vorbild für Frauen, sondern auch für junge Menschen,Schwarze und all jene, die sich politisch nicht ausreichend Repräsentiert fühlen.

Die jüngste und erste Schwarze Abgeordnete im Kieler Landtag über benachteiligte Bevölkerungsgruppen in der Politik.

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04. März 2018, 20:56 Uhr

Dass Frauen in Deutschland wählen und gewählt werden dürfen, ist in einer jahrtausendlangen Erfolgsgeschichte der männlichen Dominanz keine Selbstverständlichkeit. Frauen mussten hart dafür kämpfen, bis ihnen vor 100 Jahren endlich ein politisches Mitspracherecht eingeräumt wurde. Heute, 100 Jahre später, ist die männerdominierte Herrschaft noch längst nicht überwunden, weiß Aminata Touré zu berichten.

Sie ist 25 Jahre alt, weiblich, Tochter von Geflüchteten und Schwarz. Aber eigentlich ist Aminata Touré viel mehr als das. Sie ist eine der fast 1,5 Millionen Frauen Schleswig-Holsteins und hat uns einen Einblick in ihr Leben als Landtagsabgeordnete gegeben. Das Interview führte Marle Liebelt.

Anlässlich des Weltfrauentages am 8. März stellen wir Frauen vor, die für uns Stärke und Unabhängigkeit symbolisieren. Aminata Touré  sticht als Abgeordnete im Kieler Landtag nicht nur wegen ihres Alters und Geschlechts heraus.

shz.de: Frau Touré, als studentische und wissenschaftliche Mitarbeiterin haben Sie bereits einen Einblick in den Alltag von Bundes- und Landtagsabgeordneten bekommen können. Jetzt gehören Sie selbst dazu. Ist alles wie erwartet?

Aminata Touré: Alles wie erwartet ist es definitiv nicht. Ich habe natürlich einen guten Einblick gewinnen können als Mitarbeiterin einer Bundestagsabgeordneten, aber die Verantwortung nun selbst zu tragen, ist etwas anderes. Alles, was man sagt, was man politisch bewegt, findet im eigenen Namen statt. Das ist sehr viel Verantwortung. Es macht mir aber auch sehr viel Spaß.

Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?

Das kann ich pauschal nicht sagen. Die Wochen sind meist so, dass ich mich freue, wenn ich sonntags frei habe. Der Terminkalender ist sehr voll mit vielen Gremienterminen, Sitzungstagen des Landtages, mit Parteiterminen, damit Verbände und Organisationen zu treffen, mit Menschen zu sprechen, Mails zu beantworten, Aktionen zu planen und durchzuführen und vieles mehr.

Es ist eine schöne Entwicklung, dass immer mehr Menschen mitbekommen, dass ich im Landtag sitze und es ein großes Interesse an meiner Arbeit und dem Austausch mit mir gibt. Ich bin wirklich begeistert davon, wie viele Anfragen ich auch außerhalb Schleswig-Holsteins erhalte. Viele Menschen sind daran interessiert zu hören, was ich als erste Schwarze Abgeordnete in Schleswig-Holstein (von bundesweit insgesamt einer Handvoll Schwarzen Mandatsträger*innen) für Erfahrungen mache, wofür ich politisch kämpfe.

Sie haben in Kiel Politikwissenschaften studiert, was nicht unbedingt bedeutet, dass man in die Politik geht. Was würden Sie wohl gerade tun, wenn Sie nicht Abgeordnete der Grünen im Landtag wären?

Das stimmt. Mit dem Ziel habe ich das Studium auch nicht begonnen. Im Laufe des Studiums habe ich mich entschieden den Grünen beizutreten. Für mich die Partei, die am authentischsten für humane Flüchtlings- und Frauenpolitik einsteht. Meine Eltern sind aus Mali geflohen und ich wusste deshalb, was es bedeutet in Deutschland als „Flüchtlingsfamilie“ zu leben und wie schwer es sein kann. Ich wollte Politik machen, um mich dafür einzusetzen, dass man von Anfang an in Deutschland arbeiten darf, dass die Abschlüsse aus dem Ausland anerkannt werden, dass man als Flüchtlingskind in den Kindergarten gehen darf (das war bei meiner Schwester und mir damals nicht so) – dass man sein darf wie alle anderen. Ich bin von einer extrem starken und feministischen Mutter großgezogen wurden. Zu merken, dass da draußen dennoch Ungleichheit herrscht und Frauen vieles nicht zugetraut wird und verwehrt wird, hat mich motiviert Politik zu machen.

Es ist allerdings zu beobachten, dass neben den vielen Jurist*innen zunehmend auch viele Abgeordnete, die Politikwissenschaften studiert haben, in Parlamenten vorzufinden sind. Ich finde das ehrlich gesagt auch nicht nur gut. Parlamente müssen divers sein. Viele verschiedene Bevölkerungsgruppen müssen vertreten sein. Nicht nur Akademiker*innen haben Antworten auf die Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, sondern auch Menschen, die einen anderen beruflichen Werdegang hinter sich haben.

Ich würde wahrscheinlich dennoch irgendetwas Politisches tun. In einer Organisation, in einem Verband. Ich hatte immer Interesse an Politik und vor allem an internationaler Politik. Mit dem Ziel vielleicht mal in einer Botschaft zu arbeiten habe ich das Studium der Politikwissenschaft begonnen.
Mir hat aber auch das Studieren größtenteils Spaß gemacht. Vielleicht hätte ich mich auch an einer universitären Karriere probiert. Aber da ich 25 Jahre alt bin, ist mein beruflicher Werdegang ja noch nicht zu Ende geschrieben. Wer weiß, was noch kommt.

Denken Sie, Sie haben als Frau in der Politik ein härteres Los gezogen als Männer?

Ich glaube, dass man immer ein härteres Los zieht, wenn man sich in ein Metier begibt, indem bestimmte Bevölkerungsgruppen unterrepräsentiert sind. Politik wurde viele Jahrzehnte lang von Männern dominiert, weil nur sie Zugang hatten. Man merkt das heute immer noch. Man merkt das an den Strukturen. Man merkt es auch an Umgangsformen. Wenn man so etwas verändern möchte, ist das natürlich gar nicht so einfach.

Aber ich nehme die Herausforderung gerne an Politik anders zu denken, zu gestalten und vor allem unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zu erreichen, die sich bislang nicht angesprochen fühlen. Unter anderem, weil sie sich nicht repräsentiert sehen in unseren Parlamenten. Das ist mein erklärtes politisches Ziel, mehr Menschen zu erreichen.

Finden Sie, Frauen sollten in Parlamenten besser repräsentiert sein? Warum?

Ja, absolut. Parlamente sollten Orte der Repräsentation der Gesellschaft sein. Was man beobachten kann, ist, dass im Landtag in Schleswig-Holstein, aber auch im Deutschen Bundestag lediglich 30 Prozent Frauen vertreten sind. Das spiegelt unsere Gesellschaft definitiv nicht wider. Aber auch viele andere Gruppen sind nicht vertreten. Menschen, die nicht-akademische Berufe ausüben, jung oder migrantisch sind.

Es gibt viele, die sich von dieser Diskussion genervt zeigen und sagen, dass Quotenregelungen nicht die Antwort auf die Frage nach scheinbar politisch gewollter Veränderung geben. Und da würde ich halb zustimmen. Nur weil jemand beispielsweise jung ist oder einen Migrationshintergrund hat, ist er oder sie nicht automatisch der oder die bessere Politikerin. Aber es macht sie auch nicht zu schlechteren. Und unsere Gesellschaft ist nun einmal divers. Wir haben viele verschiedene Menschen, die unterschiedliche Perspektiven mitbringen und die können sehr hilfreich sein, bei Entscheidungen, die die gesamte Gesellschaft betreffen

In Bezug auf Ihr Alter: Vor welche Herausforderungen werden Sie als Abgeordnete gestellt?

Ich sehe vor allem die Möglichkeiten: Als junge Abgeordnete kenne ich meine Generation und weiß, wie und wo ich sie erreichen kann. Den meisten politischen Austausch habe ich über meinen Instagram-Account. Ich lade dort immer hoch, was ich den Tag über so mache und da spreche ich mit vielen.
Aber es gibt natürlich Menschen, die einen unterschätzen, weil ich in der Regel circa 20 Jahre jünger bin und bereits viel Verantwortung trage. Davon zeige ich mich aber in der Regel unbeeindruckt.

Es hat ja die Debatte im Netz zu #diesejungenleute gegeben und da haben viele junge Politiker*innen davon berichtet, wie oft sie nicht ernst genommen werden oder müde belächelt werden. Ich finde das respektlos, wenn junge Menschen nicht ernst genommen werden. Die politischen Diskussionen, die derzeit breit diskutiert werden, zeigen, dass junge Menschen vielleicht gar nicht so unerfahren und unpolitisch sind, wie ihnen gerne vorgeworfen wird. Sie sind in der Lage gesamtgesellschaftliche Debatten loszutreten.

Um nur zwei Beispiele zu nennen: Die Diskussion um schärfere Waffengesetze in den USA wird von jungen Menschen angeführt oder die Diskussion, die Kevin Kühnert gemeinsam mit den Jusos losgetreten hat, zur Frage der politischen Erneuerung.

Haben Sie ein Beispiel für etwas, das Sie sich in Bezug auf ihr Alter, Geschlecht oder Hautfarbe anhören mussten?

„Wenn Sie mal in mein Alter kommen, dann werden Sie das erst verstehen!“, „Mensch, Sie haben ja ganz schön weiße Zähne und sprechen sehr gut Deutsch für eine Ausländerin. Das kriege ich selten mit!“, „Sie sind da als Frau natürlich sehr emotional bei der Debatte.“ – Die Liste ist lang.

Ich musste mir unzählige Dinge anhören. Vor allem auch in Bezug auf meine Hautfarbe oder Herkunft meiner Eltern. Aber so geht es ja nicht nur mir. Viele kennen es auf Grund ihres Alters, Geschlechts und/oder Hautfarbe anders behandelt zu werden. Deshalb wollte ich frauen-, jugend- und integrationspolitische Sprecherin meiner Fraktion werden. Um für ihre Interessen zu kämpfen.

Vor zwei Jahren habe ich mit Denise Loop (Landesvorstand Grüne Jugend) den junggrünen Frauenstammtisch gegründet. Ein Ort an dem junge Frauen sich gegenseitig unterstützen, politisch arbeiten und sich mit der Ungleichheit nicht zufrieden geben, sondern laut sind und etwas dagegen tun, sowie diese Woche am Internationalen Tag der Frauen, an dem wir demonstrieren gehen und Aktionen geplant haben.

Nun sind Sie zwar die jüngste Abgeordnete, allerdings nicht die einzige junge unter Ihren Kollegen. Gibt es eine Art „Ersti“-Clique? Vielleicht sogar überparteiliche Freundschaften? Und eine Whats-App-Gruppe?

Haha, nein, es gibt keine Whats-App-Gruppe. Zumindest weiß ich von keiner! Die meisten neuen jungen Abgeordneten sind tatsächlich junge Männer und von der CDU und FDP. Sind alle eigentlich ganz nett und wir arbeiten soweit gut zusammen.

Sollten mehr junge Menschen in die Politik?

Ja, unbedingt. Warum auch nicht? Aber es gibt ja auch viele junge Menschen, die sich politisch engagieren. Es fehlt nicht an jungen und klugen Köpfen. Es fehlt an Strukturen, die jungen Menschen das Politisch-Sein in einer Organisation auch attraktiv machen. Mehr Online-Beteiligungsprozesse. Weniger formalistische Sitzungen.

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