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Rettungsdienst : Im Rettungswagen: Leben retten – und an Gaffern vorbeikommen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie retten das Leben anderer und riskieren dafür oft ihr eigenes: Trotzdem müssen sich die Kieler Beamten mit Verkehrsrowdys, Gaffern und pöbelnden Passanten herumschlagen.

Kiel | Entgegen der Fahrtrichtung parkt Rettungsassistent Sebastian Kollakowski den Wagen. Es muss schnell gehen, Sekunden können im Rettungsdienst über Leben und Tod entscheiden. Er steigt aus dem Auto, da nähert sich von vorne ein schwarzer Geländewagen. Der Fahrer hat es offenbar eilig und versucht, sich am Rettungswagen vorbeizudrängen. Dass die Gasse viel zu schmal ist, wird ihm erst klar, als er zwischen Einsatzwagen und den parkenden Autos am Seitenrand steckenbleibt.

Kollakowski ist sauer. Der Fahrer blockiert nicht nur die Beifahrertür des Rettungswagens, sondern auch die komplette rechte Seite, in der sich die Notfallausrüstung befindet. Bis er den völlig überforderten Fahrer rückwärts aus seiner prekären Lage herausgelotst hat, verstreichen wertvolle Minuten. Minuten, die die Frau in dem Mehrfamilienhaus vielleicht nicht hat. Sie liegt dort auf dem Boden, hieß es per Funk. Was genau das heißt, wissen die Helfer meist erst vor Ort.

Dieses Mal geht der Fall gut aus. Die ältere Dame, die den Notruf gewählt hatte, war aus dem Bett gefallen und konnte alleine nicht mehr aufstehen. Akute Lebensgefahr besteht nicht. „Das kann aber auch ganz anders ausgehen“, weiß Kollakowski. Im schlimmsten Fall, sagt er, sei das Opfer am Ende tot.

Der 31-Jährige ist eigentlich Feuerwehrmann, genau wie sein Partner Martin Groth, der heute mit ihm den Rettungswagen fährt. In größeren Städten wie Kiel übernehmen die Berufsfeuerwehren den Rettungsdienst, gemeinsam mit weiteren Hilfsdiensten wie dem Deutschen Roten Kreuz, dem Arbeiter-Samariter-Bund, dem Malteser Hilfsdienst oder der Johanniter Unfall Hilfe. Im Wechseldienst ist jeder Kollege auf einem Rettungswagen oder auf dem Löschzug eingeteilt. „Jeder ist mal dran“, sagt Martin Groth.

Zwölf Minuten hat Martin Groth, um vom Zeitpunkt der Alarmierung bis zum Unfallort zu kommen. Im Zweifel kann jede Verkehrsbehinderung Leben kosten.
Zwölf Minuten hat Martin Groth, um vom Zeitpunkt der Alarmierung bis zum Unfallort zu kommen. Im Zweifel kann jede Verkehrsbehinderung Leben kosten. Foto: Brandao (2)
 

Der Ärger von vorhin ist inzwischen verflogen. Durch die jahrelange Arbeit im Rettungsdienst ist er gelassener geworden. „Irgendwann hört man auf, sich darüber aufzuregen. Es bringt ja nichts“, sagt Kollakowski. Fälle wie diesen erleben die Feuerwehrbeamten fast täglich. Rücksichtslose Autofahrer, pöbelnde Passanten oder dreiste Gaffer gehören hier zum Alltag.

Ein großes Problem ist die Zahl der Notrufe, die sich im Nachhinein als unnötig herausstellen. „Die Leute rufen heute wegen Kleinigkeiten den Rettungsdienst“, sagt Kollakowski. Meistens könne man schon am Funkspruch erkennen, ob es was Ernstes sei oder nicht.

Ausrücken müssen die Retter trotzdem, jeder Notruf könnte ein Ernstfall sein. Als die Zwei bei der Wohnung eines Mannes ankommen, der am Telefon über starke Schmerzen im Oberbauch geklagt hatte, kommt dieser ihnen schon im Flur entgegen. „Gut, dass sie da sind, ich hole eben meine Jacke“, begrüßt er die Beamten und verschwindet wieder in der Wohnung. Groth und Kollakowksi fahren den Mann ins Krankenhaus. Über 600 Euro kostet die Krankenkasse ein Einsatz des Rettungswagens.

Dass sie immer häufiger als eine Art Kranken-Taxi missbraucht werden, ist frustrierend, aber nicht das größte Problem an der Sache, wie Groth erklärt: „Wenn in der Zeit ein echter Notfall reinkommt, sind wir nicht verfügbar und dann müssen im Zweifel Kollegen ausrücken, die viel weiter von der Unfallstelle weg sind als wir. Und das kann dramatisch sein, denn dadurch geht wertvolle, mitunter lebensrettende Zeit verloren.“

Schon jetzt sei es oft schwierig, die vorgegebenen zwölf Minuten einzuhalten, die ein Rettunsgwagen von der Alarmierung bis zur Ankunft am Zielort brauchen darf. „Wenn die Straßen vereist sind oder Baustellen auf dem Weg sind, wird es manchmal eng“, so Groth. Besonders heikel ist die Situation an größeren Kreuzungen. „Die Leute denken nach einem Einsatzfahrzeug oft, da kommt nichts mehr und fahren einfach los“, sagt Kollakowski. Bei Großeinsätzen seien jedoch oft mehrere Fahrzeuge von Feuerwehr, Rettungsdienst oder Polizei in einer Kolonne unterwegs. Schon einige Male sei es deswegen zu Unfällen mit dem Rettungswagen gekommen.

Obwohl bei einem Einsatz nur Minuten über Leben und Tod entscheiden können, haben unwillige Verkehrsteilnehmer nicht viel zu befürchten. Zwar können laut Straßenverkehrsordnung Autofahrer, die einem Einsatzfahrzeug keinen Platz machen, mit einem Bußgeld von 20 Euro zur Kasse gebeten werden – doch dafür müssten die Verkehrssünder erst einmal erfasst werden. „Wir haben gar keine Zeit, um uns das Kennzeichen zu merken oder den Namen zu holen“, sagt Kollakowski. Ist der Einsatz vorbei, sind die Fahrer schon längst verschwunden. „Man müsste schon anfangen, den Leuten die Spiegel abzufahren, damit sie Platz machen. Ansonsten interessiert es die meisten nicht.“

Inzwischen sitzt Martin Groth am Steuer des Rettungswagens, nach der Hälfte der Schicht wird getauscht. Als er auf eine Kreuzung in der Kieler Innenstadt zu fährt, bremst er etwas ab. Die wartenden Autos an der roten Ampel bilden hektisch aber zügig eine Rettungsgasse. So reibungslos wie hier klappt es jedoch nicht immer, weiß der 29-Jährige.

Vor allem ältere Menschen seien mit der Situation schnell überfordert und wüssten nicht, wie sie reagieren sollen. „Oft machen sie dann genau das Falsche, bleiben mitten auf der Straße stehen, fahren zu dicht auf oder ziehen hektisch von einer Seite auf die andere.“ Kaum hat er den Satz zu Ende gesprochen, schert vor ihm plötzlich ein Auto aus einer Parklücke aus – Groth muss bremsen. Er bleibt gelassen. „95 Prozent der Autofahrer verhalten sich richtig“, sagt er, „aber es muss nur einer dabei sein, der es falsch macht – dann ist es im Notfall nicht nur ärgerlich.“

Als sie den Rettungswagen später in einem Wohngebiet parken, in dem eine Frau den Notruf gewählt hat, beschwert sich eine Autofahrerin, dass die Einfahrt zu Seitenstraße blockiert ist. „Sie hätten ja wohl ein bisschen weiter vorne parken können“, ruft sie Martin Groth hinterher, der gerade eine Trage aus dem Heck des Wagens herausholt. Er lächelt nur müde. „Du musst hier eine relativ große Frustrationstoleranz haben.“

Die Hemmschwelle gegenüber Beamten in Uniform sinkt. Fälle, in denen Polizisten, Feuerwehrleute oder Rettungsdienstmitarbeitern angegriffen werden, sind längst keine Seltenheit mehr. Das bekommen auch die zwei Kieler Feuerwehrmänner zu spüren, wie Sebastian Kollakowski erzählt. „Am schlimmsten sind Angehörige, die nicht damit einverstanden sind, wie wir einen Patienten behandeln. Die Leute werden dann ausfallend, treten oder beschimpfen dich.“

Auch die Zahl der Gaffer werde immer höher. Passanten zückten bei Einsätzen wie selbstverständlich ihre Handys, um Fotos oder Videos von den Opfern zu machen und behinderten die Arbeit der Helfer. „Wenn man die Menschen dann auffordert zu gehen, werden sie oft richtig sauer. Da muss man sich dann schon richtig zusammenreißen“, sagt der 31-Jährige.

Er sitzt mittlerweile zusammen mit Martin Groth und seinen Kollegen von der Feuerwehr im Aufenthaltsraum und wartet auf den nächsten Einsatz, in ein paar Stunden wechseln die beiden auf den Löschzug. Im Fernsehen läuft eine Dokumentation über Tiere. Warten – auch das gehört für die Feuerwehrbeamten zum Alltag. „Unsere Arbeit ist anders, als man es im Fernsehen immer sieht. Nicht so dramatisch. Drama gibt es bei uns eigentlich eher selten“, sagt er.

Trotz der Frustration, die sich manchmal anstaut, arbeitet er gerne in seinem Job. „Es macht einfach Spaß. Wenn man von einem Einsatz kommt und richtig etwas bewirken konnte, den Menschen geholfen hat – das ist dann so ein Moment, in dem man weiß, warum man das hier macht.“

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erstellt am 10.Dez.2016 | 19:14 Uhr

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