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Aus dem alten Wyk : Kochbücher voller Geschichten

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Usche Meuche hat ihr zweites Buch herausgebracht. Sie erzählt von skurrilen Menschen und lässt das alte Wyk wieder lebendig werden.

Ich interessiere mich so lange ich denken kann für skurrile Menschen. Wahrscheinlich, weil ich selber skurril bin.“ Usche Meuche lacht ihr unvergleichliches Usche-Lachen. Nun, skurril sind zumindest die Verkleidungen, die sie so gerne anzieht. Einen ganzen Fundus davon hat sie auf ihrem Dachboden, „allein 50 Hüte“, und der wird bei allen möglichen Gelegenheiten heruntergeholt. Viele Jahre sah man sie in den Sommermonaten alle paar Tage im langen schwarzen Mantel und mit Uroma-Hut durch die Stadt laufen, wenn sie bei den Piratenfahrten der Wykler Dampfschiffs-Reederei für Gäste-Kinder die bitterböse Piraten-Else mimte. Und dass Usche beim Neujahrsschwimmen stets korrekt gekleidet im bodenlangen Schwarzen in die Nordseefluten stieg, verstand sich von selbst.

Sie liebt diese schrägen Auftritte – dabei stammt Usche Meuche aus einer ganz und gar bürgerlichen Wyker Familie. Der Vater war Tischler, die Mutter Hausfrau, und dem Urgroßvater hatte einst die Konservenfabrik gehört, in der die in den Föhrer Vogelkojen gefangenen Wildenten verarbeitet und dann bis nach Amerika verkauft wurden.

Auch Usche Meuche lebt ein bürgerliches Leben, wurde Krankenschwester, hat sich viele Jahre für die Grünen und in der Wyker Kommunalpolitik engagiert, den Sperrgutbasar mitgegründet und betreut. Aber die Frau hat eine künstlerische Ader. In ihrer Keramik-Werkstatt entstehen wunderschöne Töpferarbeiten, sie hat schauspielerisches Talent, hat sich intensiv mit naiver Malerei beschäftigt und dabei zauberhafte Bilder vom alten Wyk, in dem die Welt scheinbar noch heil war, gemalt. Bilder, die die Einbände ihrer beiden Bücher zieren. Denn nun ist Usche Meuche auch noch unter die Autorinnen gegangen, hat jüngst ihr zweites Werk veröffentlicht.

Die Wykerin hatte schon immer eine feine Beobachtungsgabe, merkte sich Menschen und ihre Geschichten, ihre Marotten oder kleinen Missgeschicke. Wann immer man Usche Meuche in der Stadt begegnet, kommt sie ins Erzählen, und ganz schnell werden die Geschichten immer skurriler, an die sie sich erinnert. Geschichten vom alten Wyk und von alten Wykern – und aus ihrer eigenen Kindheit im Wyker Gängeviertel. So wie die von ihrer Geburt in der Neujahrsnacht 1938. „Meine Eltern haben noch im ‚Altdeutschen Keller‘ gefeiert, dann gingen die Wehen los, Mutter hat auf dem Heimweg der Hebamme Bescheid gesagt. Als ich zur Welt kam, waren alle besoffen.“

Usche Meuches Fundus an Geschichten scheint unendlich zu sein, und irgendwann begann sie damit, sie aufzuschreiben. Vor vier Jahren war das, nach einer schweren Operation, von der sie sich nur langsam erholte. „Ich wollte die Geschichten, die ich erlebt habe, aufbewahren, die sind für mich wie ein Testament“, sagt sie. „Das Schreiben war in dieser Zeit auch eine Therapie für mich.“

In alte Jahrbücher hat sie damals das hineingeschrieben, was ihr gerade einfiel, neben Kochrezepte, die sie sich notiert hatte. „Kochrezepte und Geschichten mischten sich, so stand dann hinter einem Apfelkuchenrezept meiner Oma ein Teil einer Geschichte, deren Anfang ich in einem anderen Buch beim Rinderbraten aufgeschrieben hatte.“

Irgendwann hatte Ehemann Volker die Notizen entdeckt. „Der Herr Meuche hat die Zettel dann herausgerissen, sortiert und geheftet“, berichtet sie. „Und wir hatten so einen Spaß dabei, haben immer wieder gesagt ‚was haben wir es doch gut!‘.

Vor zwei Jahren erschien ihre erste Geschichtensammlung, „Heiratsantrag und Kamelhaarpuschen“, im vergangenen November dann Band zwei, „Usches Geschichtenhaus“. Auch hier lässt sie das alte Wyk wieder lebendig werden. Ein Wyk, in dem die Innenstadt sich noch nicht mit exklusiven Geschäften und exklusiven Ferienwohnungen für exklusive Touristen herausgeputzt hat, sondern kleine Läden und Handwerksbetriebe das Bild prägten, in denen die Menschen arbeiteten und wohnten, sich bestens kannten und sicher oft mehr von den Nachbarn wussten, als denen lieb war.

Die Autorin erinnert an skurrile Begebenheiten aus ihrer oft gar nicht so idyllischen Kindheit, etwa an den gefrorenen Inhalt ihres Nachttopfes, den Usche und ihre Geschwister aus dem Fenster ihres eiskalten Schlafzimmers heraus „wie Frisbeescheiben“ warfen, erzählt von „Oma Behnke“, die manchmal in ihrem Schaufenster einschlief, und setzt noch vielen anderen alten, längst verstorbenen Wykern ein unterhaltsames Denkmal. Und sie erzählt auch Geschichten aus der Gegenwart, von lustigen Erlebnissen mit ihren Enkeln oder wie sie die Torte, über die die Katze spaziert war, gerettet hat, indem sie vor dem Servieren schnell Sahnetupfer auf die Fußabdrücke des Stubentigers spritzte.

Ob erzählt oder aufgeschrieben, Usche Meuches Geschichten sind so liebevoll, so menschenfreundlich und so lustig, dass man nicht genug davon bekommen kann. Und gleichzeitig ganz viel über eine längst vergangene Zeit erfährt.

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erstellt am 03.Apr.2017 | 20:27 Uhr

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