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Föhr und Amrum : Wo Kinderkriegen zum Problem wird

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Der Wyker Kreißsaal wurde im Herbst 2016 geschlossen. Der Protest dagegen hält bis heute an.

von
erstellt am 24.Mai.2017 | 19:33 Uhr

Was hat es mit den Namenstafeln auf sich, die da seit einiger Zeit um einem Baum am Rande des Wyker Rathausplatzes stehen? „Josse, vier Tage Festland, mit Hubschrauber“, steht darauf, oder „Lotta, Not-Kaiserschnitt, mit Rettungswagen“, oder „Lian, mit Hubschrauber nach Flensburg“.

Um Schicksale von Kindern geht es da, die nach der Schließung des Wyker Kreißsaals im Oktober 2015 nicht mehr auf der Insel geboren werden konnten, und um ihre Mütter, die teilweise viele Monate unter den Umständen dieser Festlands-Geburten litten.

Der Trend zur Zentralisierung hat bekanntlich auch vor Entbindungsstationen nicht Halt gemacht, immer mehr Geburtshilfe-Abteilungen in kleinen Krankenhäusern werden geschlossen, junge Mütter müssen zur Entbindung immer weitere Wege in Kauf nehmen. Eine sichere Geburt könnten nur Häuser garantieren, die mindestens 500 Entbindungen im Jahr begleiten, führen die Verfechter der Zentralisierung ins Feld – Zahlen, die in der kleinen Wyker Insel-Klinik niemals erreicht werden können.

Im Schnitt waren es pro Jahr 65 kleine Föhrer und Amrumer, die im Wyker Krankenhaus das Licht der Welt erblickten – unterstützt von drei Hebammen und zwei Gynäkologen und Jahrzehnte ohne dass es zu ernsthaften Zwischenfällen gekommen ist. Trotzdem verkündete der Klinikträger, eine dem Kreis Nordfriesland gehörende Gesellschaft, im Herbst 2015 die Schließung der Geburtshilfeabteilung – „aus Haftungsgründen“, wie es hieß.

Seither ebbt der Protest gegen die Kreißsaal-Schließung auf der Insel nicht ab, ein Protest, der Insulaner von Stadt und Land und aus allen Altersstufen vereint, die seither immer wieder Demonstrationen und Aktionen organisieren. Diese „Initiative Inselgeburt“ will nicht locker lassen und an ihrer Forderung festhalten, den Kreißsaal in der Inselklinik wieder zu eröffnen. Denn, so argumentieren ihre Mitglieder, für Insulanerinnen sei das Kinderkriegen nicht sicherer geworden, sondern gefährlicher. Es sei, das befürchtet auch das Gynäkologen-Ehepaar Engel/Hölter, nur eine Frage der Zeit, dass etwas Ernsthaftes passiere.

Von der Insel kann man nämlich nicht mal eben, wenn Wehen einsetzen, zu jeder Tages- und Nachtzeit zur nächsten Klinik fahren. Und auch der Rettungshubschrauber, der in Notfällen Frauen ausfliegen soll, kann nicht bei jedem Wetter starten. Also sollen Schwangere jetzt schon zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin die Insel verlassen und sich in sogenannten Boarding-Häusern bei den Festlandskliniken einquartieren.

Für viele Frauen keine schönen Vorstellung, gerade in einer Zeit, in der sie besonders schutzbedürftig sind, allein, ohne Partner und Familien, auf die Geburt warten zu müssen. Und für manche, die bereits kleine Kinder haben, schlicht nicht zu organisieren.

So erging es auch Sarah Jensen aus Oevenum, deren sechsjährige Tochter Leni just, als sie aufs Festland gemusst hätte, eine Angina bekam. Die Mutter konnte und wollte ihre kranke Große nicht allein lassen, und als Klein-Joui dann beschloss, auf die Welt zu kommen, hatte er es so eilig, dass es für eine Fahrt zum Festland nicht mehr gereicht hätte. Und so konnte der kleine Mann dann doch im – eigentlich bereits geschlossenen – Wyker Kreißsaal zur Welt kommen, in dem vor ihm schon so viele hundert Inselkinder geboren worden waren. Inzwischen hat Joui noch eine kleine Schwester bekommen – wieder waren alle Familienmitglieder krank, wieder blieb Sarah Jensen auf der Insel – und hatte dann eine entspannte Hausgeburt.

Andere Frauen fahren zum Festland, doch immer wieder kommt es vor, dass sie von völlig überfüllten Kliniken wieder nach Hause geschickt werden oder im Boarding-Haus keinen Platz finden. So wie die junge Midlumerin, die sich dann hochschwanger und am späten Abend selbst in Flensburg eine Herberge suchen musste und deren Tochter einige Stunden später unter so dramatischen Umständen geboren wurde, dass die Mutter sich auch ein Jahr später noch nicht völlig davon erholt hat. Das wäre auf Föhr mit ‚ihrer‘ Hebamme und ‚ihrer‘ Gynäkologin anders gelaufen, ist die Insulanerin überzeugt.

Eine Hoffnung, dass auf Föhr künftig doch wieder Geburten möglich sein werden, gibt es inzwischen: Unterstützt von der „Initiative Inselgeburt“, die dafür eigens einen Trägerverein gründen will, will Hebamme Kerstin Lauterberg ein Geburtshaus einrichten. Doch noch sind dafür einige Hürden zu nehmen. Und die Maximalforderung der Initiative, den Kreißsaal wieder zu eröffnen, bleibt davon unberührt.

Der soll beim nächsten Aktionstag am Ostersonnabend auf dem Wyker Rathausplatz wieder Nachdruck verliehen werden. Und die Namenstafeln sollen dann aktualisiert werden – um die Namen weiterer Föhrer und Amrumer Kinder, die auf Föhr nicht mehr geboren werden durften.

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