Bordleben : Ein Blick hinter die Kulissen

Kapitän Andreas Kruse.
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Kapitän Andreas Kruse.

Besuch auf einer Fähre der Wyker Dampfschiffs-Reederei.

shz.de von
19. Juli 2015, 21:10 Uhr

Ein Dackel sitzt auf dem Kapitänsstuhl der „Uthlande“. Seine Wasser- und Futterschälchen stehen am Fuße des Kartentisches, daneben liegt fein ordentlich sein Spieltier aus Gummi. Ob Kapitän Norbert Krauledat zu denen gehört, die ihre Brücke immer gern selbst sauber halten, habe ich nicht gefragt. Aber Lutz Trantow, der Nautikstudent aus Flensburg, der mich übers Schiff führt, kann erzählen, dass da jeder Kapitän seine ganz eigene Taktik hat. Eins allerdings ist allen gemein. Sie sind alle sauber. „Seeleute sind generell sehr sauber“, sagt Lutz und nickt.
Als ich die schmale Treppe zur Brücke der Fähre hinaufsteigen wollte, steckte der Dackel oben seine Schnauze weit durch die Stangen des Kindersicherungsgitters und legte sein Köpfchen schief. Vielleicht bellte er nicht, weil Herrchen gerade seine kleine Rede begann: „Guten Tag meine Damen und Herren, ich begrüße sie auf der Fahrt der ‚Uthlande‘ nach Föhr und Amrum.“ Nachdem Kapitän Krauledat sein Mikro ausgestellt hat, geht er zum Kapitänsstuhl und holt sich seinen Platz zurück. Der Dackel gehört nicht zum Schiff, nein, er ist nur ab und an mal mit, wenn Frauchen Termine hat. Es ist schön zu sehen, wie es zugeht auf der Brücke, souverän und unbeschwert, ein phantastischer Ausblick aus rund 16 Metern Höhe, neueste Technik von Nock zu Nock (seitenidentisch angelegt), Kommandostühle, die sich auf Kommando drehen und es möglich machen, immer in Fahrtrichtung zu gucken. Die „Uthlande“ und die ein Jahr später gebaute „Schleswig-Holstein“ sind so genannte Doppel-End-Fähren.

Kapitän Krauledat hatte nichts dagegen, dass ich ihn besuche. Die Brücke der Fähren, ob alte oder neue, ist ohnehin recht offen, da kommen immer mal Gäste zum Klönschnack vorbei. Dennoch ist er bestimmt froh, dass Nautikstudent Lutz so redegewandt ist. „Ich bin eher untypisch für einen Seemann“, sagt der 26-Jährige und grinst. Er möchte, wenn es geht, später ein Kapitän mit Familie werden und hat daher für sein Praktikum erneut bei der WDR angeheuert, weil sie für familienfreundliche Strukturen bekannt ist (siehe Dackel) und ihre Arbeitskräfte gern in Nordfriesland sucht.
Die neuen Fähren, konzipiert für die Herausforderungen des Wattenmeeres, haben keinen Kiel, einen geringeren Tiefgang und vier Voith-Schneider-Propeller – einen in jeder „Ecke“. Dieser Antrieb ist so gestaltet, dass praktisch jede Fahrtrichtung geradeaus ist. „Ein Drehmoment wie ein Mixer“, sagt Lutz. „Die Manövrierfähigkeit dieser Fähren ist ideal.“ Den Anleger Amrum zum Beispiel kann das Schiff rückwärts verlassen, dann seitwärts gleiten, bis die Kaimauer nicht mehr im Weg ist – und vorwärts los .... Das Ganze wird mit einem Joystick manövriert. „Die Generation Playstation hat damit überhaupt keine Schwierigkeiten“, sagt Lutz und grinst.
Wir befinden uns schon mitten auf dem Wasser, die ECDIS-Anlage, die elektronische Variante zur klassischen Seekarte, die gekoppelt ist mit einem GPS, zeigt unter uns grüne Flecken, also Flachwasser. Weiter voraus wird’s weiß, da sind Tiefen bis zu 30 Meter. Den Kartentisch mit Kompass, Lineal und Kursdreieck gibt es immer noch. Denn zwei voneinander unabhängige Bestimmungsmöglichkeiten sind Pflicht. Peilobjekte sind zum Beispiel der Leuchtturm von Langeneß und eine Kirche Föhrs.
Ein ganz wichtiger Knopf auf der Brücke: der Heimatlandflaggehiss-Knopf für die Fahne am Heck! Achtung Doppelend-Fähre: Wenn hinten plötzlich vorne ist, und per Knopddruck alle Technik die Seite wechselt, muss auch die Fahne im „jetzt Hinten“ gehisst werden.
Sechs nautische Meilen sind es von Dagebüll bis nach Föhr, 8,5 weiter nach Amrum, macht Luftlinie – ohne den Föhr-Abstecher – 22,7823 Kilometer. Wir müssen uns beeilen, wenn wir noch hinter alle „Staff only“-Türen der Fähre blicken wollen.
Der Kapitän schläft unter der Brücke (wie das klingt ...). Auf dem Kapitänsdeck. Der Steuermann auch. Fünf Decks tiefer schlafen die anderen der Crew. Insgesamt sind es immer sieben: Kapitän, Steuermann, drei Decksmänner, Ingenieur und Schiffsmechaniker. Bisher waren es ausschließlich Männer, künftig kommt eine Frau: Steuerfrau Beate Erdmann.
Zurück zur Crew: Eine Woche Job, eine Woche Freizeit, freitags wird gewechselt. In der Arbeitswoche schläft die Besatzung an Bord. Ein armdickes Stromkabel für Heizung, Licht und Kühlschrank verbindet das Schiff dann nachts mit dem Hafen. Jeder hat seine Kabine. „und die nächste Woche hat jemand anderes deine Kabine“, sagt Lutz und macht die Tür zu seiner auf. Fensterlos, na klar, ein Bett, Tisch, Sitzecke, ein Schrank mit zwei Türen. „Rechts meine, links nicht meine“, sagt er. „Am Ende der Woche rolle ich meine Bettsachen ein, Bücher, Krimskrams, alles rein und verstaue es im Schrank. Kommt der andere, holt er seine Rolle aus der anderen Tür, macht sein Bett – fertig“. Seemänner sind wirklich sauber, sehe ich. Jeder hat seine eigene Dusche, zwei Waschmaschinen gibt’s, eine fürs Private, eine für die Jobklamotten.
Die Schiffsmotoren brummen angenehm hier unten. Ich habe in Wyk kurz das Schiff gewechselt, und bin mit Kapitän Andreas Kruse flugs von der Brücke der „Schleswig-Holstein“ runter aufs Tank-Top-Deck in den Maschinenraum geeilt. Im Kontrollraum herrscht Ruhe und Ordnung. Zwei Schreibtische, Sicherungs- und Schaltschränke, ein Monitor zeigt das Schiffsvisier und das Meer dahinter. Ohne Ohrschützer, da das Schiff im Hafen liegt, geht’s rein in die heiligen Hallen: Penibelste Ordnung überall. Erst eine kleine Werkstatt, dann Pumpen fürs Schwarzwasser. Es dominieren die Farben Ocker (Antrieb), >>>
>>> Elfenbein (Wände, Boden, Geländer) und Rot (Feuerlöscher). Unter Fahrt muss es tatsächlich hammerlaut sein, was Wunder bei diesen gigantischen Antriebswellen, die das Meer umschaufeln.
Wieder ein paar Decks höher in der Messe, dem Mannschaftsraum neben der Küche, beeindruckt vor allem dieses Tablett auf dem Esstisch: ein Honig-Curry-Maggi-Süßstoff-Pfeffer-Tablett mit einem silberfarbenen Lamettawedel als Blumenschmuck, der in einer zitronengelben Plastikflasche steckt, wo mal Zitronensaft drin war. Ein Stillleben, wie aus der Zeit gefallen. Salat ist angerichtet, auf dem Büffet stehen Obst, ein Fernseher und alles zum Kaffee trinken. Hier wird gegessen und abends manchmal erzählt. Hier schauen auch Stammgäste rein oder Lastwagenfahrer. Hier und da bringen sie eine Kiste Obst, einen Kuchen.

In der Kombüse, ein Raum weiter, herrscht der Decksmann mit Kocheigenschaften. Manche von denen haben schon auf Kreuzfahrtschiffen gekocht, wie Decksmann Christian Albrecht. Solche Typen muss man suchen, die anpacken und kochen können. Es gibt Gulasch. Auf einem der Töpfe klebt ein Zettel mit den Vornamen von Kapitän und Ingenieur. Die kommen heute wohl später. Extra Topf. Nichts wegessen!
Noch was Wichtiges vergessen? Im Technikraum liegt tonnenweise Tauwerk. Die Männer spleißen die Tampen natürlich selbst, wenn sie reisen. Vier Rettungsstationen in den Schiffsecken bergen acht Rettungsinseln, die im Notfall durch einen Schlauch mit Treppenstufen aus Netzgewebe erreicht werden können. Das Bereitschaftsboot für den „Person über Bord“-Notfall oder um die Rettungsinseln vom Schiff wegzuvieren kann ohne Strom heruntergelassen werden. Der Davidarm, wie er heißt, funktioniert ausschließlich über die Schwerkraft. Gut zu wissen: Die Fähren haben ausreichend Rettungsmittel an Bord, und die nächste Sandbank ist nie weit.
„Meine Damen und Herren, willkommen in Wittdün auf Amrum“. Kapitän Krauledats Anlegemanöver war sanft wie eine leichte Brise. Seit 21 Jahren legt er an den nordfriesischen Küsten an. Er legt er das Mikrofon zur Seite und hebt den Dackel vom Chefsessel.



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