Expedition : Von Süderende zum Nordpol

Verständlicher Jubel: Die Gruppe ist nach fünf Tagen am Ziel.
Foto:
1 von 3
Verständlicher Jubel: Die Gruppe ist nach fünf Tagen am Ziel.

Bürgermeister Christian Roeloffs beteiligt sich an einer kräftezehrenden Expedition.

von
29. Juli 2015, 14:15 Uhr

Ob der Amerikaner Frederick Albert Cook am 21. April 1908 als erster Mensch den Nordpol erreicht hat oder der Amerikaner Robert Edwin Peary am 6. April 1909, darüber streiten die Experten. Dass Süderendes Bürgermeister Christian Roeloffs den Ort erreicht hat, an dem sechs Monate lang Tag ist und darauf die mehrmonatige Polarnacht folgt, ist dagegen unumstritten.

Roeloffs hat am sogenannten Mamont-Cup teilgenommen, der von dem auf Föhr bestens bekannten Frederik Paulsen ins Leben gerufen worden ist. Der Pharmaunternehmer, Stifter des Alkersumer Museums Kunst der Westküste und Gründer der Ferring-Stiftung, will mit diesen Expeditionen für die Arktis und Antarktis sensibilisieren, nennt Roeloffs die Gründe, „weil es sich um für das Klima wichtige Regionen auf der Erde handelt“. Der Bürgermeister sitzt in seiner Küche und erzählt mit leuchtenden Augen. Auch einige Wochen nach der Herausforderung ist ihm die Begeisterung noch anzumerken.

Fünf Tage waren sie im April im Eis, am Ziel mussten sie zudem noch 42 Stunden im Zelt ausharren, weil das Wetter die Landung eines Hubschraubers unmöglich machte. Für zehn Tage hätten die mitgeführten Lebensmittel gereicht, in einem Lebensraum, der das Gefühl für Zeit nimmt. „Uhrzeiten und Wochentage spielen keine Rolle. Es ist 24 Stunden am Tag hell und du schläfst und läufst, aber nicht in dem Rhythmus, den du aus deinem Alltag gewohnt bist.“

In Oslo hatten sich die Teilnehmer getroffen, von dort ging es mit dem Flieger nach Longyearbyen auf Spitzbergen. Schon die Weiterreise war ein Abenteuer, denn wetterbedingt gibt es keine festen Abflugzeiten. Einen Tag mussten die Crews ausharren, bis der Flug in das russische Icecamp Barneo möglich war. Eine Zeitspanne, die für letzte Vorbereitungen genutzt wurde. Es galt, Ausrüstung, Lebensmittel und Kleidung zu packen. Verboten ist Baumwolle, denn der Schweiß muss durch die Kleidung entweichen, da er sonst auf der Haut gefrieren würde. Auch die Pulka, der Schlitten, wurde gepackt, den jeder Teilnehmer auf der Tour hinter sich herziehen musste. Eine zusätzliche Belastung: Roeloffs’ Pulka wog 38 Kilogramm.

Der Mamont-Cup ist gleichermaßen Expedition und Wettkampf. Über Frederik Paulsen war der Kontakt zustandegekommen; die Teilnehmer rekrutierten sich überwiegend aus dessen internationalem Freundeskreis. Gebildet wurden vier Fünfergruppen, denen jeweils drei Laien und zwei Profis angehörten. Christian Roeloffs gehörte zur sogenannten Friesengruppe mit dem Reeder Sven Paulsen von Sylt und Jonas Vibell, einem gebürtigen Schweden, der auf Hawaii lebt und dessen Mutter ein Haus auf Föhr hatte. Dazu kamen die Profis Christian Marlieve und Jean Gabriel Leynaud aus Frankreich. Experten, von denen Roeloffs noch heute schwärmt: „Sie wissen in jeder Situation, wie man sich verhalten muss.“ Beruhigend – „denn im Zweifelsfall heißt es Hopp oder Top, das war mir damals gar nicht so bewusst“.

Das russische Icecamp existiert nur im April, dem einzigen Monat im Jahr, in dem man sich in der unwirtlichen Gegend mehr oder weniger gut bewegen kann. Die Temperaturen stimmen, das Eis ist hart und es ist rund um die Uhr hell. Anders als nach dem Einsetzen der Eisschmelze können die Leeds – das Wasser, das die Eisplatten unterbricht – überquert werden.

Die „Friesengruppe“ war ein eingespieltes Quintett, das 2013 bereits gemeinsam am Südpol war. Auch das sei eine Herausforderung gewesen, resümiert Roeloffs, mit dem Marsch zum Nordpol aber nicht vergleichbar. Vor zwei Jahren habe es keine sich aufbäumenden Eisberge gegeben, zudem war die Gruppe bei bestem Wetter in einem Basislager untergebracht: als Ausgangspunkt für Tagesausflüge.

Nun aber konnte von gutem Wetter keine Rede sein, die „gefühlt sehr viel kälteren Temperaturen“ lagen konstant zwischen 25 und 30 Grad unter Null und der Wind pustete ständig mit sechs bis acht Windstärken. Extreme Bedingungen, bei denen etwa acht Stunden täglich marschiert wurde. Das Eis war ständig in Bewegung, drei, vier Meter dick, und türmte sich nicht selten zu meterhohen Bergen auf. Unterwegs orientierten sich die Teilnehmer an der Sonne. Geradewegs zum Nordpol war unmöglich. „Du driftest ständig ab und läufst einen Zick-Zack-Kurs.“ Dazu kamen die mitunter stundenlangen Umwege, die nötig wurden, wenn die Leeds zu breit waren. Nicht nur deren Breite galt es zu beachten, erklärt Roeloffs. Drei, vier Meter um die Kante war das Eis brüchig, darunter ist das eiskalte Wasser mehr als vier Kilometer tief. „Springen geht nicht, dann brichst du ein.“ Der Trick: sich mit den Skiern genau in die Mitte über dem Leed positionieren, die Pulka nachziehen und dann mit den Stöckern abstoßen – „und dann bist du drüben“. Bei Verletzungen, Erfrierungen oder wenn ein Ski verloren gegangen ist, geht es nicht weiter. Die einzige Chance: Das Zelt aufbauen und über das mitgeführte Satelliten-Telefon einen Hubschrauber anfordern. Und das kann dauern: „Wenn fünf Tage Sturm ist, musst du fünf Tage warten.“

Unterwegs: Sämtliche Lüftungsschlitze an der Bekleidung auf, damit der Schweiß nicht auf der Haut friert. Bei kleinen Pausen, die alle eineinhalb Stunden für die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme erfolgten: Lüftungsschlitze wieder zu, dicke Jacke drüber und alles schließen und verschnüren, um sich vor der Kälte zu schützen. „Du kühlst sonst sofort>>>
>>> runter, das passiert in einem unglaublichen Tempo.“

Am Ende des Marsches musste das kleine, kaum mannshohe Gemeinschaftszelt aufgebaut werden. Überlebenswichtige Handgriffe, denn „weht dieses Zelt weg, bist du faktisch tot“. Auch jetzt war Tempo gefragt, sonst drohte Auskühlung. Einer führte, gab die Anweisungen: Eispickel einschlagen, Zeltboden legen, Stange rein, Biwak fertig. Nächster Schritt: Eisblöcke abstechen und um das Zelt legen, um den Wind etwas fern zu halten. Dann Eisblöcke ins Zelt schleppen, die der Wassergewinnung dienen. Ein Benzin-Kocher mit zwei kleinen Flammen war die einzige Wärmequelle. Wasser wurde auf ihm gekocht: für die Tütensuppen und zum Befüllen der beiden 1,5-Liter-Thermosflaschen, die jeden Teilnehmer während der täglichen Tour mit ausreichend Flüssigkeit versorgen.

Wenn das Zelt wackelte, drang Schnee ein. Alles, was nicht im Schlafsack Platz gefunden hatte, lag draußen in der Kälte. Keine angenehme Vorstellung, nachts aufgrund eines dringenden Bedürfnisses raus zu müssen.  .  . Dann musste in die gefrorenen Sachen gestiegen werden. Das galt auch für die Schuhe, die vor dem Anziehen über dem Benzin-Kocher aufgetaut wurden.

Nach fünf Tagen erreichte das Team den geografischen Nordpol, der in der Inuitsprache „Tigishu“ – der große Nagel – heißt. Die Bronzemedaille hatte die Gruppe damit gewonnen, und Süderendes Bürgermeister fünf Kilo abgenommen. Aufgeben kam nie in Frage: „Ich wollte das durchziehen – man darf da keine Schwäche zeigen.“ Obwohl sich im Vorfeld nicht jede Situation einschätzen ließ – und die Realität nicht nur einmal die Erwartungen übertroffen hatte. Aber gerade das sei der Reiz an dem Abenteuer gewesen: extreme Dinge zu tun und an die eigenen physischen Grenzen zu gehen. Der 52-Jährige ist sich bewusst, dass er etwas Besonderes gemacht hat, das nur wenigen Menschen vergönnt ist. Und wohin führt sein nächstes Abenteuer? Roeloffs weiß es noch nicht. „Aber eigentlich haben wir vereinbart, den Mont Blanc zu besteigen.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen