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Serie: Mörderischer Norden : Im Kugelhagel der RAF

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Als die Polizei eine Fälscherwerkstatt ausheben will, trifft sie auf die Baader-Meinhof-Bande. Ein Mensch kommt im Kugelhagel ums Leben.

Hamburg | Ein Mord hat die Gruppe in das Visier der Fahnder gerückt: Im Oktober 1971 erschoss eines von drei Mitgliedern der Baader-Meinhof-Bande im Hamburger Stadtteil Poppenbüttel den 32-jährige Zivilfahnder Norbert Schmid. Er ist das erste Opfer der Gruppe, die sich später als RAF bezeichnen wird. Wer von den Dreien - zwei Frauen und ein Mann - den tödlichen Schuss abgegeben hat, ist bis heute nicht abschließend geklärt.
Zu jener Zeit ist Hamburg vorübergehend Hauptstützpunkt der Gruppe. Hier unterhält die Terrorbande konspirative Wohnungen in denen sich versteckt und miteinander geplant wird. Mehrfach kommt es zu Anschlägen und Schießereien. Nun, ein gutes halbes Jahr nach dem Mord observiert die Polizei die Heimhuder Straße 82. Hier, in feinster Wohnlage am Hamburger Rothenbaum, soll die Bande eine Fälscherwerkstatt eingerichtet haben. Das ergaben die Ermittlungen der polizeilichen Staatsschutzabteilung nach dem Mord an Schmid.
Kugelhagel bei der Festnahme
Es ist der 2. März 1972. Fünf Kripoleute besetzen die Wohnung, warten. Sie wollen die Bewohner festnehmen. Um 22.45 Uhr fährt ein VW-Bus vor, zwei junge Männer steigen aus, gehen ins Haus. Kurz darauf betreten die RAF-Terroristen Manfred Grashof (27) und Wolfgang Grundmann (25) ihre Fälscherwerkstatt im zweiten Stock des Hauses. Hauptkommissar Hans Eckardt, Chef einer Sonderkommission, der den Einsatz persönlich leitet, ruft in die Dunkelheit: "Hände hoch, Polizei!"
Grundmann folgt der Aufforderung sofort. Grashof jedoch zögert keine Sekunde: Er eröffnet eiskalt das Feuer, schießt Eckardt in Bauch und Brust. Der bricht bewusstlos und blutend zusammen. Grashof wird selbst von Polizeikugeln niedergestreckt, als er versucht ins Treppenhaus zu stürmen. Dann bricht auch er lebensgefährlich verletzt zusammen. Grundmann hingegen lässt sich widerstandslos festnehmen.
Bekannte Täter
Sanitäter kümmern sich intensiv um die beiden schwerst Verletzten. Währenddessen identifizieren die Bematen Manfred Grashof. Er wird zum harten Kern der Baader-Meinhof-Bande gerechnet. Bereits ein Jahr zuvor war er in Frankfurt am Main an einem Schusswechsel mit der Polizei beteiligt, konnte jedoch entkommen. Der junge Mann aus Kiel ist der Spezialist für Dokumentenfälschungen der Terror-Bande.
Auch sein festgenommener Komplize, der 25-jährige Student Wolfgang Grundmann aus Marburg, ist den Ermittlern kein Unbekannter: Er steht unter dem dringenden Verdacht, an einem Banküberfall in Kaiserslautern beteiligt gewesen zu sein: Am 22. Dezember 1971 stürmten vier RAF-Mitglieder eine Bankfiliale der pfälzischen Stadt und erbeuten 134 000 Mark. Vor dem Gebäude wollte der Polizeiobermeister Herbert Schoner einen verdächtigen Wagen kontrollieren. Der Fahrer schoss ihm in die Brust und flüchtete. Schwer verwundet schleppte Schoner sich in die Bankfiliale. Doch als die RAF-Mitglieder den Polizisten sahen, erschossen sie ihn ohne zu zögern.
Eckhardt stirbt
In Hamburg rasen derweil Rettungsfahrzeuge und Streifenwagen der Polizei mit Blaulicht Richtung Heimhuder Straße. Ärzte ringen in der Universitätsklinik Eppendorf um das Leben des schwer angeschossenen Hauptkommissars. Gibt es Hoffnung? Tatsächlich scheint der Fahnder nach einigen Tagen auf dem Weg der Besserung zu sein. Doch dann, 20 Tage nach den Schüssen auf ihn, stirbt Hans Eckardt überraschend auf der Intensivstation. Sein Mörder Grashof überlebt, kommt in Untersuchungshaft.
Ein Gericht verurteilt Hans Eckhardts Mörder 1977 in Kaiserslautern zu lebenslanger Haft. Auf den Tag genau, am 2. März 1989, 17 Jahre nach der Bluttat, kommt Grashof frei. Der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Bernhard Vogel (CDU), hat ihn begnadigt. Wolfgang Grundmann wird wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Er verlässt das Gefängnis bereits 1976. Der Ex-Häftling erhält, weil er bis dahin schon viereinhalb Jahre in Untersuchungshaft gesessen hatte, für ein halbes Jahr sogar Haftentschädigung.
Rückblick
Justiz und Strafverfolgungsbehörden glauben, ihnen sei mit der Festsetzung von Grashof und Grundmann ein effizienter Schlag gegen den deutschen Terrorismus gelungen. Weit gefehlt. Die Fahndungsliste ist endlos lang. Noch sind die ersten Führungsfiguren Ulrike Meinhof und Andreas Baader nicht gefasst. Unsicherheit macht sich in der Bevölkerung breit. Monate später werden die beiden Gesuchten verhaftet - nach einer Serie von Bombenanschlägen und Raubüberfällen in der Bundesrepublik.
Wer aber glaubte, mit der Festnahme von Meinhof und Baader sei der Terror beendet, sah sich arg getäuscht. Das Morden ging weiter: Den Höhepunkt des blutigen Terrors in Deutschland erfuhr die Nation im sogenannten Deutschen Herbst von 1977 mit der Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer sowie der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" nach Mogadischu. Schleyer ist einer von 34 Toten, die durch den Terror der RAF sterben mussten.
Erst 1998 erklärt sich die RAF als aufgelöst. Staatsschützer ermitteln bis heute gegen Terroristen aus der Zeit vor 1998, denn noch sind nicht alle Taten aufgeklärt. Und: Die Wissenden schweigen.

Die Serie Mörderischer Norden
Manche Verbrechen sind so grausam, so kaltblütig, so ungewöhnlich, dass sie nie vergessen werden. Schleswig-Holstein am Sonntag hat zwanzig der spektakulärsten Fälle des Nordens in einem Kriminalreport zusammengestellt, erzählt von Klaus Lohmann. Die Fälle reichen von den Anfängen der Bundesrepublik bis in die heutige Zeit. Der Hauptkommissar a.D. erinnert sich dabei an den "Mondscheinmörder", eine "Tödliche Geiselnahme", einen "Verhängnisvollen Doppelgänger", den "Heide-Mörder", einen "Mord im Polizeipräsidium", den "Tod im Säurefass" , den "Frauenmörder von Sankt Pauli", den "Mord ohne Leiche", den "Der Blaubart von Fehmarn", den "blutigen Tod einer Lehrerin", "Er tötete Menschen aus Frust", "Das erste RAF-Opfer", "Rästelraten um vermissten Landwirt", "RAF-Mord an Kriminalbematem", "Mord mit dem Beil" (nächste Woche), "Raubmord an einer Rentnerin", "Mafia-Mord auf St. Pauli", "Couragierter Mann von Schlägern totgetreten", "Sizilianische Gangster auf St. Pauli", "Die Reemtsma-Entführung" und "Der Karstadt-Erpresser Dagobert".

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erstellt am 10.Apr.2012 | 01:12 Uhr

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