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In Alkersum : Wenn Natur zu Kunst wird

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Schlicht und ergreifend: Die neue Ausstellung im Museum Kunst der Westküste.

Die pure Natur, bearbeitet von sechs Künstlern, ist bis zum 7. Januar im Museum Kunst der Westküste (MKDW) zu sehen.
Schon vom Katalogfotos gucken wird einem bei „Pure Nature Art“ ganz leicht ums Herz: Wie muss das nur in Wirklichkeit aussehen ...wenn die ganze Decke voller Pusteblumen hängt? „Genau das habe ich mich auch gefragt“, sagt Katrin Hippel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am MKDW und Kuratorin der Ausstellung, die Naturmaterialien in der zeitgenössischen Kunst zeigt. „Bevor alle Stücke hier waren, kannte ich ja auch fast nur Fotos. Und einiges wurde auch ganz frisch für unsere Ausstellung gemacht“, freut sich die 33-Jährige.
„Frisch“ passt zu den Pusteblumen von Regine Ramseier sehr gut. Die waren nämlich lange noch unter Schweizer Schnee begraben, erfuhr Hippel von der schweizerischen Künstlerin, die auch nicht so genau wusste, wie das empfindliche Material auf seinem kurzen Weg vom Löwenzahn zur Pusteblume das Frühjahr 2017 erleben würde. Die 50-jährige gelernte Möbelschreinerin Regine Ramseier, die im Emmental arbeitet, bedient sich gern an dem zufällig in der Natur Vorgefundenen. Sie liebt es, aus dem vermeintlichen Nichts etwas zu schaffen. Ihre Pusteblumen hat sie in eigens angefertigten Schubladen im Auto Richtung Föhr transportiert, wo sie jetzt dicht an dicht an Nylonschnur wie ein Wunderland die Decke schmücken.
Ein Gang durch die Ausstellungsräume offenbart ganz unterschiedliche Herangehensweisen, die Natur als Material für die Kunst zu nutzen: Miesmuscheln, die an Bäumen hängen und bei flüchtiger Betrachtung aussehen wie Magnolienblüten. Federn, die auf Tischen stehen; Berge von feinsten Rosenblüten auf dem Boden; Laub und Rispen, zu Heuschrecken geformt; zarte, tanzende Gräser; ein Gebirge aus Efeusamen und Riesenmuscheln aus Bad Homburger Esche.
Für das Alkersumer Museum, was – so mitten auf einer Nordseeinsel – natürlich Meer und Küste zum Thema hat, ist dieser zeitgenössische Kunstgriff zur Natur ein ganz natürlicher. Denn weshalb kommt der Gast auf diese Inseln? Was sucht er hier? Was genießt er? Was berührt ihn und geht uns alle an? „Wir wollen uns neben der Erschließung der privaten Sammlung auch der internationalen zeitgenössischen Kunst verschreiben“, sagt Museumsdirektorin Ulrike Wolff-Thomsen. „Es geht dabei um aktuelle Fragen zu Themen wie Natur, Landschaft, Meer und Küste. Wir wollen sie zukünftig verstärkt vor dem Hintergrund globaler ökologischer und gesellschaftlicher Veränderungen ausloten.“
Pure Nature Art. In der Kunst ist diese Richtung noch recht jung: Erst in den 1960-er-Jahren hielten Naturmaterialien Einzug in die Museen. Die Föhrer Ausstellung wirft jetzt Schlaglichter auf das inzwischen weite und vielfältige Feld und zeigt über 20 Naturschönheiten von sechs Künstlern: Bethan Huws, Christiane Löhr, Alastair Mackie, David Nash, Regine Ramseier und Herman de Vries.
„Sie alle arbeiten mit Materialien, die bewusst nicht besonders wertvoll sind, die alle unserer Natur entstammen und die zeigen, dass alltägliche Werkstoffe zu Kunstwerken gemacht werden können“, sagt Kuratorin Hippel.
Zum Beispiel de Vries, ein 86-jähriger Niederländer, der heute in Unterfranken lebt – waldnah, ein international bekannter Pionier der Naturkunst, eine Type wie Rübezahl: mit viel Bart und viel Mut. Er soll auch schon mal nackt Exponate im Wald gesammelt haben. Seine Bodeninstallation empfängt den Besucher mit dem Duft unzähliger Blüten der Damaszener-Rose, noch bevor er sie zu seinen Füßen als wunderschönen Teppich liegen sieht. Dass
de Vries ausgebildeter Gärtner ist und lange als Biologe und Botaniker gearbeitet hat, mag man vermuten, wenn man seine gepressten Pflanzen, Gräser und sorgsam arrangierten Rosenstücke in der Ausstellung betrachtet.
Überhaupt: Was man da sieht, macht schon warm ums Herz und beruhigt die Nerven in unserer aufgeregten Zeit, weil wir wahrscheinlich alle am liebsten nur draußen wären und nicht an Kaufhaustresen und Büroschreibtischen. Außer vielleicht an jenen, auf denen so viele schöne Federn stehen, wie bei der Konzeptkünstlerin Bethan Huws, Jahrgang 1961, die aus Wales stammt, aber in Berlin lebt, und von der, neben dem „Federtisch“ – der auch das Ausstellungsplakat schmückt – auch noch das  wunderwunderschöne Bäumchen stammt, an dem zarte Miesmuscheln an den Astspitzen von feinen Buchenzweigen hängen. Huws wuchs auf einem Bauernhof auf, kennt die Natur um sich herum genau und löst die Materialien immer wieder gern aus ihrem ursprünglichen Kontext.
Man glaubt nicht, woraus man alles etwas bauen kann: Der 1977 geborene Alastair Mackie war schon einmal auf Föhr vertreten, mit seinem Wespennester-Haus in der „Empty Rooms“-Show 2016. Auch er verwendet viel organisches Material wie Holz, Schlamm oder Muscheln. Er hat zwar in London studiert, lebt aber heute wieder an der Küste Cornwalls. Für eins seiner Werke jetzt auf Föhr hat er Sepiaschalen hinter Glas gestellt. Allerdings sehen die Auftriebskörper verendeter Tintenfische, die als Treibgut angeschwemmt werden, bei ihm eher aus wie ein Stück gekalkte Wand mit Wellen-Dekor. Erst beim genau Hingucken staunt man, aus wie viel kleinen Schulpen sie zusammengesetzt ist.
Gespannt war die Kuratorin auch auf Christiane Löhr. Die Künstlerin, die aus zarten Samen, Kletten, Blüten oder Stängeln ganz fragile Installationen zaubert, stellt im Glasgang ihre Säule aus Pferdehaar aus – vor Ort von Hand dekoriert, schließlich ist auch Föhrer Pferdehaar darin verwebt. Löhr, 1965 geboren, kommt aus Köln, ist aber öfter in Oberitalien anzutreffen. Sie war eine Schülerin des Mitbegründers jener starken, richtungsweisenden italienischen Kunstbewegung Arte Povera (arme Kunst), die Mitte der 1960-er versuchte, das klassische Kunstwerk von seinem Sockel herunterzuholen und Banales zum Kunstwerk zu machen. Damals begann man mit so einfachen Materialien wie Filz, Pflanzen, Steinen, Erde, Holz oder Bindfäden. Es lag ein Aufbruch in dieser Strömung, die die Grenzen von Kunst und Leben erweitern wollte.
David Nash ist auch einer der ganz großen der Naturbewegung. Der 71-jährige Brite ist der Mann des Holzes. Seine Kuppeln aus Korkeichenrinde oder die Muschel aus alter Esche: sie leben und reagieren auf Hitze, Licht und Feuchtigkeit. „Wenn ein Sprung entsteht, dann darf der sein – ja, das soll sogar“, sagt die Ausstellungskuratorin. Nash lebt und arbeitet in einer kleinen Bergarbeiterstadt im Norden von Wales, in einer alten Kapelle am Rande eines Schiefersteinbruchs. Von ihm sind die Sätze: „Ich will ein Leben und ein Werk, in dem sich die Ausgeglichenheit und Dauerhaftigkeit der Natur zeigt. Ich will eine einfache Art des Lebens und Tuns“.








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