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Dunkelfeld-Studie „Mikado“ : In Schleswig-Holstein werden täglich 40 Kinder missbraucht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Zahl der Missbrauchsfälle in Schleswig-Holstein ist erschreckend. Doch die wenigsten Täter sind pädophil.

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2016 | 19:40 Uhr

Kiel | 458 Kinder wurden im vergangenen Jahr sexuell missbraucht – so steht es in der aktuellen Kriminalstatistik des Landes. Eine erschreckende Zahl, die aber von der Realität noch weit überboten werden dürfte. Tatsächlich werden nur die wenigsten Missbrauchsfälle auch bekannt. Denn in der Regel schweigen die Menschen – Opfer wie auch deren Eltern über das Geschehene.

0,1 Prozent der Männer sind pädophil. Vielen fällt es schwer, über ihre Neigung zu reden, weil sie Ausgrenzungen befürchten. Doch genau dieses Reden ist wichtig, um helfen zu können.  Es ist also auch die Gesellschaft gefragt, den richtigen Umgang mit dem Thema zu finden.

Laut der vom Bundesfamilienministerium geförderten Dunkelfeldstudie „Mikado“ berichtet nur ein Drittel aller Opfer von dem Missbrauch. Doch an wie vielen vergehen sich Erwachsene dann tatsächlich? Darüber gibt eine weitere Dunkelfeldstudie, diesmal vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen Auskunft. Danach haben 1,4 Prozent aller Jungen bis 15 Jahren und 6,7 Prozent der Mädchen schon einmal einen sexuellen Missbrauch mit Körperkontakt erlebt: Das sind in Schleswig-Holstein sieben Jungen und 33 Mädchen – täglich.

Erst kürzlich wurden zwei Fälle von Kindesmissbrauch in Kiel bekannt: Bei dem einen hatte ein Mann eine Siebenjährige verschleppt und sich an ihr vergangen; zuvor soll es mehrere Hinweise gegeben haben, dass der Mann gefährlich sei. In dem anderen Fall hatte ein anderer Mann die Kinder seiner Lebensgefährtin zunächst teilweise schwer missbraucht, sich dann selbst in die Psychiatrie eingewiesen, am selben Tag wieder entlassen und war schließlich verhaftet worden.

Insider bezeichnen dies – inoffiziell, da es sich um schwebende Verfahren handelt – als zwei grundsätzlich verschiedene Fälle, die aber ein mit dem Thema tief verwurzeltes Problem verdeutlichen: Im ersten gehen Experten davon aus, dass der Täter kein Pädophiler, sondern ein psychisch schwer Gestörter war. Beim zweiten Fall meinen allerdings auch sie, dass es sich hierbei um einen pädophilen Triebtäter handelt.

Tatsächlich sind die meisten Missbraucher gar nicht pädophil, was eine weitere Dunkelfeldstudie belegt. Laut der Mikado-Studie hatten 4,4 Prozent aller Männer in Deutschland schon einmal sexuelle Fantasien mit Kindern. Ihre eigentliche Präferenz liegt aber bei Erwachsenen.

Pädophile jedoch erregt allein die Vorstellung, mit einem Kind Sex zu haben, Erwachsenen können sie nichts abgewinnen. Ihre Zahl liegt bei 0,1 Prozent – das entspricht einem unter 1000 Männern, was auf Schleswig-Holstein bezogen immer noch 1018 Pädophile bedeuten würde. Entsprechend sind laut Mikado-Studie 44 Prozent der sexuellen Übergriffe auf Kinder gar nicht sexuell, sondern anderweitig motiviert. „Häufig geht es hierbei um die Untermauerung autoritärer, rigider Strukturen“, weiß Dr. Martin Budde vom Kieler Institut für Sexualmedizin, an dem auch das Therapieprojekt „Kein Täter werden“ für pädophile Männer angesiedelt ist. „Der Vater nimmt sich das, wovon er glaubt, dass es ihm zusteht.“

Einem solchen Verhalten müsse vollkommen anders begegnet werden als echter Pädophilie. „Hierbei handelt es sich um eine sexuelle Neigung, die mit Hetero- oder Homosexualität gleichzusetzen ist“, erklärt der Psychologe. „Mit einem entscheidenden Unterschied: Pädophile dürfen ihrer Neigung nicht nachgehen, weil sie damit einem anderen Menschen – dem Kind – schaden würden.“ Weshalb Sex mit Kindern in der Gesellschaft zu Recht mit einem der letzten und stärksten Tabus überhaupt belegt sei. Tatsächlich – auch das ein Ergebnis der Mikado-Studie – befürwortet fast die Hälfte der Deutschen eine vorsorgliche Inhaftierung von Männern mit entsprechenden Neigungen; mehr als ein Viertel wünscht sogar jenen, die ihren Trieb unter Kontrolle halten können und noch nie einem Kind etwas zu Leide taten, den Tod.

Doch genau dieses Tabu kann auch zum Problem werden, gibt Budde zu Bedenken. Denn es setzt Kindesmissbrauch und Pädophilie gleich. „Anders als Kindesmissbraucher aber lieben Pädophile Kinder wirklich, was auch bedeutet, dass sie genau wissen, dass sie Unrecht tun, wenn sie ihren Trieb ausleben.“ Deshalb täten es die meisten auch nicht. Sie würden ihren Trieb nur in ihrem Fantasien nachgeben, Therapien machen, triebhemmende Medikamente schlucken. Und solche Täter ließen sich tatsächlich auch durch Strafen abschrecken.

Die Kehrseite des Tabus ist jedoch auch, dass viele Pädophile sich von der Gesellschaft als so stigmatisiert erleben, dass sie sich gar nicht aus ihrer inneren Emigration herauswagen, um Hilfe anzunehmen. „Und dann können sie zu tickenden Zeitbomben werden, denn ein unausgelebter Trieb wird über die Jahre immer stärker“, mahnt Budde an.

Das Tabu führt zudem dazu, dass die sexuell missbrauchten Kinder beziehungsweise ihre Eltern nur allzu häufig die Tat nicht anzeigen – weil sie sich dafür schämen und selbst auch ein Stück weit dafür verantwortlich machen. Weshalb von den eingangs vermuteten 14.600 Missbrauchsfällen des vergangenen Jahres nur ein Prozent angezeigt wurde.

Oder sie zeigen den Fall erst Jahre später an wie bei jenem, der diese Woche vor das Hamburger Amtsgericht kam: Gegen Geld soll eine Mutter ihre Kinder Freiern zum Sex überlassen haben. Die heute 52-Jährige muss sich wegen Beihilfe zur Vergewaltigung und zum schweren sexuellen Missbrauch verantworten. Die beiden Taten, die der Frau vorgeworfen werden, sollen sich zwischen 1994 und 2001 ereignet haben. Doch erst vor zwei Jahren erstattete die inzwischen 30 Jahre alte Tochter Anzeige. Da ist es nur wenig ermutigend, dass die Zahl der Missbräuche in den vergangenen zehn Jahren um rund 22 Prozent gesunken ist. Zumindest die der angezeigten.

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