Grundschulen in SH : Inklusion unter der Lupe: Landesrechnungshof stellt massive Defizite fest

Inklusion
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Bei der Einführung des Inklusionsunterricht soll erstmal auf die Bremse getreten werden, um die bestehenden Mängel zu beseitigen.

Zu wenig Lehrer, ungeeignete Schulräume und Mängel bei der Barrierefreiheit. Bei der Inklusion gibt es noch einige Baustellen.

shz.de von
08. Dezember 2017, 15:51 Uhr

Kiel | Das hohe Tempo bei der Einführung von Inklusionsunterricht an Schleswig-Holsteins Schulen muss nach Ansicht des Landesrechnungshofs gedrosselt werden. Statt die Inklusionsquote weiter zu erhöhen, sollten erst bestehende gravierende Mängel bei den Rahmenbedingungen behoben werden, sagte die Präsidentin des Landesrechnungshofes (LRH), Gaby Schäfer, am Freitag in Kiel. Die Quote von etwa 70 Prozent sage noch nichts über die Qualität der Inklusion aus. Schäfer stellte den LRH-Bericht „Inklusion an Schulen“ vor, den bundesweit ersten eines Landesrechnungshofs zu diesem Thema.

Grundschulen im Mittelpunkt

Mit Blick auf die Finanzschwäche Schleswig-Holsteins konstatierte Schäfer: „Die notwendigen personellen und sächlichen Ressourcen sind im System Schule auch auf mittlere Sicht nicht vorhanden.“ Allein bei den Grundschulen fehlten viele Lehrer und etwa 1500 Sonderpädagogen.

Da Sonderpädagogen im Norden nur in Flensburg ausgebildet werden, reichen dem Bericht zufolge deren Absolventen – etwa 100 im Jahr – nicht einmal aus, um die in Pension gehenden Sonderpädagogen zu ersetzen. Die Lücke werde sich auch nicht durch Lehrkräfte aus anderen Bundesländern schließen lassen. Dabei will die Landesregierung bis 2024 jährlich 70 neue Sonderpädagogen-Stellen schaffen, also 490 insgesamt.

Das Bildungs- und Wissenschaftsministerium betonte, die Europa-Universität in Flensburg habe im Bachelorstudiengang Sonderpädagogik die Zahl der Studienplätze von 120 auf 160 angehoben und im Masterstudiengang auf 82 Plätze. Außerdem erhalte die Uni Flensburg 2018 eine zusätzliche Professur im Bereich Sonderpädagogik.

Zu den Reformvorschlägen des LRH gehört, dass künftig nicht nur in der ersten und zweiten Klasse, sondern auch in der dritten und vierten Klasse sogenannte Präventionsstunden (Tandemstunden mit Lehrer und Förderschullehrkraft) eingeführt werden. Die bisher zwei Präventionsstunden pro Woche in den beiden ersten Klassen reichten auch nicht aus. Notwendig wären auch ein verbindliches Zeitbudget für die notwendige Kooperation von Sonderpädagogen und Grundschullehrern. „Wir brauchen Zeit, um uns abzustimmen und auf die Kinder zuzugehen – für die direkte Förderung ist keine Zeit“, fasste eine Mitarbeiterin der Studie den Tenor der hoch engagierten Lehrkräfte an den befragten Grundschulen zusammen.

Schulgebäude nicht geeignet

Viele Schulen sind der Studie zufolge baulich für den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Schülern nicht hinreichend geeignet. Es fehle etwa an Barrierefreiheit (Fahrstühlen) oder Kleingruppenräumen. Die für den Schulbau zuständigen Kommunen könnten den finanziellen Aufwand dafür nicht allein schultern. Die Regierung müsse zur Unterstützung ein umfangreiches Schulbauprogramm in Millionenhöhe auflegen. Und es sollten Musterraumprogramme konzipiert und eine fachliche Beratungsstelle des Landes gegründet werden.

Außerdem schlägt der LRH einen Modellversuch für die Grundschulen vor. Dabei sollen beim jeweiligen Schulamt die verschiedenen Kräfte – Lehrer, Sonderpädagogen, Schulbegleiter, schulische Assistenzen und Erzieher – koordiniert und bedarfsgerecht eingesetzt werden.

Inklusion nicht zu Ende gedacht

Bildungsministerin Karin Prien (CDU) würdigte den LRH-Bericht als „kritische Analyse zum Stand der nicht bis zum Ende durchdachten, aber schnell eingeführten Inklusion“. Inklusion dürfe nicht alleiniges schulpolitisches Ziel sein: „Mehr Unterricht an den Grundschulen, die Unterrichtsversorgung an allen Schulen und vieles mehr stehen auf unserer Agenda mindestens gleichwertig ganz oben.“

Zudem verwies Prien darauf, dass neben den 490 zusätzlichen Stellen für Sonderpädagogen die schulischen Assistenzsysteme neu geordnet werden und eine bessere Bedarfsorientierung in der Lehrkräfteversorgung angestrebt werde. Zur Umsetzung der Inklusion gebe es Gespräche mit den kommunalen Spitzenverbänden. Der Vorschlag einer zentralen Beratungsstelle ziele in die richtige Richtung.

Die SPD lobte den Bericht als gute Grundlage für eine Versachlichung der Inklusionsdebatte. Der LRH mahne zu Recht eine Antwort auf die Frage an, wo die Ziele dieser Landesregierung liegen, sagte der bildungspolitische Sprecher der SPD, Martin Habersaat.

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