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Flüchtlinge : „Menschenfischer“ im Mittelmeer

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Mathias Menge lebt auf Föhr, doch die meiste Zeit verbringt er weit weg. Menge arbeitet für eine Hilfsorganisation, die sich um in Seenot geratene Flüchtlinge kümmert.

Föhr ist der beste Ort, um wieder herunter zu kommen.“ Diese Erfahrung macht Mathias Menge (48), wenn er nach einem mehrmonatigen Einsatz als Search- und Rescue (SAR)-Koordinator auf der MS „Aquarius“ wieder nach Wrixum zurückkehrt. Mit seiner Frau Iris lebt der Kapitän hier, wenn er nicht gerade für „SOS Mediterrannee“ im Einsatz ist. Diese zivile europäische Organisation zur Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer, die sich ausschließlich durch Spenden finanziert, ist zwar eine noch recht junge Vereinigung, doch konnten seit Februar dieses Jahres fast 4000 Flüchtlinge vor dem Ertrinken bewahrt werden. Auch die „Ärzte ohne Grenzen“ sowie „AWO international“ beteiligen sich an der Finanzierung des Schiffes: Für die Rettung auf See werden jeden Tag 11000 Euro benötigt.
Mathias Menge ist als Einsatzleiter auf der „Aquarius“ bei Rettungsaktionen an vorderster Front und begegnet den Flüchtlingen als einer der Ersten. Doch nicht immer können Menge und seine Mitstreiter den Menschen helfen, die in winzigen Nussschalen versuchen, Europa auf dem Seeweg zu erreichen.. Die Besatzung der „Aquarius“, zu der neben der eigentlichen Schiffscrew und den Helfern von „SOS Mediterranee“ auch Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“ gehören, muss allzu oft auch Ertrunkene bergen.
Mathias Menges Leben besteht zur Zeit aus einem Spagat. Monatelang erlebt er im Einsatz vor der libyschen Küste das ganze Elend der Flüchtlinge, um dann in Wrixum fast eine „heile Welt“ vorzufinden. Doch benötigt er diesen Ort der Sicherheit, um zu sich zu kommen, obwohl für Menge auch bei seinen Heimataufenthalten die „Aquarius“ und ihr Trägerverein präsent sind. Denn dann verfolgt er nachdrücklich ein weiteres Ziel von „SOS Mediterranee“, nämlich die Öffentlichkeit über die Lage der Flüchtlinge im Mittelmeer zu informieren. „Wir wollen Zeugnis vom Schicksal der Menschen ablegen und auch das Versagen europäischer Staaten anklagen.“ Dabei erinnert er unter anderem daran, dass das italienische Hilfsprojekt „Mare Nostrum“ eingestellt werden musste, weil eine europäische Finanzierung scheiterte.
An Bord der „Aquarius“, einem 77 Meter langen ehemaligen Fischereischutzboot, gibt es durchaus auch Alltagsroutine, berichtet Menge. Es könne vorkommen, dass die „Aquarius“, die in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste patrouilliert, einige Tage lang keine Rettungseinsätze habe. Vor allem bei schlechtem Wetter sei weniger damit zu rechnen, dass Flüchtlinge unterwegs sind. Dann bleibe etwa Zeit für Unterweisungen der Schiffsbesatzung in Erster Hilfe oder Reanimation von Bewusstlosen durch die Ärzte ohne Grenzen. „Im Notfall muss jeder einzelne an Bord Hilfe leisten können“, betont Menge. Auch werde an ruhigen Tagen das Training mit den Rettungsbooten forciert, Fortbildungen, die aber immer wieder unterbrochen werden müssen, wenn von der MRCC, der Rettungsleitstelle in Rom, die die Einsätze im Mittelmeer koordiniert, eine Alarmierung eingeht. >>>
>>> Die Nächte an Bord des Schiffes verlaufen relativ ruhig, so die Erfahrung des SAR-Koordinators. Die Flüchtlingsboote würden im Allgemeinen zwischen 2 und 3 Uhr in der Frühe von der libyschen Küste aus starten und erst drei oder vier Stunden später die Zwölf-Meilen-Zone verlassen, in die die „Aquarius“ nicht hineinfahren darf. Um diese Schiffe abzupassen ist das SAR-Team jeden Morgen ab 4 Uhr auf dem Posten, um das Meer und den Horizont abzusuchen, wobei auch Suchscheinwerfer eingesetzt werden.
Werden dann Flüchtlinge entdeckt, kommen die Rettungsboote zu Wasser. Die Besatzung des ersten muss die Lage einschätzen, während die Crew des zweiten Bootes, SAR-Mitglieder und ein Übersetzer, zunächst Rettungswesten verteilt. Höchste Priorität hat es dann, für Ruhe zu sorgen und keine Panik bei den Flüchtlingen aufkommen zu lassen. 120 bis 140 Menschen sind zumeist auf diesen maroden Schlauchbooten zusammengepfercht, die nach Menges Schätzung über eine Fläche von gerade mal 25 bis 30 Quadratmetern verfügen. Das bedeutet, dass viele Flüchtlinge bei der gefährlichen Überfahrt stehen müssen, manchmal über viele Stunden lang, bis sie gefunden werden. Frauen und Kinder werden dann zuerst zur „Aquarius“ transportiert. Auf dem Schiff angekommen, werden die Menschen grob erfasst. Dabei werden Alter und Herkunftsland notiert, während noch keine Namen festgehalten werden. Die Mediziner nehmen eine erste Sichtung des Gesundheitszustandes vor, wobei die Verfassung der Menschen sehr unterschiedlich ist. Es müssen immer wieder Verätzungen behandelt werden, die von einem Gemisch aus Benzin und Seewasser in den Booten verursacht wurden. Die Flüchtlinge werden an Bord des Schiffes, auf dem kurzfristig maximal 500 Menschen untergebracht werden können, mit Nahrungsmitteln und Kleidung versorgt und können zunächst einmal zur Ruhe kommen. Sie werden schließlich nach Messina auf Sizilien gebracht, wo ihnen eine ungewisse Zukunft bevorsteht.
Die Besatzung der „Aquarius“ erlebt während der Einsätze viel Not und Elend. Doch es gibt manchmal auch Lichtblicke, wie die Geburt eines Kindes: Am 12. September wurde an Bord ein gesunder Junge geboren. „Mutter und Kind sowie der Vater und zwei Brüder, die aus Nigeria stammen, sind wohlauf“, heißt es dazu in einer Pressemitteiling von SOS Mediterranee. Und weiter: „Sie wurden 24 Stunden zuvor zusammen mit 248 weiteren Geflüchteten von einem überfüllten Gummiboot gerettet. Die Mutter Faith erinnert sich: ‚Ich war sehr nervös, als ich gemeinsam mit anderen Frauen und Kindern auf dem Boden des Bootes saß. Ich hatte Angst, dass jede Minute die Wehen einsetzen könnten. Ich spürte wie das Baby sich bewegte, hoch und runter. Seit drei Tagen hatte ich schon diese Stoßwehen.‘
Die Mutter wurde bei der Entbindung von der Ärzte-ohne-Grenzen-Hebamme Jonquil Nicholl unterstützt. Diese erklärt: ‚Mir wird ganz unwohl bei dem Gedanken, wie die Geburt 24 Stunden früher verlaufen wäre. In diesem ungeeigneten Gummiboot, der Boden überlaufen mit Petroleum in dem die Frauen sitzen, zusammengepfercht mit keinerlei Platz, um sich zu bewegen und komplett dem Mittelmeer überlassen. Und 48 Stunden zuvor warteten sie am Strand von Libyen, nicht wissend, was noch auf sie zukommen würde. Es ist 2016, wie kann so etwas noch passieren? Die Familien, schutzbedürftige Menschen, schwangere Frauen, kleine Babys und ungeborene Kinder sind gezwungen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um das Mittelmeer zu überqueren, wenn sie eigentlich Unterstützung und Schutz bekommen sollten.“


Informationen über die Arbeit der Hilfsorganisation gibt es im Internet unter www. sosmediterranee.org

Spendenkonto: SOS MEDITERRANEE, IBAN: DE 04 1005 0000 0190 4184 51, BIC: BELADEBEXXX


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erstellt am 10.Feb.2017 | 15:45 Uhr

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