Betreten nicht verboten : Insel-Streit im Nord-Ostsee-Kanal

Wer darf rauf, wer nicht? Darum streiten sich der Kreis Rendsburg-Eckernförde und eine Firma auf der Rader Insel.
Wer darf rauf, wer nicht? Darum streiten sich der Kreis Rendsburg-Eckernförde und eine Firma auf der Rader Insel.

Eine Firma klagt: Bürger sollen die Rader Insel nicht betreten – ein Urteil erlaubt ihnen jetzt den Zutritt. Vor allem die ältere Generation hat eine besondere Beziehung zum Eiland. Bei dem Streit geht es um das Naturschutzrecht.

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30. November 2013, 18:18 Uhr

Rade | Die Autos und Lastwagen rollen wieder ungehindert über die Rader Autobahnbrücke der A7. Auf der kleinen idyllischen gelegenen Insel unter dem frisch armierten und in Stand gesetzten Bauwerk indes herrscht immer noch Stau: Seit zehn Jahren schwelt ein Streit darüber, ob Spaziergänger vom „Festland“ den Gertrudenweg auf dem Eiland im Nord-Ostsee-Kanal benutzen dürfen. Ein Urteil des Verwaltungsgerichts in Schleswig bekräftigt nun das Recht der Bürger auf Zugang zur freien Landschaft – auch auf einer Privatstraße. Eine Firma hat dagegen geklagt.

Handelt es sich um einen Teil des Firmengeländes? Oder ist es ein Weg in die freie Landschaft? Über diese Fragen streiten seit Jahren der Kreis Rendsburg-Eckernförde und die Firma Schreiber, die hier unter anderem einen Yachthafen und -Service betreibt. Das Verwaltungsgericht in Schleswig hat ein Urteil gefällt, dass die Privatstraße wieder frei zugänglich sein soll für die Menschen, die sich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder Rollstuhl in der Landschaft bewegen möchten.

Streitgegenstand ist das Naturschutzrecht. Die Auffassung der unteren Naturschutzbehörde des Kreises Rendsburg-Eckernförde, die sich auf das Bundes- und das Landesnaturschutzgesetz beruft, wurde von der 1. Kammer des Verwaltungsgerichts voll und ganz bestätigt, indem sie die Klage der Firma abwies. Die Richter gingen in ihrer Begründung von dem allgemeinen Grundsatz aus: „Das Betreten der freien Landschaft auf Straßen und Wegen sowie auf ungenutzten Grundflächen zum Zwecke der Erholung ist allen gestattet.“ Das könne auch in besiedelter Landschaft oder im siedlungsnahen Bereich gelten.

„Das ist eine wichtige Entscheidung für unsere Bürger“, stellte Borgstedts Bürgermeister Gero Neidlinger erfreut fest. Vor allem die ältere Generation habe eine besondere Beziehung zur Insel. Als Kind habe man dort gespielt und Sonntagsspaziergänge gemacht. Auch Eckard Reese, Bürgermeister in Schacht-Audorf, begrüßte das Urteil. „Das freut uns“, sagte Reese und fügt im Rückblick auf jahrelange Auseinandersetzungen hinzu: „Wir hoffen auf friedlichere Zeiten.“

Danach klingt die Stellungnahme von Friedrich Schneider, Geschäftsführer der Firma Schreiber, jedoch nicht. „Wir werden auf jeden Fall in Berufung gehen“, kündigte er gestern an. Das Urteil sei für ihn und das Unternehmen nicht zu akzeptieren, erklärte Schreiber und widersprach der Auffassung des Verwaltungsgerichts: „Das ist hier 100-prozentig keine freie Landschaft.“ Darüber hinaus werde sein Betrieb durch die Auswirkungen der Gerichtsentscheidung in seiner Entwicklung eingeschränkt, argumentierte der Geschäftsführer. „Wir werden die Rechtsmittel voll ausschöpfen und Gutachter zu Rate ziehen“, erklärte Friedrich Schreiber.

„Wir werden abwarten, bis das Urteil rechtskräftig ist“, sagte der Jurist der Kreisverwaltung, Jes-Edlef Holm. Der Kreis hatte Schreiber im Mai 2010 per Bescheid aufgefordert, das Schild „Unbefugtes Betreten und Befahren verboten“ zu entfernen und damit den Weg für Bürger wieder zu öffnen. Daraufhin hatte die Firma zunächst Widerspruch angekündigt und im Mai 2011 Klage eingereicht. In der unteren Naturschutzbehörde hatte sich die Auffassung durchgesetzt, dass der Weg im Sinne des Naturschutzrechtes in freier Landschaft liege und deshalb nicht für Erholungssuchende gesperrt werden dürfe. Schreiber dagegen betrachtet den Weg als Teil des Betriebsgeländes. Das Verfahren sorgte für „aufschiebende Wirkung“, so dass seitdem „Betreten verboten“ ist.

Einen Monat habe der Kläger nun Zeit, die Berufung beim Verwaltungsgericht zu beantragen, einen weiteren Monat, um die Begründung bei der höheren Instanz, dem Oberverwaltungsgericht, einzureichen, erläuterte Jes-Edlef Holm, erst nach Abschluss des ganzen Verfahrens könne die Behörde wieder aktiv werden.

„Die Richter haben sich große Mühe gegeben“, sagte der Jurist des  Kreises. Die 1. Kammer hatte sich an einem frostigen November-Morgen an Ort und Stelle einen Eindruck von Landschaft und Betrieb sowie Struktur der Rader Insel verschafft. 

Zur Beratung (und zum Aufwärmen) zog sich das Hohe Gericht dann, wie Bürgermeister Neidlinger berichtete, in ein Café zurück – aufs Borgstedter Festland.

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