Wyk : Ein Vogelparadies am Rande der Stadt

Den Nonnengänsen gefällt es in Wyk so gut, dass sie zum Brüten gar nicht mehr in die Arktis fliegen.
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Den Nonnengänsen gefällt es in Wyk so gut, dass sie zum Brüten gar nicht mehr in die Arktis fliegen.

Direkt hinter der Stadtgrenze finden Naturliebhaber eine ornithologisch wertvolle Landschaft. Hier brüten sogar Nonnengänse.

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25. Februar 2018, 17:17 Uhr

Nördlich von Wyk, dort wo sich die Weite der Föhrer Marsch öffnet, liegt eine gar nicht so große Landschaft, die zu den ornithologisch eigenartigsten und wertvollsten der Insel Föhr gehört. Es handelt sich um ein rund 16 Hektar großes Gelände zwischen dem Laglum-Siel am Wyker Deich und der Straße zur Boldixumer Vogelkoje. Aber die meisten Wanderer auf dem Deich und die Auto- und Radfahrer auf der Straße bewegen sich achtlos an diesem Kleinod der Natur vorbei, weil sie um dessen Wert nicht wissen. Denn keine Zäune und keine grüngekleideten Wächter mit Ferngläsern und keine Verbotsschilder weisen darauf hin, dass es sich hier um ein sich selbst schützendes Vogelparadies handelt.
Ein Luftbild dieses Biotops zeigt einen breiten Wasserlauf, der aus der Osterlandföhrer Marsch fließt, sowie einen ähnlichen Graben, der von Norden kommend parallel zum Deich Richtung Laglum-Siel fließt und Achtzehnruten-graben genannt wird, oder auf Föhrer Friesisch Aagetajnruard. So wird auf Föhr eine Landfläche längs des gesamten Deiches genannt, die mit Soden oder Erde Bedarfsland für Deichreparaturen nach Sturmflutschäden ist und 18 Ruten breit ist. Die Föhrer Rute misst Iaut Brar C. Roeloffs 5,08 Meter, das wäre eine Breite von etwa 90 Metern.Tatsächlich weisen auch alle historischen Landkarten diese Breite aus. Nur dort, wo ausreichend Vorland vor dem Deich liegt, ist kein Achtzehnrutenland ausgewiesen, weil das entsprechende Material auf dem Vorland gewonnen werden kann.
Das „Vogelparadies Wyk“ entstand in den 1990-er Jahren, als im Zuge der Deichverstärkung von Wyk bis Lonke (Oevenum) große Mengen von Marschenerde und Klei benötigt wurden. Dabei bildete sich ein umfangreiches Teichgelände mit einigen Inseln, die sich besonders günstig für das Ruhebedürfnis etlicher Wasservögel und als sichere Brutplätze entwickelten.
Die ersten Ansiedler waren Graugänse. Aber dann folgten Kormorane, die am Boden auf den Inseln, aber dann auch in einer benachbarten Baumreihe ihre Reisighorste errichteten. Im Jahre 2004 wurde dann auch eine kleine Heringsmöwen-Kolonie und sogar die Brut einer Mantelmöwe beobachtet. Auch einige Silbermöwen waren vertreten. Sie hatten Anfang Juli schon gut herangewachsenen Junge. Bemerkenswert waren ferner je ein Paar der Nonnengans und der großen Kanadagans, beide mit Jungvögeln. Es blieb aber zweifelhaft, ob es sich hier schon um eine natürliche Ansiedlung oder um Wildgänse handelte, die aus einem Gehege entlassen oder aus einer Gefangenschaft geflohen waren.
Umso überraschender war dann das Bild Anfang Juni dieses Jahres. Auf den Wiesen vor dem Teichgelände wimmelte es von Nonnengans-Paaren, die fast alle Junge, kleinere und schon halb erwachsene, führten. An die 50 und mehre Paare wurden gezählt, eine ornithologische Sensation! Denn eigentlich müssten diese Nonnengans-Paare im Juni an der Küste von Ostgrönland, Spitzbergen und der russischen Eismeerinsel Nowaja Semlja sein. Ganz gegen ihre Jahrtausende alte Natur haben diese Nonnengänse (auch Weißwangengänse genannt) aber im Frühjahr auf den langen Flug zu ihren Brutplätzen verzichtet und sind auf Föhr geblieben. Und das werden sie auch in Zukunft, vermutlich mit einer wachsenden Population, tun – für Inselgäste und Naturfreunde ein großer Gewinn, für Landwirte ein wachsendes Problem.
Bekanntlich leben alle Wildgänse in lebenslanger, treuer Einehe. Ist einer der Partner nicht mehr in der Lage, im Frühjahr aus dem Winterquartier in das hochnordische Brutrevier zu fliegen, bleibt der andere Partner an seiner Seite. Infolgedessen ist es in vergangenen Jahrzehnten an der Nordseeküste immer wieder zu Einzelbruten – meistens in den ausgewiesenen Vogelschutzgebieten – gekommen. Aber auf Föhr erleben wir jetzt einen Totalumzug, weil die Nonnengänse erkannt haben, dass ihre Jungen hier nicht von hohen Brutfelsen (wegen der Gefahr durch Polarfüchse) herunterspringen müssen, sondern gleich vom Nest aus auf der grünen Weide sind. Und wo Gänse sich etabliert haben, ziehen sie bald weitere an.
Bemerkenswert ist auch die Kormoran-Kolonie im Vogelparadies. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gab es nur noch zwei Brutplätze in der alten Bundesrepublik, einer davon auf der Plattform des außer Betrieb gestellten Leuchtturmes Eversand in der Außenjade. Aber wie fast alle Wildgansarten begann sich auch der Kormoran plötzlich wieder zu vermehren – zum Ärger von Fischteichwirten, die aufwendige Maßnahmen ergreifen müssen, um ihre Fischzucht zu schützen. Dieses Problem stellt sich auf Föhr allerdings nicht, weil es hier keine Fischzucht gibt und die Kormorane weit hinaus zum Fischen auf die Nordsee fliegen. Kormorane brüten nun an vielen Stellen an der deutschen Nord- und Ostseeküste, sowohl am Boden als auch in Bäumen. Dort allerdings bewirkt der ätzende Kot das baldige Absterben der Bäume, so wie es auch im „Vogelparadies Wyk“ der Fall ist. Kormorane sind wahre Wasservögel, können schwimmen und tauchen, haben aber wie Enten, Gänse oder Möwen kein Fettgefieder. Ihr Gefieder wird im Wasser nass, weshalb sich diese großen schwarzen Vögel (Meer-Raben) anschließend auf Buhnen, Dalben oder Pricken setzen und ihre Flügel ausbreiten müssen, um wieder trocken zu werden. Das Brutgebiet der Kormorane auf Föhr besteht schon seit Jahrzehnten, ist aber einmalig auf den Nordfriesischen Inseln.

Das Schutzgebiet bei Wyk wurde im Jahre 1999 vom Land Schleswig-Holstein dem Deich- und Sielverband Föhr übertragen. Es erfolgt aber keinerlei Nutzung. Vielmehr gilt hier nach Aussage des Vorstandes, Dr. Hark Ketelsen, der Schutz der dort brütenden und rastenden Vögel und das ist – ohne Verbotsschilder und Bewacher – in hervorragender Weise gelungen.

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