Amrum : Vom Fischer und seinen Schiffsbildern

Kein Gemälde: Der Amrumer Krabbenkutter im Abendlicht.
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Kein Gemälde: Der Amrumer Krabbenkutter im Abendlicht.

Andreas Thaden ist Krabbenfischer. Außerdem sammelt er Kunst.

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26. Januar 2018, 15:12 Uhr

Amrums Krabbenfischer Andreas Thaden ist kein Sammler. Dafür ist er viel zu viel Fischer. Thaden ist wie ein übermütiger Junge, der begeistert alle gesammelten Feuerwehrautos in die rappelvolle Spielzeugkiste stopft, und sein schönstes oben drauf stellt: „Das bleibt jetzt immer hier hängen“, sagt Thaden und zeigt auf ein schweres Bild von seinem Lieblingsmaler Johannes Holst. Der Kutter in stürmischer See hängt mitten im Flur über der Treppe. Warum? „Weil ich da immer vorbeigehe, jeden Morgen als erstes.“
Thaden hat noch mehr. „Auch Kopien“, sagt er. Die hängen in seiner Werkstatt. Hat ziemlich viel Charme: Ein Fischer, der seine Bootshalle mit alten Meistern schmückt.
Andreas Thaden ist 58. Er ist Fischer seit ewig. Und seit zig Jahren mit der gleichen Frau verheiratet. Sein Vater war Fischer, sein Großvater auch. Und noch vier Generationen weiter zurück Er kommt aus Fedderwardersiel an der Außenweser, und wie er lacht, wenn man ihn fragt, ob man ihn da noch kennt, ahnt man, dass Fedderwardersiel irgendwie voll in Thadenhand ist. Sein Bruder ist da Fischer. Das Terrain war zu klein für zwei Sturköpfe. So ging Thaden-Andreas auf einen Krabbendampfer nach Norwegen. 1988 baute er sich sein eigenes Boot. Die „Butjadingen“. Den blau-weißen Kutter, den auf Amrum >>>
>>>jeder kennt. Von dem eigentlich jeder Gast Krabben kauft. Die Thadens haben zwei Söhne. Der Jüngste lernt beim Vater. Fischer.
Das Haus der Thadens in Süddorf ist extrem geschmackvoll. Null Fischernetz-Stimmung. Nirgends Gummistiefel. Im Bad die schön-schlichte Glasvitrine von der Tochter des letzten Windmüllers, Ani Andresen, der dieses Haus gehörte, ehe die Thadens es entkernten. Auf dem Weg raus kommt man an „Lenis Fußbad“ vorbei. Automatisch angestrahlt, sobald man eine Tür öffnet. August Heitmüller hat dieses Bild, benannt nach seiner Frau, 1906 gemalt. Er war wohl einer der bestbezahltesten Maler seiner Zeit, schätzt Thaden. Als er 1935 starb, hatte man ihn schon kritisch als „Hofmaler des Dritten Reiches“ bezeichnet. Thaden fand das Bild irgendwo und ziemlich abgewrackt. Er hat es restaurieren lassen und liebt nun seine Farbtiefe.
Im Haus zig Möbelklassiker, und die Zimmerwände voller Bilder. Modern und alt gemixt. Das funktioniert hervorragend. Auf dem Stehpult Miniaturen vom Amrumer Grafiker Nick Jungclaus, der inzwischen in Hamburg lebt. Über dem Sofa eine breite, helle, fast fotorealistische moderne Meerlandschaft. Gegenüber ein dunkler Kutter und Mini-„Horizonte“ vom Berliner Künstler Ole Schwarz, dem Sohn eines auf Amrum lebenden Inselliebhabers. Weiter im Haus: Federzeichnungen von Otto-Heinrich-Engel, die man wahrscheinlich auch im Föhrer Museum Kunst der Westküste gerne hätte. Dazwischen Amrumgensien, die Thadens Herz berühren: Ein Bild der Bark, die vom Amrumer Kapitän Julius Schmidt befehligt wurde, bevor er – auf Wunsch seiner Frau – mit 38 Jahren an Land verblieb, und 1887 die erste Freiwillige Feuerwehr der Insel gründete. Noch eine beeindruckende Amrumgensie ist das Ölbild eines Rettungsbootes, das in Thadens begeisterter Erzählung die „Theodor Preußer“ ist, die 1890 von Amrum weg auslief, um Menschen in Seenot zu retten. Was zwei Amrumern das Leben kostete.
Und zwischendrin – zwischen See, Kraft, Meer und Segel – immer wieder Johannes Holst. Holst, 1880 geboren und 1965 gestorben, lebte in Altenwerder. Dem Dorf auf der Elbinsel, von dem nur noch die Kirche steht und drum herum nun alles Hafen ist. Holst war Auftragsmaler: Der Auftraggeber konnte die Windstärke wählen. Und Holst malte das Meer und sein Gestürm und zum Schluss ein Schiff ins Bild. Die Galerie Deichstraße in Hamburg, die immer fast ein Dutzend Originale des Schiffsmalers ausstellt, rühmt sein „feines Gespür für die tausend Gesichter der See“. Was ist so faszinierend an diesem Maler? „Seine Genauigkeit“, sagt Thaden. Er springt zum nächsten Bild. „Guck hier, guck dir das Meer an, spürst du, wie kalt es ist?“
Der Anfang von Andreas Thadens Leidenschaft für Holst war purer Pragmatismus: Als Thaden mit 19 seine erste Wohnung in Fedderwardersiel einrichtete, war der Platz überm Sofa zu leer. „Da fehlte ein richtig prächtiges Schiffsbild.“ Er wusste, dass seine Oma eins auf dem Boden hatte. Das Bild, ein Druck der „Passat“ hing fortan in Andreas Thadens Wohnzimmer. Er fing an, es zu lieben. Und als sich viele, viele Jahre später herausstellte, dass es die besterhaltenste Kopie eines nicht mehr existierenden Originals ist, da war Thaden schon Besitzer einiger Holst-Bilder mehr. „Als ich Geld verdient habe, da bin ich mal zu einer Galerie in Bad Zwischenahn gefahren, da hing ein Original, das wollte ich kaufen. Aber bei dem Preis bekam ich Schnappatmung. An die Beträge musste ich mich erst gewöhnen.“ Ungefähr zehn Jahre nach diesem Besuch kaufte er sich das erste Original.
Mittlerweile hat Andreas Thaden viele Schiffsansichten. Große Sofa-Seebilder und kleine Nischen-Kutterstücke. Thaden liebt deren Details. Für den Fischer sind das Nachschlagewerke in Öl. Bestimmt eine Minute hält er sich an dem roten Rumpf eines Seglers auf, der zwischen den Wellen hervorblitzt. „Sieh dir diese Farbe an! Ist die nicht toll?“ Thaden hat schon eine Uhr gekauft, nur weil ihm der rote Sekundenzeiger so gefiel.
„Hier! Guck hier ...“, Thadens Hand fegt über ein schmales Bild mit einem Kutter. An der Bordwand der Name als weißer Schriftzug. Er fällt auf die Knie und sucht das Sideboard ab. Nach einem bestimmten Katalog. „Hier, kann man alles nachlesen, das ganze Schiffsleben.“ In dem Regal stapeln sich Ausstellungskataloge, Galerieverzeichnisse, Auktionskataloge. Das Ehepaar Thaden ist viel in Sachen Kunst unterwegs. „Wenn man immer mal wieder kauft, dann wird man auch regelmäßig informiert.“ Manchmal hat Thaden aber auch das Gefühl, er muss nur draußen an einem Laden vorbeilaufen, um zu spüren, ob da was von Wert für ihn drin ist.
Er hat sich auch schon mal verkauft. Oder anders gesagt: Bei einigen Bildern weiß er nicht mehr genau, warum er sie gekauft hat. Allerdings nicht so bei Holst. Jetzt darf er keine Großsegler mehr kaufen. Thaden lacht. „Sagt meine Frau. Wir haben nämlich keine freien geraden Wände mehr.“ Er lacht wieder. „Aber wir haben noch ein paar schräge!“
In der Galerie Deichstraße in Hamburg hat man im März 2017 den zweiten Aufruf gestartet an Sammler, sich zu melden, wenn sie einen Holst haben. Beim ersten Aufruf 2011 gab es ein riesiges Echo. Damit erstellte der Autor Walter König, der auch in Altenwerder aufwuchs und Holst persönlich kannte, ein erstes Werkverzeichnis, das jetzt bis zum Herbst 2018 für eine Neuauflage aktualisiert werden soll. Auch Andreas Thaden hat seine Bilder an die Galerie gemeldet. Die hat mittlerweile 987 Werke aufnehmen können, von rund 2500, wie man vermutet.
Die gute Nachricht für alle, die jetzt zum Holst-Fan werden und nicht viel Geld ausgeben möchten: Die Galerie hat für 2018 erstmals einen großen Johannes-Holst-Kalender produziert. Andreas Thaden lacht. „Finde ich gut.“ Könnte man übers Sofa hängen.














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