Geburtshilfe : Die Inselhebamme

Vom Kreißsaal auf die Koppel: Beim Reiten tankt die gebürtige Föhrerin neue Energie.
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Vom Kreißsaal auf die Koppel: Beim Reiten tankt die gebürtige Föhrerin neue Energie.

Sie stammt von der Insel Föhr und liebt es, dort zu leben. Kirsten Rickmers hat bereits mehr als 1000 kleinen Insulanern auf die Welt geholfen.

shz.de von
28. Januar 2015, 16:00 Uhr

Wenn ein Kind kommt, wird die Liebe angeknipst.“ Ungewöhnliche Worte einer außergewöhnlichen Frau. Mehr als 1000 kleine Friesen hat Kirsten Rickmers in 23 Jahren als Hebamme auf der grünen Insel auf die Welt geholt. Zu fast jeder Föhrer Familie hat die temperamentvolle Frau daher eine besondere Beziehung. Und auch nach mehr als 20 Jahren ist für Kirsten Rickmers jedes neue Leben ein Wunder, eine unbeschreibliche Freude.

Diese vielen Freuden sieht man der gebürtigen Föhrerin an, die aus jedem Gesichtswinkel strahlt. Funkelnde Augen, lebhafte Gesten, die ihr blondes Haar zum Tanzen bringen, und dazu dieses wunderbare Lachen: „So bin ich halt, wohl weil ich ganz anders lebe als die meisten anderen Menschen“, sagt die Frau mit einem Beruf, der ihr Berufung ist, der ihr niemals zur Routine wird. Denn für die werdenden Eltern und auch für sie selbst ist jeder neue Inselbewohner etwas ganz Besonderes, ein einzigartiger Gewinn, dem Bangen, Hoffen und harte, bis zu 30 Stunden lange Geburtsarbeit voraus gegangen ist.
Und das zu völlig unberechenbaren Zeiten. Jede Nacht kann sich ein neues Inselkind auf die Welt machen wollen, kann das Telefon im Haus der Rickmers in Goting klingeln und ein neues Leben ankündigen. Auch wenn die Hebamme bis dahin nur kurz geschlafen hat – wenn ein Kind kommt, ist sie ganz fix hellwach und macht sich auf den Weg ins Krankenhaus nach Wyk.
Dort hat Kirsten Rickmers in früheren Jahren auch viele schwierige Geburten gemeistert. Panik ist dabei ein Fremdwort. „Je heikler die Geburt verläuft, desto ruhiger werde ich“, sagt die selbstbewusste Insulanerin, die bei Komplikationen im Kreißsaal mit ihrem Know-how, ihrer Sensibilität und ihrer Zuversicht auch schon mal den Arzt beruhigt. Doch solche Situationen gibt es heute kaum noch. Alle Frauen, bei denen sich Schwierigkeiten andeuten, werden in die Frauenklinik nach Flensburg geflogen. „Dennoch kann sich jederzeit auch eine normale Niederkunft komplizieren“, weiß Kirsten Rickmers.

Auch Kinder von Urlaubern hat sie schon auf die Welt geholt. Einmal stieg sie nach einer Insulaner-Geburt gerade vor der Klinik auf ihr Fahrrad, als sie von einer Urlauberin angesprochen wurde, der gerade die Fruchtblase geplatzt war. „Kennen Sie eine Hebamme?“, fragte diese aufgeregt. „Bei mir bist du genau richtig“, antwortete Kirsten Rickmers, nahm die werdende Mutter an die Hand und ging mit ihr direkt in den Kreißsaal.
Alle schwangeren Föhrerinnen und die, die es werden wollen, nennt die Inselhebamme „meine Frauen“. Schon früh vor der Geburt und auf Wunsch auch lange danach werden sie von ihr betreut, teilt sie mit ihnen bewusst ein Stück Lebensweg. „Emotional ist das schon verrückt. Selbst zu Frauen, die ich nicht kannte, wächst eine ganz innige Bindung. Für kurze Zeit werde ich zur vertrautesten Freundin der werdenden Mutter“, sagt Kirsten Rickmers, die mittlerweile Babys auf die Welt holt, für deren Eltern sie schon die Hebamme war. „Die Kinder meiner Kinder – das ist etwas Besonderes“, schwärmt die Föhrerin.
Eine Niederkunft ist das intimste Ereignis, das eine Frau mit einem anderen Menschen teilen kann. „Es ist gut und glaubwürdig, wenn man in dieser Situation selbst zwei Kinder geboren hat, wenn man genau weiß, wann es wo weh tut – und das es vorbei geht, dass man belohnt wird für das, was jede Frau bei einer Geburt leistet“, sagt Kirsten Rickmers. Unerträgliche Schmerzen müsse aber keine Frau mehr ertragen, „dagegen kann man heute zum Glück etwas tun“.
Urlaub macht und braucht sie nicht, zu schön und gut ist dafür die Lebensqualität, die Föhr ihr bietet. Dennoch ist Kirsten Rickmers für ihre werdenden Mütter wenige Tage im Jahr nicht erreichbar, dann übernimmt eine andere Hebamme ihre Bereitschaft. Immer dann nämlich, wenn es auf der Insel das Königs-, Preis- und Bundesringreiten gibt. Dann sitzt die Föhrerin im Sattel. „So schön mein Job ist, auch ich brauche einen Ausgleich – auf dem Rücken meiner Pferde tanke ich neue Energie“, sagt Kirsten Rickmers, die oft aus dem Kreißsaal kommend direkt auf den Pferdesattel steigt.


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