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Zeugnisse : Inflation der guten Abi-Noten: Auch Lehrer aus SH fordern mehr Strenge

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Zweier-Abi ist für viele Schüler schon nicht mehr gut genug. Das hat schlimme Folgen.

Kiel | Als Helmut Sigmon anno 1967 sein Abitur mit der Note 2,7 machte, war der heutige Chef des Philologenverbandes Schleswig-Holstein Jahrgangsbester. „Heute ist ein Reifezeugnis ohne eine ,Eins‘ vor dem Komma kaum noch Mittelmaß“, beklagt er. Ähnlich wie der Deutsche Lehrerverband sprach auch Sigmon gestern von einer „Inflation“ guter Schul- und Abiturnoten. Allein in Berlin habe sich die Zahl der Abizeugnisse mit einem Notendurchschnitt von 1,0 binnen zehn Jahren vervierzehnfacht.

Sigmon ist überzeugt, dass dies nicht auf eine Verbesserung der Schüler hindeute, sondern auf ein Nachlassen der Anforderungen. „Dabei tun die Schulen ihren Schülern mit den guten Noten keinen Gefallen“, ist er überzeugt. „Steigen die Anforderungen und werden Einsen nur für wirklich sehr gute Leistungen vergeben, steigt auch die Anstrengungsbereitschaft der Schüler“ – so die Erfahrung des langjährigen Direktors eines Kieler Gymnasiums. Das führe „zu der paradoxen Situation, dass Schüler, denen die Einsen nicht nachgeschmissen werden, zwar kompetenter seien als Schüler weniger anspruchsvoller Schulen, dafür aber schlechtere Noten haben“. Mit schlimmen Folgen: „Sie haben schlechtere Chancen bei der Studienplatzvergabe.“ Zur Schließung der Gerechtigkeitslücke fordert er, das vor Jahren abgeschaffte Bonus-Malus-System wieder zu reaktivieren, welches den Nachteil für Schüler aus Ländern mit strenger Notengebung ausgleicht.

Sigmon: „Davon würden auch die schleswig-holsteinischen Abiturienten profitieren.“ Zwar habe sich auch im Norden der Notendurchschnitte im Laufe des letzten Jahrzehnts verbessert, aber im Vergleich zum Beispiel mit Thüringen oder Bremen gelte das schleswig-holsteinische Abitur nach wie vor als relativ schwer.

Bei der Lehrergewerkschaft GEW rennt Sigmon offene Türen ein. „Die Spannweite bei der Notengebung ist sehr groß“, räumt GEW-Sprecher Schauer ein. Das sei grundsätzlich unproblematisch. Da jedoch die Note bei der Studienplatzvergabe entscheidend sei, müsse „auf die Besonderheiten der einzelnen Bundesländer mit einem Malus-Bonus-System reagiert werden“. Josef Kraus vom Deutschen Lehrerverband geht sogar noch einen Schritt weiter: Er fordert „anspruchsvolle Bundesländer“ wie Bayern auf, Abiturzeugnisse „anspruchsloser Bundesländer“ nicht mehr anzuerkennen. Aus dem Abitur müsse wieder „ein Attest für Studienbefähigung und nicht für Studienberechtigung werden“, sagte Kraus.

Erst jüngst hatten auch die Universitäten Kiel und Flensburg die mangelnde Studierfähigkeit heutiger Abiturienten beklagt. Immer öfter müssten sie durch zusätzliche Kurse auf das Niveau gebracht werden, das einst als Abiturstandard galt.

Kommentar: Bessere Abiturnoten sind politisches Kalkül

Nicht allein von Grips und Fleiß hängt es in Deutschland ab, ob ein Abiturient einen der begehrten Studienplätze bekommt – sondern auch vom Wohnort. In einem unsinnigen und gefährlichen föderalen Überbietungswettbewerb haben Bundesländer die Noten in den Reifezeugnissen extrem hochgejubelt. Beispiel Thüringen: Hier steht in vier von zehn Abi-Zeugnissen eine Eins vor dem Komma. Dahinter steckt keineswegs plötzliche Großzügigkeit der Pädagogen, die mit guten Noten für schlechte Leistungen ihre Schüler beglücken wollen, sondern leider politisches Kalkül.

Wenn jeder Zweite eines Jahrgangs studieren soll – wie heute gefordert –, geht das nur zulasten der Anforderungen. Die werden je nach Bundesland mehr oder weniger stark gesenkt, damit die Schüler über das Stöckchen springen können. Das passiert auch durch Reformen in der Bildungslandschaft. Ob diejenigen, die künftig an unseren Gemeinschaftsschulen Abitur machen, tatsächlich studierfähig sind, muss die Zukunft noch zeigen. Deutliche Zweifel bestehen allerdings schon heute, ob die von den Berufsbildenden Schulen verteilten Hochschulzugangszertifikate gleich viel wert sind wie die klassischer Gymnasien. Wie sonst ist es zu erklären, dass schlechte Elftklässler nach einem Wechsel auf ein Berufsbildungszentrum brillante Noten einheimsen und ihre ehemaligen Mitschüler bei der Studienplatzvergabe locker abhängen. Hier ist mehr Gerechtigkeit dringend geboten.

Deutschland kann wirtschaftlich nur als Wissensgesellschaft überleben. Deshalb gehören die hellsten Köpfe an die Uni. Wegen sozialer Bildungsschranken bisher brachliegende Fähigkeiten müssen selbstverständlich gehoben werden. Dafür Bildungsstandards flächendeckend zu senken, ist aber der falsche Weg. Die Alarmsignale der Hochschulen im Norden sind unüberhörbar. Sie müssen die kostspielige Suppe auslöffeln: nachschulen und aussieben. Jeder dritte Student scheitert.

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erstellt am 12.Dez.2016 | 19:25 Uhr

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