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Insel-Strände : Wenn die Mama plötzlich weg ist

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Die Wurfsaison der Seehunde steht vor der Tür. Wer einen Heuler am Strand findet, sollte auf jeden Fall einen Seehundjäger verständigen. Diese Fachleute wissen, wie die den mutterlosen Robben am besten geholfen werden kann.

shz.de von
erstellt am 15.Mai.2017 | 19:28 Uhr

Das Problem der Seehunde und ganz besonders ihrer Jungen ist ihre Erscheinung. Sähen sie beispielsweise aus wie Nacktmulle, würden sie sicherlich nicht so viel Sympathie auf sich vereinen und deshalb für Wirbel sorgen. Auf die Meeresbewohner dagegen trifft das Kindchenschema komplett zu und jeder findet sie einfach nur „süß“. Diese Beliebtheit kann aber auch zum Nachteil gereichen, verführt sie doch manche Menschen dazu, Seehunde für eigene Interessen einzuspannen.
Für Diskussion sorgt zur Zeit eine Online-Petition der Tierschutzpartei Ethia gegen den Einsatz der Seehundjäger, wobei vor allem deren Entscheidungsrecht beim Töten der Tiere angeprangert wird. Unterschrieben wurde dieser Aufruf in den ersten drei Monaten dieses Jahres bereits von rund 76  000 Unterstützern. Nach Einschätzung des schleswig-holsteinischen Umweltministers Robert Habeck wurde er aber von Menschen aus aller Welt unterzeichnet, die möglicherweise gar nicht mal wissen, wo Schleswig-Holstein liegt, geschweige denn, wie hier tatsächlich mit den Meeressäugern umgegangen wird.
Die Bezeichnung „Seehundjäger“ scheint für die ehrenamtlichen Robbenschützer nicht gerade die Glücklichste zu sein, doch hat sie einen historischen Hintergrund. Bis 1934 war nämlich die Jagd auf Seehunde ein Gewohnheitsrecht der Küstenfischer, die Pelz, Fleisch und Fell gewannen. Mit der Entstehung der Seebäder wurde die Seehundjagd außerdem zu einem Urlaubsvergnügen der Gäste, das den Fischern zu zusätzlichen Einnahmen verhalf.

Die Folge der Jagd war ein drastischer Rückgang der Bestände, und das Reichsjagdgesetz von 1934 verbot Netz- und Hetzjagd sowie den Schrotschuss. Eine Schonzeit vom 1. März bis 15. Juli sowie Seehundschutzgebiete wurden eingeführt. Dennoch gingen nach dem 2. Weltkrieg die Bestände noch weiter zurück, weil, wie einer Info-Broschüre der Nationalparkverwaltung zu entnehmen ist, Jungtiere wegen ihres Felles gejagt wurden. 1974 war der Bestand der Tiere in Schleswig-Holstein auf rund 1500 und im gesamten Wattenmeer auf 4000 Exemplare zurückgegangen. Dies war nur noch ein Zehntel der Tiere, die 1900 in diesem Bereich geschätzt wurden.

Seit 1974 ist der Seehund in Deutschland ganzjährig geschützt und die Zahl der Seehunde und auch der Kegelrobben ist laut Nationalparkverwaltung kontinuierlich gestiegen. Selbst das Seehundsterben, verursacht durch Staupe-Epidemien 1988 und 2002 sowie Influenzaerkrankungen im Herbst 2014, hat die positive Entwicklung des Bestandes nicht dauerhaft beeinträchtigt.
Seit 1985 ist das schleswig-holsteinische Wattengebiet zum Nationalpark erklärt, dessen oberstes Ziel heißt: „Natur Natur sein lassen“, denn auch Krankheiten und Sterben sind natürliche Vorgänge. Trotzdem soll unnötiges Leiden, wo möglich, vermieden werden. Dies ist eine der Aufgaben der Seehundjäger, die zuständig sind, wenn kranke Robben oder anscheinend von ihren Müttern verlassene Jungtiere (sogenannte Heuler) an den Küsten gefunden werden. In Schleswig-Holstein sind rund 40 dieser ehrenamtlichen Schützer im Einsatz, davon vier auf Föhr und drei auf Amrum.
Der Borgsumer Ole Sieck ist Sprecher der Seehundjäger des Landes Schleswig-Holstein und schildert den Ausbildungsweg, der die Voraussetzung zur Ausübung des Amtes ist. Mit dem Jagdschein beginnt es, dem sich ein intensiver Jagdaufseherlehrgang anschließt, bei dem die rechtlichen Seiten im Mittelpunkt stehen. Intensiv geschult werden die Aspiranten auf das Amt des Seehundjägers im Institut für terrestrische und aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Tierärztlichen Hochschule Hannover in Büsum. Auch nach seiner Ernennung ist ein Seehundjäger mindestens einmal im Jahr zur Schulung in Büsum. „Bei diesen Aufenthalten bekommen wir intensiven Einblick in die verschiedenen Krankheitsbilder der Tiere und erleben die Untersuchungen an verletzten und verendeten Robben.“ Ole Sieck ist davon überzeugt, dass seine Kollegen nach diesen intensiven und wiederkehrenden Schulungen in der Lage sind, den Gesundheitszustand eines Tieres einzuschätzen. In Zweifelsfällen werden tote Tiere nach Büsum zur Untersuchung gebracht. Die Grundlage ihrer Entscheidung ist die „Richtlinie des Landes zur Behandlung von erkrankt, geschwächt oder verlassen aufgefundenen Robben“.
„Keiner von uns tötet gerne einen Seehund“, meint Sieck, „wenn die Tiere aber offensichtlich verletzt sind und ihnen nicht mehr zum helfen ist, dann ist es meine Pflicht, das Tier zu erlösen“. Zum Glück komme dies aber relativ selten vor. Auf Föhr werden nach Siecks Erfahrung im Jahr durchschnittlich 150 Tiere angetroffen, wovon lediglich rund zehn Prozent entweder schon tot seien oder getötet werden müssten. Es sind tote Kleinwale, Heuler oder noch ganz junge Robben, die an den Stränden der Insel gefunden und von den Seehundjägern geborgen werden, falls sie nach einer Ruhephase nicht selbst wieder ins Meer gelangen können. „Natürlich will jeder automatisch helfen, wenn er solch ein kleines Tier findet“, erklärt Sieck, der selbst dem Charme dieser jungen Seehunde erlegen ist. Doch es handle sich um Wildtiere, die sehr schnell und kräftig zubeißen können. Außerdem könnten die Seehunde gefährliche Krankheitskeime übertragen. Das einzig Richtige beim Fund eines Seehundes sei es deshalb, die Jäger zu informieren, was auch über die Polizei oder die Kurverwaltungen geschehen könne. „Auf keinen Fall dürfen die Tiere angefasst werden. Die Menschen müssen Abstand halten und Hunde müssen auf jeden Fall an die Leine genommen werden“, betont Sieck.
Die Seehundjäger sind auch im Einsatz, um tote Tiere zu bergen, die sie vermessen und deren Daten sie dokumentieren. „Diesen Teil der Arbeit macht uns übrigens niemand streitig“, stellt Ole Sieck dazu lakonisch fest.
„Kleine Heuler zu finden ist immer spannend“, meint er. „Die Wurfzeit der Seehunde ist im Juni und Juli, und wenn wir ein kleines Tier beobachten, das offensichtlich ohne Mutter ist, wird dafür gesorgt, dass es so schnell wie möglich in die Seehundstation Friedrichskoog gebracht wird.“ Dann fahren die Mitarbeiter dieser Station direkt nach Dagebüll, um ihren Schutzbefohlenen abzuholen und nach Friedrichskoog zu bringen, wo Neuankömmlinge zunächst in Quarantäne kommen und untersucht werden. Von Föhr kamen im vergangenen Jahr 30, von Amrum 46 und von Sylt 36 Tiere zur Rehabilitation.
Seit 1985 gibt es diese einzige vom Land autorisierte Aufnahmestelle für Robben in Schleswig-Holstein. Neben der Rehabilitation der Tiere wird in diesem Nationalpark-Haus auch die Information über heimische Meeressäuger und die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern übernommen.
Die Leiterin der Einrichtung, die Diplom-Biologin Tanja Rosenberger, sprudelt geradezu über, wenn sie von ihren Schutzbefohlenen und ihrer Arbeit berichtet. Im vergangenen Jahr seien zeitversetzt während der Wurfzeit 310 kleine Seehunde und Kegelrobben betreut und wieder ausgewildert worden. „Die in der Petition verbreiteten Gerüchte, wir hätten keinen Platz für die Tiere, sind absoluter Quatsch“, so die resolute Rosenberger. „Wir haben nicht die Spur von Engpässen und konnten regelmäßig die Einrichtung den Ansprüchen anpassen.“ Nicht zuletzt durch die regelmäßigen Zählungen der Bestände seien Rückschlüsse auf den Bedarf möglich. „Bei uns können auch keine Tiere verschwinden“, betont sie weiter. Für jedes eingelieferte Tier werde ein Meldebogen angelegt, in dem der gesamte Werdegang festgehalten wird.

Zwar kritisiert Ethia auch die Arbeit in Friedrichskoog scharf, doch das Interesse der Organisation an Kontakt mit der Station sei überschaubar, sagt Rosenberger. Bisher sei deren Vorsitzende ein einziges Mal in Friedrichskoog gewesen, um sich über einen Föhrer Heuler zu informieren, der zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht eingeliefert war. „Ihr Anliegen, in die Quarantänestation zu kommen, konnten wir nun wirklich nicht erfüllen“, so die Stationsleiterin.
Auch die Biologin Rosenberger setzt auf die natürlichen Abläufe im Nationalpark Wattenmeer. Dies setze allerdings voraus, dass sich die Menschen darauf einrichten. Das Betreten der Schutzzone    I müsse auf jeden Fall unterbleiben, denn dort würden die Tiere zu sehr gestört. Und die Sandbänke, egal in welcher Zone, sollten von Menschen besonders in der Wurfzeit nicht betreten werden. „Die Seehunde werden dadurch ständig gestört, was sich sehr nachteilig auf die Aufzucht auswirkt.“

Beobachtet werden können die niedlichen Raubtiere bei Ausflugsfahrten zu den Seehundbänken, die von Föhr und Amrum aus angeboten werden. Gegen diese Fahrten spricht sich Tanja Rosenberger nicht grundsätzlich aus. Die Hauptsache sei, dass die Schiffe und damit die Menschen genügend Abstand halten und nicht an einer Sandbank anlegen.

Wer einen Meeressäuger am Strand findet, sollte Abstand halten und umgehend einen der Seehundjäger informieren, diese Fachleute können am besten beurteilen, ob ein Tier Hilfe benötigt. Die Föhrer Seehundjäger sind Hannes Buchner, ✆  0170/9063958, Willy Erichsen, ✆  04681/8214, und Ole Sieck, ✆  0177/7666799. Auf Amrum sollten Funde der Schutzstation Wattenmeer, ✆  04682/2718, oder dem Öömrang Ferian,
✆  04682/1635, gemeldet werden.

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