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Auf Föhr : Geburtsort anno 1900: Die Friesenstube

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Früher waren auf der Insel Hausgeburten üblich – auch als es schon längst das Wyker Krankenhaus gab.

Um 1900, also sieben Jahre nach der Gründung des Wyker Krankenhauses am Rebbelstieg, waren noch alle Föhrer Entbindungen Hausgeburten. So kamen 1905 auf Westerland-Föhr 22 Jungen und 16 Mädchen zur Welt. Kirchenbücher und Grabsteine auf den Friedhöfen der Insel erzählen, wie viele Frauen und Kinder während der Hausgeburten starben. Und trotzdem heißt es noch in den 1920-er Jahren: „Die Frauen waren schwer zu bewegen, bei einer Geburt ins Krankenhaus nach Wyk zu gehen, und so wurde dies mit Hilfe der Hebamme und des Arztes gemeistert.“ Also kroch der Arzt zur Gebärenden in das Wandbett des Friesenhauses, bis man nur noch seine Schuhe sah, und eine Helferin leuchtete von außen mit der Stall-Laterne hinein. Um diese Zeit gilt: Es ist „unpassend, über dergleichen Fragen (Schwangerschaft) zu sprechen.“ Und so nahm man unvorbereitet, wie man war, wenn Arzt und Hebamme, genannt „Modder Griebsch“, nicht rechtzeitig erschienen, während der Geburt notfalls das Lexikon zur Hilfe.
Geburten graben sich tief ins Menschheitsgedächtnis ein. So erzählt Boy Gerret Olufs, der mit den Wintherkindern fast wie mit Geschwistern aufwuchs: „Ich erinnere mich noch gut, wie Peter Martin Winther 1920 geboren wurde. Tante Meta Winther war bei uns in Borgsum. Wir Jungen kletterten vor unserem Haus in den Bäumen. Da kam Bescheid von drinnen, dass wir ein Baby bekommen hatten. Donnerwetter, das war was! Die anderen Spielgefährten hatten immer Bruder oder Schwester gehabt und endlich hatte ich auch einen Bruder! Wie man mir dann erklärte, dass es doch gar nicht mein Bruder sei, ließ man ihn mir dann doch als ‚halben Bruder‘. Damit bin ich dann durch das Dorf zum Ansagen gegangen.“
Diese Aufgabe übernahmen auch andere Kinder sehr gerne. Sie liefen durch Alkersum und sprachen in jedem Haus vor: „Ida an Erich let grööte an sai, det’s an letjen dring füngen haa.“ Zur Belohnung erhielten die kleinen Ansager Süßigkeiten oder ein bisschen Geld. Große Enttäuschung, wenn das Ereignis sich schon herumgesprochen hatte und der Botenlohn wegfiel.

Christina Martens aus Nieblum erzählt über ihre eigene Geburt: „Am Morgen des 19. April 1902 stapfte mein Vater Jacob Martens auf Mittelberg durch die Küche, hörte den Schrei eines neugeborenen Kindes und sagte, eigentlich mehr zu sich selbst: ‚Endlich en Deern!‘ Das Dienstmädchen am Herd blickte erstaunt auf, denn das Kind war wirklich erst in diesem Augenblick geboren und kein von außen Kommender konnte das Geschlecht wissen. Mein Vater, der das Erstaunen sah, sagte: ‚So schriet doch ken Jung.‘“
Die ledige Nieblumerin Chatarina Rörden, „immer in der Friesentracht, war als Hilfe im Haushalt überall beliebt, nichts war ihr zu viel. Besonders wenn in einer Familie ein Kind geboren wurde, war Chatarina da zum ‚af Bett denen‘ und nahm die ganze Familie in ihre Obhut. Mußte das Neugeborene mit der Flasche ernährt werden, dann gab es zusätzlich noch Nachtdienst, weil ein Herdfeuer unterhalten werden mußte, um die Milch zu wärmen. Chatarina hatte die Flasche für das Kind immer auffällig schnell zur Hand und gab denn auch ihr Patentrezept eines guten Tages bekannt: Sie nahm die Flasche am Abend mit ins Bett und hielt sie bis zum Verbrauch zwischen ihren Oberschenkeln warm.“ Manchmal übernahmen Frauen, die ihr Kind noch stillten, diese Aufgabe auch für eine andere Frau, die ihr Kind nicht selbst nähren konnte.
Im „Föhrer Senioren erzählen“ (1982) erinnert sich Maria Döring-Boysen aus Nieblum: „Sobald ein Dorfmitglied ernstlich erkrankt war, wurde ihm – und ganz besonders den Wöchnerinnen – nahrhafte Kost gebracht. Das Kochen war sehr gut eingeteilt. Es wurde ein Plan aufgestellt, und jede wußte, an welchem Tag sie zu kochen hatte. Heutzutage sind Kranke und Wöchnerinnen ja im Krankenhaus in guter Obhut.“

Doch auch diese Zeiten sind vergangen. Die Geburtenstation im Wyker Krankenhaus wurde im Oktober 2015 geschlossen, nun müssen die jungen Mütter ihre Kinder auf dem Festland zur Welt bringen – fernab von Freunden und Familie, die sie unterstützen könnten.





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