Im Land der Kontraste

'Die Arbeit hat Spaß gemacht.' Matthias Martensen im Trubel der Kindergartenkinder. Foto:
"Die Arbeit hat Spaß gemacht." Matthias Martensen im Trubel der Kindergartenkinder. Foto:

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03. Februar 2011, 09:57 Uhr

Flensburg | Noch immer leuchten die Augen. Die Worte sprudeln aus ihm heraus, als habe er selbst südamerikanisches Temperament. Als "beste Zeit meines Lebens" bezeichnet Matthias Martensen die sechs Monate, die er im brasilianischen Valinhos, etwa 80 Kilometer nördlich von São Paulo, verbracht hat.

Es war ein Eintauchen in eine neue Welt, Luxus für einen 20-Jährigen. Nicht alle Menschen in seinem Alter haben diese Möglichkeit. Martensen weiß das. Er ist ein intelligenter junger Mann, hat sein Abitur im vergangenen Jahr mit 1,3 bestanden.

Direkt im Anschluss ging es für ihn nach Südamerika. Jährlich veranstaltet das Fördegymnasium einen Austausch mit einer Partnerschule in São Paulo. Doch während seine zwei Jahre jüngere Schwester Lara und die anderen Schüler zum Ende der Sommerferien nach sieben Wochen die Heimreise antreten mussten, konnte Martensen weitere Erfahrungen sammeln. Der ursprüngliche Plan, einen Zivildienst ersatz in Brasilien anzuschließen, ließ sich nicht realisieren. Matthias Martensen blieb trotzdem dort und arbeitete in einem bilingualen brasilianisch-deutschen Kindergarten. Bereut hat er den Entschluss bis heute nicht eine Sekunde. "Die Gastfamilie war perfekt, und die Arbeit hat Spaß gemacht", erzählt er. Vor allem die Gastfreundschaft habe ihn beeindruckt. "Das ist wirklich der Wahnsinn", berichtet er und schiebt gleich eine Erklärung nach. "Man ist in jedem Haus willkommen. Die Menschen sind viel offener und herzlicher als in Norddeutschland." Das Visum nutzte er bis zum letzten Tag.

Doch Martensen sieht nicht nur die attraktive Seite Brasiliens. Nach seiner Ankunft führt ihn der erste Weg vom Flughafen durch die Favelas in seine neue Wahlheimat, die im Vergleich deutlich komfortabler ausfällt. Innerhalb einer Stunde erkennt der Flensburger die Gegensätzlichkeit Brasiliens. Auf der einen Seite die Ghetto-artigen Siedlungen der Armen, auf der anderen Seite die Luxusbehausungen der Reichen.

"An den Kontrast Arm und Reich muss man sich schon gewöhnen", sagt Martensen, "nachher ist es aber der normale Alltag." Condominio nennen die Brasilianer die geschlossenen Wohnanlage, in der die Besserverdienenden leben. Übermannshohe Mauern, Überwachungskameras und misstrauisch dreinblickende Privatpolizei mit Walkie-Talkie am Ohr sichern den Bezirk. Spötter schimpfen die Wohnanlagen Luxusgefängnisse.

Mehr als 800 Euro pro Monat kostet ein Platz im privaten Kindergarten. In einem Land, in dem ein durchschnittlicher industrieller Angestellter nicht einmal einen Bruttolohn von drei Euro pro Stunde verdient, ist das eine Unsumme. "Die Bildung ist sicherlich das größte Problem", erklärt Martensen. Besuchen die Kinder nicht eine private Schule, haben sie praktisch keine Chance, auf die Universität zu gehen.

Martensen hingegen weiß seine komfortable Situation zu schätzen. Seine Begeisterung für Brasilien, die in jedem Wort mitschwingt, hat er in seiner Familie weitergeben. Auch seine Schwester Lara plant ihre Rückkehr in die Metropolregion Grande São Paulo. Die Bewerbung für ein Freiwilliges Soziales Jahr ist bereits abgeschickt. Und für den nordischen Blondschopf soll es ebenfalls nicht der letzte Aufenthalt in Brasilien gewesen sein. Nach seinem Zivildienst im Holländerhof will Martensen ein BWL-Studium in Frankfurt beginnen - Auslandssemester an der Universidade de São Paulo inbegriffen. "Nach meiner jetzigen Lebensplanung möchte ich dort später eine Zeit leben und als Banker arbeiten." Die sechs Monate im Land der Kontraste haben Lust auf mehr gemacht.

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