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In Alkersum : Kreativer (Arbeits)-Urlaub

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Als Artist in Residence durfte der junge Bildhauer Thomas Judisch vier Wochen in einem zum Museum Kunst der Westküste gehörenden Atelier wohnen und arbeiten. Eine kreative Zeit für ihn.

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erstellt am 08.Sep.2014 | 10:30 Uhr

Haben diese Lollis etwa nicht geschmeckt? Jedenfalls hängen abgelutschte Reste noch an den weißen Plastikstielen. Komisch nur, dass die kein bisschen klebrig sind. Dafür haben sie Namen: Peter etwa, Paul, Nils oder Bianca.

Die Dauerlutscher, die Thomas Judisch auf seiner Werkbank ausgebreitet hat, sind nicht aus Zucker, sondern aus Millionen von Jahren altem Baumharz. Der junge Bildhauer hat Bernstein auf Lutscherstiele montiert.

„Die Idee kam mir, als ich beim Bernsteinschleifen in der Wattwerkstatt war“, berichtet der 32-Jährige. Bei einem (Arbeits)-Urlaub auf Föhr im Frühjahr war das. Judisch war für vier Wochen als „Artist in Residence“ ins Museum Kunst der Westküste (MKDW) gekommen. Das Alkersumer Museum bietet immer wieder Künstlern die Möglichkeit, eine Zeit in den früheren Räumen der Ferring-Stiftung in unmittelbarer Nachbarschaft des Museums zu leben und zu arbeiten. Ein Angebot, das international arrivierte Künstler wie die biennale-erfahrene Niederländerin Fiona Tan genauso zu schätzen wissen, wie junge Maler, Fotografen oder Bildhauer, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen.

So wie Thomas Judisch, der nach dem Studium der Bildhauereri in Kiel und Dresden seit drei Jahren „freischaffend unterwegs“ ist, wie er es nennt. Durch seinen „Brotjob“, den Auf- und Abbau von Ausstellungen in der Neumünsteraner Gerisch-Stiftung, hatte er die Alkersumer Museumsleiterin Ulrike Wolff-Thomsen kennengelernt. Wolff-Thomsen war an einigen Ausstellungsprojekten in Neumünster beteiligt. „Ich habe ihr dann irgendwann Arbeiten von mir vorgestellt und sie sagte ziemlich spontan, dass ich nach Föhr kommen kann“, berichtet Judisch.

Es ist fantastisch, wenn man so zu sich findet“, hat Judisch, der sonst in Kiel und Berlin lebt, seine vier Wochen im Mai auf der Insel als ungemein anregend und bereichernd empfunden. Allerdings brauchte der junge Künstler einige Zeit, um wirklich bei sich anzukommen. Am Anfang habe er sehr viel Druck verspürt, „aber dann kam die klare Ansage, dass ich nicht gezwungen bin, für eine Ausstellung zu arbeiten, sondern frei bin, zu überlegen, was ich mache. “

Und so hat Thomas Judisch die Insel auf sich wirken lassen. Die Ideen kamen ihm dann wie von selbst. Und das nicht nur in der Wattwerkstatt. „In den ersten Tagen sind mir auf den Fahrradwegen dicke Pferdeäpfel aufgefallen“, berichtet er. „Im Sonnenschein wirkten die wie ein Bronzeabguss“. So kam ihm die Idee zu einer Installation, an der er demnächst arbeiten will: Fliegen als Wandmalerei und in der Mitte des Raumes bronzene Pferdeäpfel. „Bronze ist ein Material, das Jahrhunderte besteht“, berichtet Thomas Judisch, dass es ihn reize, mit diesem beständigen Metall etwas zu verewigen, das in Wirklichkeit nach kurzer Zeit zerfällt.

Fliegen, die gibt es nicht nur auf den Pferdeäpfel n sondern überall auf dem Land zuhauf, und so hat Judisch in seiner Künstler-Residenz angefangen, Stubenfliegen zu zeichnen, akribisch genau. „Wenn ich mit flüchtigem Blick umhergehe und denke, da sitzt eine Fliege, hat die Zeichnung funktioniert“, ist er bestrebt die Tiere naturgetreu darzustellen.

Funktioniert hat auch seine Idee mit den Bernstein-Lollis: „Eines Tages dachte ich, dass in meinem Zimmer noch ein Lolly rumliegt, den ich wegräumen muss“.

Ähnlich ging es auch einer der Putzfrauen des Museums nach dem Besucheransturm am Internationalen Museumstag im Mai. An diesem Tag waren Judischs Bernstein-Lutscher in einer Vitrine des Museumsshops ausgestellt worden. Die Reinigungskraft erschrak, als sie einen beim Saubermachen entdeckte. Sie dachte, da habe jemand etwas Wertvolles geklaut und dafür den abgelutschten Lolli zurückgelassen.

Von den Lutschern hat Thomas Judisch inzwischen eine ganze Serie produziert. Er hat Steine, die auf Föhr gefunden wurden und die ihm der Alkersumer Postbote überlassen hat, und weitere, die er dazu gekauft hat, auf der Werkbank in der Künstlerwohnung im Süderweg abgeschliffen und poliert. Und dabei ist ganz zufällig noch etwas weiteres, neues entstanden: „Der Bernsteinstaub verläuft auf dem nassen Schmirgelpapier so, dass Linien und ganze Bilder zurückbleiben“, hat der Künstler erstaunt festgestellt. Zunächst waren das Zufallsbilder, „aber inzwischen beeinflusse ich die Laufrichtung schon“.

Trotz klarer Ansage, er müsse nicht um jeden Preis etwas produzieren , hat er dann doch noch während seines Aufenthaltes nicht nur die Lollis im Museum gezeigt, sondern auch am Internationalen Museumstag eine Installation aus künstlichen Maulwurfshügeln im Garten von „Grethjens Gasthof“ aufgebaut.

Und er würde gerne wiederkommen. So wie eine seiner Vorgängerinnen als Artist in Residence. Die Fotografin Anja Jensen hatte 2010 ihre Zeit in Alkersum genutzt, um Insulaner für ihre Serie „Tatort“ abzulichten. Die auf Föhr und Amrum entstandenen Fotos wurden dann zwei Jahre später mit großem Erfolg im Museum Kunst der Westküste gezeigt. So möchte auch Thomas Judisch seine Pferdeäpfel aus Bronze an dem Ort ausstellen, an dem ihm die Idee dazu gekommen ist. „Die will ich hier aufbauen, nicht in Kiel oder sonstwo.“

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