Missbrauch : "Ich möchte nicht als Dunkelziffer enden"

Traumatisiert: Sexueller Missbrauch schädigt fürs Leben. Foto: ddp
Traumatisiert: Sexueller Missbrauch schädigt fürs Leben. Foto: ddp

Die Nordfriesin N. wird nicht nur als Kind, sondern erneut als Jugendliche missbraucht. Ihr Stiefvater, ein Gastronom aus Nordfriesland, vergeht sich an ihr.

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20. September 2011, 08:30 Uhr

Nordfriesland | "Vieles, was mich heute ausmacht, bin ich erst dadurch geworden." Dadurch. Ein schlichtes Wort, mit dem die gebürtige Nordfriesin die schlimmsten Ereignisse ihres bisherigen Lebens benennt. Die 29-jährige N. will der Öffentlichkeit die Chance geben, von den Gefühlen einer missbrauchten Frau zu erfahren und sie besser zu verstehen. Anderen Leidtragenden möchte sie zeigen, dass sie nicht allein sind.
Die Handwerkerin ist als Kind und erneut von der Pubertät an bis zum 18. Lebensjahr missbraucht worden. Als sie sich das erste Mal, als Elfjährige, der Mutter offenbarte, verlässt die mit ihren drei Kindern den Lebensgefährten. Das Geld war von da an knapp und N. musste die geliebte Schule verlassen. Auf der nahe gelegenen öffentlichen Einrichtung kam das Mädchen nicht mehr zurecht.
Marter begann von Neuem
Eine Weile später suchten Mutter und Stiefvater das Gespräch und entschlossen sich, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie redeten viel miteinander, und die Mutter war anderthalb Jahre später überzeugt: Es ist ausgestanden. Daraufhin zog sie mit dem Peiniger von N., dem Vater der jüngeren Geschwister erneut zusammen. Es schien gut zu gehen.
Die Marter begann für N. von Neuem, als ihre Schwester in Begleitung der Mutter einige Tage im Krankenhaus verbrachte. Da die Zwölfjährige zu der Zeit wieder auf die geliebte Schule ging, behielt sie die quälenden Erfahrungen von da an für sich. Dermaßen wertvoll waren ihr die Freunde und das schulische Umfeld. Sechs Jahre später, sobald N. 18 Jahre alt geworden war, zog sie aus. Der Kontakt zur Familie blieb bestehen. Doch ihr Leben spielt sich seitdem andernorts ab.
Depressionen und Migräne
Mit 25 Jahren begegnete sie ihrer heutigen Lebensgefährtin. Erst in deren Obhut fühlte sie sich in der Lage, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Die Freundin hat ihr Mut gemacht und begleitete N., als sie beim Frauennotruf um Hilfe bat. Die Gespräche förderten das tief Vergrabene zutage, woraufhin sich die körperlichen Reaktionen verstärkten, die sich aufgrund der Erlebnisse eingestellt hatten. Die Ärzte diagnostizierten posttraumatische Belastungsstörungen.
N. ist seit zwei Jahren arbeitsunfähig. Sie leidet an Depressionen, Migräne, Reizdarm, Konzentrationsstörungen. Treffen mit Freunden sind kaum möglich. Sie verlangen N. jedes Mal die verbliebene Energie ab. In solchen Momenten lösen bestimmte Wörter bei ihr Panik aus. Herzrasen, Schweißausbrüche sind nur zwei der Symptome. Ein Zurück gibt es nicht. "Ich muss darüber reden. Denn ich will nicht als Dunkelziffer enden", sagt die junge Frau heute.
Taten verjährt
Beim ersten Besuch ihrer Rechtsanwältin vor gut zwei Jahren, erfuhr N., dass die meisten Taten verjährt sind. Für Missbrauch an Jugendlichen sah der Gesetzgeber zu der Zeit der Verfehlungen noch eine Verjährungsphase von fünf Jahren vor.
Inzwischen hat er die Frist auf zehn Jahre verlängert. Nur für die Peinigungen, die der Nordfriesin als Kind widerfahren sind, hat sie den Täter gerichtlich belangen können. Die Zehn-Jahres-Frist war noch nicht um. Da die Familie sie unterstützte, hatte N. Strafanzeige gegen ihren früheren Stiefvater gestellt: "Ich wollte kein Opfer bleiben. Ich musste mich wehren."

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