zur Navigation springen

In Nebel : Der Schatz an der Wand

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Neues Schmuckstück im Museum: Bei Renovierungsarbeiten im Öömrang Hüs wurde eine alte Fliesenwand entdeckt.

Die einen reißen Häuser nieder und finden unter der Türschwelle einen Schatz, andere hauen Wände ein und entdecken verborgene Räume, wieder andere brechen hässliche Holzpaneele weg und stoßen auf wunderschöne, alte Fliesen. So geschehen in Nebel. Im altehrwürdigen Öömrang Hüs, dem schnuckeligsten aller Minimuseen, das Amrums altes Wohnen und Leben zeigt.
Da hatte sich das Ehrenamts-Team um Helga und Jan Ruempler im letzten Winter vorgenommen, den Pesel zu renovieren. Im Raum hinter der Dörnsk mit dem berühmten Bileggerofen, wo auch geheiratet werden darf, war die Holzverkleidung durch, und die beiden Außenwände waren feucht. Also runter mit dem Zeug. Hinter dem Holz quetschten sich Styropor-Platten, die einst gegen Kälte schützen sollten. Die riss man raus, die alte Bitumenpappe dahinter gleich mit, die ging schon schwerer, die klebte an was. Eckart Schwarz, einer der Unermüdlichen rund ums Öömrang Hüs, der gerade auf dem Festland weilte, kann sich noch gut an den Anruf von Jan Ruempler erinnern, der begeistert ins Telefon rief: „Wir haben Fliesen entdeckt! Ganz alte Fliesen!“ Tatsächlich müssen diese Fundstücke etwa von 1750 sein, also aus einer Zeit, als das kleine Friesenhaus gerade einmal 30 Jahre alt war. Sie passen motivgenau zu denen, die im Pesel seit Urzeiten die (trockene) Innenwand zum Alkoven schmücken und zeigen – niederländisch gefachsimpelt – das Motiv „Landschap op land“, einen Horizont, vor dem sich Kutschen, Windmühlen, Brunnen, Menschen, Häuser und Schiffe abwechseln. Der freigelegte Schatz war freilich arg mitgenommen. Strenger Frost, der zwei Jahrhunderte lang durch die Wände schlug, hatte viele Fliesen platzen lassen, einigen fehlte die komplette Glasur, bei anderen war das Motiv sehr lädiert. Also alle Fliesen (vorsichtig!) abgeschlagen und weggeschafft zu Eckart Schwarz ins Haus nach Süddorf, gleich mitten in sein Wohnzimmer.
Der 69-Jährige ehemalige Zahnarzt, dessen Inselliebe als Kind Amrumfahrender Eltern begann, ist im Team der Öömrang-Hüs-Skööl, also dieser Gruppe aus rund zehn rührigen Menschen, die sich ums Hüs und seine Besucher kümmern, der Experte für Fliesen. „Unser Artdirektor“, sagt Jan Ruempler und lacht. Schon als Kind hatte Schwarz im Sand buddelnden Amrumfreunden alles abgeschnackt, was irgendwie nach niederländischem Wandschmuck aussah. Später wurden Flohmärkte und Kunstauktionen sein Revier. Nun denn – alle Fliesen wurden gereinigt, mit Diamantscheiben hat Schwarz vorsichtig den Mörtel abgeschliffen, zerbrochene Fliesen hat er geklebt, die Fehlstellen ausgebessert, farblich ergänzt und mit Celluloselack als Ersatz für die Glasur wieder schmuck gemacht. Zwei Wochen hat ihn das in Atem gehalten. Danach hat er mehrere DIN-A4-Seiten aneinandergeklebt und darauf einen Fliesenplan für die Westwand im Hüs entworfen, damit nachher nicht Kutsche auf Kutsche auf Kutsche folgt, sondern die Abwechslung das Bild bestimmt. Jede Fliese bekam eine Nummer für Reihe und Höhe, alles wurde ordentlich gestapelt und einem Amrumer Maurer übergeben.

Der Mann, Mitte Vierzig, erweist sich als feinfühliger Experte. Wieder so ein Glück! Er brachte den in solchen denkmalgeschützten Häusern natürlich vorgeschriebenen Kalkmörtel – also bloß keinen Zement oder einfach nur bösen Kleber – mit Sachverstand und eben Gefühl auf die Wand und schuf ein wunderbares Fliesenbild. Leider allerdings ließ sich nicht die ganze Wand wiederherstellen, es waren doch zu viele der entdeckten Fliesen nicht mehr zu gebrauchen. Von den rund 240 konnten 80 einfach nicht mehr gerettet werden. Was braucht es also? Glück! Wieder einmal. Einem Amrumer Architekten fällt beim Blick auf die Wand sein Geschäftspartner Mylin ein, ein Familienunternehmen, das mittlerweile in dritter Generation auf den nordfriesischen Inseln mit antiken Baumaterialien und Kachelöfen handelt. Also kommt einer der Chefs zu Besuch, besieht sich die Wand, fasst sich vermutlich nachdenklich ans Kinn und murmelt: Da hab ich, glaub' ich, noch 'ne Kiste von im Keller. Also – zumindest so ähnlich muss es gewesen sein, denn die Kiste, die bald darauf ins Öömrang Hüs geliefert wird, enthält rund 80 Fliesen des Typs „Landschap op land“. Gut, okay, zweite Wahl. Hier fehlt mal eine kleine Ecke, dort ist ein dünner Riss drin, aber egal, sind schließlich 250 Jahre alt! Und ohnehin ist zweite Wahl ja oft viel charmanter als alles neu und korrekt. Der Maurer mit dem Gefühl bringt auch diese schöne Entdeckung an die Wand. „Am Ende“, sagt Eckart Schwarz, „ist genau eine Fliese übrig geblieben.“
Jetzt könnte die Geschichte zu Ende sein, wenn da nicht noch die Nordwand im Pesel gewesen wäre. Die wurde ja auch von der Holztäfelung befreit, bloß war darunter nur Putz, keine Fliese. Mit „Landschap“ war Ende, man soll sein Glück auch nicht überstrapazieren. Also ging Eckard Schwarz in sein Lager und überlegte. Wer so lange sammelt, der hat in seinem Bestand vielleicht auch mal rund 300 Fliesen für eine arme, nackte Nordwand. Er fand „Bloempotjes“, schöne blau-weiße Blumentopf-Motive aus dem 19 Jahrhundert. Und dann kam sogar noch jemand aus der Nachbarschaft des Öömrang Hüs und schenkte der Wand einen Hingucker, nämlich drei Viererblöcke „Roos-met-Steel“-Fliesen, Rosen mit Stiel, die sich nun in Augenhöhe befinden.
Das Öömrang Hüs, das zum von Jens Quedens vor 42 Jahren initiierten Öömrang Ferian gehört, dessen nächstes Großprojekt das Pottwal-Skelett für das Norddorfer Naturzentrum ist, finanziert sich ausschließlich aus Spenden von Besuchern und Hochzeitsgästen. Dafür engagieren sich nimmermüde Amrumliebhaber in täglichen Führungen. Sie erzählen die Geschichte des Hauses, der Insel, der Menschen und ihre eigene gleich mit dazu – wenns passt. Und sie verwenden all diese Spenden einzig für das Wohl dieses schönen Hauses. Ehrenamtlich werkeln sie immer an irgendeiner Verschönerung. Dieses Jahr wurde auch die Frontseite neu verfugt. Mit Kalkmörtel natürlich. Was wieder kein einfaches Unterfangen war, weil der alte, weiche Stein eine sehr vorsichtig abgemischte Fugenmasse braucht, damit winters die Spannung zwischen Fuge und Klinker nichts auseinander platzen lässt. Wieder ein Job für den Maurer mit viel Gefühl.

Übrigens, damit die Fliesen im Pesel auch möglichst lange schön bleiben, hat man bei der Renovierung eine Sockelheizung eingebaut, die künftig die Feuchtigkeit aus dem Boden daran hindert, nach oben zu steigen. Leb noch lange wohl, schönes Hüs!


Das Öömrang Hüs in Nebel ist bis Ende Oktober Montag bis Freitag von 11 bis 13.30 Uhd sowie Montag bis Sonnabend von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Ab November nur noch Montag bis Freitag von 15 bis 17 Uhr.





zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen