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Sport-Integrationsmittel : Inter Türkspor aus Kiel – Ein Verein soll das ganze Geld bekommen

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Das Land stellt 500.000 Euro zur Verfügung – das Geld soll komplett an Inter Türkspor aus Kiel gehen.

shz.de von
erstellt am 02.Mai.2017 | 10:32 Uhr

Kiel | Pläne der Küstenkoalition zur „Förderung interkultureller Sportvereine“ sorgen für politischen Wirbel. Nach Recherchen des sh:z sollen die im Landeshaushalt dafür bereitgestellten Mittel von 500.000 Euro in voller Höhe einem einzigen in der Landeshauptstadt tätigen Verein zufließen. Dabei handelt es sich um den Verein Inter Türkspor, der mit dem Geld die Sanierung eines Vereinsheims plant.

Der Landessportverband zeigte sich überrascht, die CDU-Fraktion im Landtag kritisierte die Pläne, die offenbar auch im Kieler Rathaus nicht unumstritten sind. Für zusätzliche Irritationen sorgt ein Passus in der Satzung von Inter Türkspor. Danach fiele das Vermögen des Vereins im Falle seiner Auflösung der türkischen Religionsbehörde Ditib (Diyanet) mit Sitz in Köln zu.

Die halbe Million Euro war in der Schlussrunde der Beratungen zum Haushalt 2017 von den beiden SPD-Abgeordneten Bernd Heinemann und Serpil Midyatli beantragt und von der Koalition beschlossen worden. Heinemann ist Abgeordneter des Wahlkreises Kiel-Gaarden, in dem Inter Türkspor seine Sportanlagen betreibt.

Die sportpolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Barbara Ostmeier, nannte es „schlimm, wenn das SPD-geführte Innenministerium tatsächlich nur einen einzigen Verein mit dieser ungewöhnlich hohen Summe bedenken will“. Es gebe eine Vielzahl Vereine, die „jeder für sich einen enormen Beitrag zur Integration leisten“.

Der Geschäftsführer des Landessportverbandes, Thomas Niggemann, sagte, „wir wussten zwar, dass es einen neuen Fördertopf gibt“, es überrasche aber, dass davon allein Inter Türkspor profitieren solle. Integrationsarbeit sei in den 2600 Mitgliedsvereinen des LSV selbstverständlicher Bestandteil der Arbeit. Nicht ein Verein habe sich im  Zuge der Flüchtlingswelle dieser Verantwortung entzogen. „Alle haben Unglaubliches geleistet“, sagte Niggemann. Gerätselt wird jetzt über die  Abgrenzung „interkultureller“ Sportvereine von normalen Sportvereinen, die Integrationsarbeit leisten.

Probleme mit der beabsichtigten Förderpraxis werden offenbar auch im Kieler Rathaus gesehen. „Wir prüfen den Vorgang intensiv“, erklärte Sozialdezernent Gerwin Stöcken (SPD). Die Zurückhaltung der Stadt, auf deren Grundstück das Vereinsheim gebaut werden soll, ist verständlich, läuft Stöcken doch Gefahr, sich mit andern Vereinen der Stadt anzulegen. Viele bemühen sich seit Jahren um Zuschüsse zur Sanierung ihrer maroden Sportstätten und könnten jetzt auf den Gleichbehandlungsgrundsatz bei der Mittelvergabe pochen. 

Die Landeshauptstadt strickt dem Vernehmen nach deshalb an einem Erbpachtvertrag für das Grundstück. So könnte Inter Türkspor selbst beim Land Fördermittel beantragen, und das Kieler Rathaus wäre unbeteiligt. Unklar ist noch, ob auch bei einem solchen Konstrukt die vom Land bereitgestellten Sanierungsmittel der umstrittenen türkischen Religionsbehörde Diyanet zufallen würden, die Präsident Erdogan direkt unterstellt ist. Das ist für Ostmeier nicht hinnehmbar. „Das würde dem Ansehen des Sports schaden.“ Was das mit Integration zu tun habe, müsse der Innenminister erklären.

 

Ein Projekt für die Tonne – Kommentar von Margret Kiosz

Sportvereine sind die Schmelztiegel der Nation und leisten vorbildliche Integrationsarbeit. Einmalig 400.000 Euro hat deshalb die Landesregierung für Flüchtlingsprojekte bereitgestellt – bei 2600 Sportvereinen im Norden macht das 150 Euro pro Verein. Wenn jetzt herauskommt, dass es einen weiteren, prall gefüllten Fördertopf für „Interkulturelle Sportvereine“ (Plural) gibt, das Geld aber komplett an einen einzigen Verein fließen soll, ist der Ärger verständlich.

Inter Türkspor in Kiel macht zweifellos gute Arbeit – aber das machen andere Vereine im Land auch. Womöglich sogar besser, da die Mitgliederstruktur bei Türkspor sehr herkunftshomogen ist. Das ist nicht zu kritisieren; der Verein wurde von Türken für Türken gegründet. Nur, der Integration dient das kaum – festigt sogar eher das Leben in Parallelwelten: mein türkischer Arzt, mein türkischer TV-Sender, mein türkischer Verein!  

Die Sozialdemokraten tun sich mit der geplanten Vorzugsbehandlung keinen Gefallen. Im Gegenteil, es drängt sich der Verdacht auf, dass Abgeordnete unter dem Deckmantel der Interkulturalität Klientelpolitik betreiben und Wahlgeschenke verteilen. Dass dabei ausgerechnet ein Verein profitiert, der der Ditib nahe steht, schlägt allerdings dem Fass den Boden aus. Genauso wenig wie der religionspolitische Arm des Dispoten vom Bosporus Einfluss auf den Schulunterricht von Kindern haben darf, darf sein krudes Gedankengut über die Sportvereine verbreitet werden. Die öffentliche Distanzierung der Abgeordneten von Erdogan wird unglaubwürdig, wenn sie seine Religionsbehörde Ditib heimlich alimentieren.

Das Projekt gehört in die Tonne. Sportstätten, die Unterstützung benötigen, gibt es genug im Land. Zum Beispiel das einzige Freibad in Kiel – hochgradig multikulturell und marode – das die Sozialdemokraten schließen wollten, weil angeblich Geld für die Sanierung fehlt. 

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