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Neuer Sport-Trend : In Bikrams Folterkammer

vom

90 Minuten Yoga bei 40 Grad Celsius und 40 Prozent Luftfeuchtigkeit: "Bikram Yoga" - der neueste, durchaus nicht unbedenkliche Sporttrend. Ein Selbstversuch.

shz.de von
erstellt am 18.Jun.2012 | 09:14 Uhr

HAMBURG | Bevor irgendetwas angefangen hat, klebt mein T-Shirt schon am Rücken. Angstschweiß. Ich werde gleich durch die Hölle gehen, hat eine Bekannte versprochen. Sie hat mich mitgeschleppt, ihr Argument: "Das musst einfach du ausprobiert haben." Bikram-Yoga ist die derzeit wohl angesagteste Form der fernöstlichen Körperverrenkung, dabei kommt der Trend - natürlich - aus den USA. 90 Minuten Yoga in einem 40 Grad heißen Raum, 26 Übungen in einer festen Reihenfolge, die einen schwitzen lassen sollen wie in der Sauna.
Seine Yogaform sei gut bei Arthritis, Tinnitus, Hepatitis C, bei Krebs, Angstattacken - ein Allheilmittel, sagt Erfinder Bikram Choudhury, ein in Indien geborener US-Amerikaner. Mit religiöser Dogmatik oder spirituellem Humbug habe das nichts zu tun. Das beruhigt mich. In - wie sich später herausstellt - viel zu langer Hose und atmungsunfähigem Baumwollshirt wage ich mich aus der Umkleidekabine, mit nichts bewaffnet als einem großem Handtuch, zwei Litern Wasser und erheblicher Skepsis.
"Ihr hört nichts als meine Stimme und euren Atem"
Ein paar Kursteilnehmer liegen schon auf ihren Yogamatten im Raum, sie versuchen, in der tropischen Luft zu entspannen, stumm und mit geschlossenen Augen. Die Ruhe vor der Qual. Ich verziehe mich in die hintere Ecke, direkt über mir eine wärmende Heizplatte. Mein Magen grummelt, man soll zwei bis drei Stunden vor der Yogaklasse keine schweren Mahlzeiten mehr zu sich nehmen. Ich ärgere mich über meinen Käsespätzlehunger.
Die Tür geht auf, mit einem kühlen Lufthauch kommt Claudia hereingeweht. "Die nächsten eineinhalb Stunden hört ihr nichts als meine Stimme und euren Atem", ruft sie in ein Mikrofon an einem Headset. Claudia ist eine von über 7000 Bikram-Yoga-Lehrern, die Meister Choudhury bereits hervorgebracht hat. Ohne eine Ausbildung vom Guru persönlich darf man die Yogaform nicht unter seinem Namen unterrichten.
Claudia verschwimmt vor meinen Augen - "nichts trinken"
Bikram-Yoga ist eine Art Frenchise-Unternehmen, Studios müssen einmalig 10.000 Dollar für die Lizenz zahlen und dann jeden Monat 500 weitere Dollar. Auch die Yogaschüler müssen für den heilenden Unterricht tief in die Tasche greifen: Eine Zehnerkarte kostet in Deutschland meist weit über 100 Euro. Doch Bikrams Anhängerschaft wächst stetig weiter, über 600 Studios gibt es mittlerweile weltweit; in New York, London, Hamburg, Kiel oder Sydney.
Der Bikram-Virus verbreitet sich rasant - dabei ist die gesundheitsfördernde Wirksamkeit der Methode nicht einmal erwiesen. Sie ist sogar umstritten. Das bekomme auch ich schnell zu spüren - obwohl ich immer dachte, recht sportlich zu sein: Bereits nach der zweiten Atemübung läuft der Schweiß an Armen und Beinen herunter. Und als wir den Adler machen sollen, Garurasana heißt die vierte Bikram-Stellung in der indischen Sanskrit-Sprache, dreht sich plötzlich alles, Claudia verschwimmt vor meinen Augen und ich muss mich hinsetzen. "Nichts trinken", sagt Claudia, die meinen Griff zur Flasche bemerkt, "erst nach der nächsten Sequenz." Die Luft im Raum ließe sich mit einem Messer zerschneiden, 40 Prozent Luftfeuchtigkeit sind bei Bikram-Yoga normal. Ich schaue mein käsiges Spiegelbild an - weitere 22 Übungen halte ich das nicht durch.

"Das ist beim ersten Mal ganz normal", versucht Claudia mich zu trösten. Ehrgeiz sei beim Bikram-Yoga nicht angebracht, sonst könne es gefährlich werden. Ich solle versuchen, die 90 Minuten irgendwie zu überstehen und dann ein zweites Mal kommen - "da wird alles besser." Ein bisschen Ehrgeiz habe ich dann doch und bleibe tatsächlich. In der zweiten Hälfte der Übungsserie verknotet man sich nur noch auf dem Boden, das macht mein Kreislauf gerade noch mit.
Ich frage mich, wie Catherine das macht. Sie schwitzt zwei Reihen vor mir und ist mindestens 70 Jahre alt. Dabei sieht sie aus wie eine junge Turnerin, biegsam und schlank. Bikram sei für jeden etwas, heißt es auf der Internetseite des Studios, man brauche keine Vorkenntnis und es sei egal wie alt, sportlich, pfundig oder eingerostet man sei. Nur Bluthochdruck sollte man nicht gerade haben, wegen der Hitze. Körperlich führe der Wechsel aus Kraft- und Atemübungen, aus Asanas und Savasanas, zu einer besseren Körperhaltung und einem starken Rücken. Geistig würden Konzentration, Entschlossenheit, Willenskraft, Vertrauen und Geduld gefördert.
Nach einer kalten Dusche geht es mir erstaunlich gut
Klingt gut. Fünf Millionen Menschen sollen in Deutschland regelmäßig die Yogamatten ausrollen, dabei ist Bikram nur ein Trend von vielen. Längst haben die Krankenkassen den Sport für ihre Zwecke entdeckt, sie geben jährlich mehr als 100 Millionen Euro für Yoga-Kurse aus. "Yoga eignet sich sehr gut zur Entspannung und Erholung, beispielsweise nach einem stressigen Arbeitstag", schreibt zum Beispiel die AOK auf ihrer Webseite. Dabei entfachte Anfang dieses Jahres der renommierte Yoga-Guru Glenn Black in den USA eine Diskussion um den gesundheitlichen Benefit von Yoga: In der "New York Times" warnte er vor schweren Rückenleiden, Zerrungen und Bänderrissen. Dennoch rennen die Deutschen nach wie vor in die Studios, um ihre Gliedmaßen miteinander zu verzwirbeln - der Boom hat erst begonnen.
Auch ich werde wohl noch einmal in Bikrams Hitzekammer leiden. Denn nach den überstandenen Qualen, nach einer kalten Dusche und literweise Wasser geht es mir erstaunlich gut. Ich fühle mich frisch und auch ein bisschen stolz, Claudias Lob beflügelt mich. Und beim zweiten Mal soll ja alles besser werden.

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