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Schleswig-Holstein

15. Dezember 2017 | 00:20 Uhr

Interview : „Ich mag obsessive Figuren“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schauspieler August Diehl erklärt, warum er bislang nur in Kino und Theater spielt.

August Diehl zählt zu den profiliertesten deutschen Schauspielern, auf der Bühne wie im Kino. Das Internationale Filmfest Emden-Norderney würdigt sein Schaffen an diesem Wochenende mit dem Schauspielpreis. Bevor der 38-Jährige in Emden eine Auswahl seiner Arbeit vorstellt, spricht er im Interview über seinen Weg in den Beruf, von der Kindheit in einer Theaterfamilie über die Schauspielschule bis hin zu Quentin Tarantino und dem Auftritt als Ehemann von Angelina Jolie.

Herr Diehl, man liest immer wieder dieselben Formulierungen über Sie: irrlichternd, obsessiv, extrem. Nervt das?
Das hat mich mal genervt, aber ich habe entschieden, dass es nicht nerven darf. Erstens sind die Rollen trotzdem unterschiedlich, und die Zuschauer sehen das. Und zweitens muss ich mir den Schuh vielleicht auch anziehen. Ich suche mir wirklich obsessive Figuren aus. Das ist eine banale Geschmackssache – ich mag solche Geschichten auch als Zuschauer gern. Eine Schublade muss nichts Schlechtes sein, wenn man sie selbst wählt.

Lesen Sie gern Texte über sich selbst?
Nee. Wir sind alle sehr empfindlich. Kritiken tun nicht gut, und ich brauche meinen Schutzraum.

Sie gelten als Schauspieler, der in Rollen eintaucht und im Alltag sogar das Parfüm seiner Figuren benutzt. Stimmt das?
Früher war das so. Damals habe ich weniger gedreht, wusste ein Jahr im Voraus, dass ich einen Film mache, und konnte mich intensiv einarbeiten. Mittlerweile werden die Filme so kurzfristig geplant, dass ich mir genau überlegen muss, auf was ich mich vorbereite. Vieles ist Instinkt.

Wie arbeiten Sie mit Regisseuren?
Das Wichtigste ist Vertrauen: Sobald man besetzt ist, hat man sich zum kompletten gegenseitigen Vertrauen verabredet. Am Theater kann man gemeinsam mit dem Regisseur nach der Rolle suchen. Das ist beim Film nicht möglich, deshalb mag ich im Kino Regisseure, die eine klare Idee mitbringen. Wenn eine gemeinsame Idee da ist, muss man sich im Idealfall gar nicht mehr in die Arbeit des anderen einmischen. Mit Hans-Christian Schmid hatte ich gleich am Anfang meiner Laufbahn einen solchen Regisseur. Rückblickend gehören seine Filme zu meinen wichtigsten Arbeiten. Wir hatten am Ende eine nonverbale Art zu kommunizieren, eine ständige Neugier aufeinander. Ich hatte das aber auch mit vielen anderen Regisseuren.

Mögen Sie Ihre Figuren?
Ja, immer, das muss ich, sonst habe ich kein Interesse an ihnen. Ich muss sie so vorbehaltlos mögen, wie man sich selbst liebt – mit allen Komplikationen. Ich kann nicht privat in einer moralischen Distanz zur Figur bleiben.

Selbst zu SS-Männern nicht?
Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der morgens vor dem Spiegel sagt: Was bin ich wieder böse! Jeder denkt von sich, er handelt richtig. Das interessiert mich viel mehr als das Urteil. Das kann das Publikum dann machen.

Sind Sie glücklich, während Sie arbeiten? Oder eher, wenn die Arbeit erfolgreich erledigt ist?
Währenddessen. Wenn es gut läuft und ich Spaß dabei habe.

Und danach beginnt die stumme Selbstkritik?
Die ist immer da. Die Glückszustände kommen eher antizyklisch. Ich bin dann zufrieden, wenn alle anderen es schon vergessen haben. Beim Film ist es am extremsten. Es dauert ein Jahr, bis der Film überhaupt rauskommt, und dann ist man selbst schon wieder ganz woanders. Lob und Kritik erreichen einen gar nicht mehr richtig. Beim Theater gibt es die schönen Momente, wo man mit dem Publikum gemeinsam feiert, was gerade passiert ist.

Gehen Sie selbst gern als Zuschauer ins Kino oder ins Theater? Oder erinnert Sie das nur an die Arbeit?
Sehr gerne! Ins Theater vielleicht nicht so viel, aber ins Kino sehr, sehr gerne. Und zwar in alles Mögliche, unabhängig vom Genre. Als Letztes habe ich gerade „Her“ gesehen, den Science-Fiction-Liebesfilm. In dem Scarlett Johansson nur als Computerstimme vorkommt – weshalb sie für den Golden Globe abgelehnt wurde.

Wonach wählen Sie Ihre Rollen aus: mögliche Preise, Kollegen, Karrieregründe?
Eigentlich mache ich das auch instinktiv. Andere planen viel mehr. Das musste ich nie, weil ich Glück hatte und einfach ein verwöhnter Arsch bin.

Achtung, Herr Diehl, Sie sprechen da gerade einen tollen Interview-Titel aus.
Ja? Na, ich hoffe nicht. (Lacht.) Ich hoffe nicht! Nein, bei mir spielt eine Rolle, ob ich das Drehbuch mag. Und ob ich beim Lesen einen Film vor Augen habe. Weil ich „Frau Ella“ nicht gesehen habe, kann ich ohne kritischen Unterton fragen: Wieso haben Sie einem Roadmovie mit Matthias Schweighöfer und Ruth Maria Kubitschek zugestimmt?

Das passt nicht in Ihre Ahnenreihe der ernsten Obsessiven.
Dann wurde es ja mal Zeit! Es macht doch Spaß, wenn die Leute sich mal wundern. Außerdem war es eine schöne Rolle: das fünfte Rad am Wagen. Das ist dankbar.

Sie haben denselben Beruf wie Ihr Vater gewählt. Ist er ein Vorbild, grenzen Sie sich ab?
Für mich war vor allem andersherum merkwürdig, dass mein Vater das machte, was ich den ganzen Tag gemacht habe: Spielen. Und dass es von Erwachsenen ernst genommen wurde und ich dabei ruhig sein musste. Ich glaube aber nicht, dass ich ihm nacheifern wollte. Mich haben Geschichten fasziniert, schon immer. Teil einer Geschichte zu sein, die nicht meine wirkliche Geschichte ist, fand ich faszinierend.

Ihre Eltern haben mit Ihnen eine Zeit lang abgeschieden in der Auvergne gelebt, in einem Haus ohne Strom. Wie erinnern sie sich an diese Kindheit?
Ich hatte großes Glück und bin an einem wunderbaren Ort groß geworden. Nicht obwohl es keinen Strom gab, sondern weil es keinen gab.

War Ihnen als Kind bewusst, dass Sie einen alternativen Lebensentwurf erproben?
Nein, das begreift man als Kind nicht. Alternativ ist ein Erwachsenen-Begriff. Alltag ist das, was stattfindet. Kinder haben keinen Vergleich. Man lebt, wie man lebt.

War Schauspiel schon ein Berufsziel, als Sie mit dem Schultheater angefangen haben?
Nein, das mussten wir damals einfach machen. Es war keine Entscheidung von mir. Ich habe es aber geliebt. Ich habe auch den Franz Moor geliebt, den ich damals gespielt habe.

Eine Entscheidung war dann aber die Schauspielschule. Haben Sie diese Zeit genossen?
Genossen? Auf jeden Fall habe ich sie nutzen können. Aber ich habe es auch genossen – weil es nur ums Spielen ging und nicht um irgendwelche Regie-Ideen. Ich habe in dem geschützten Raum gelernt, mit schwachen Tagen umzugehen. Bei Kollegen, die nicht auf der Schauspielschule waren, denke ich manchmal: Sie haben Hemmungen, sich zu verwandeln. Und oft auch ein Künstlichkeitsproblem. Es sagen immer alle, die Schauspielschule macht künstlicher und technischer. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall.

Erleben Sie heute noch das Gefühl zu scheitern?
Sehr oft, natürlich. Wobei es einen Unterschied macht, wo es mir so geht. Am Theater muss ich es meistens komplett auf meine Kappe nehmen – weil man da als Schauspieler im Zentrum steht. Der Film hat viel mehr Komponenten, sodass man immer nur ein Teil des Puzzles ist. Da kann es auch am Drehbuch liegen, an der Regie, am Schnitt.

Sie haben mit wichtigen Künstlern gearbeitet, die Sie geprägt haben. Was hat etwa Peter Zadek für Sie bedeutet?
Oh, sehr viel. Von Zadek habe ich alles gelernt, was an der Bühne aufregend ist. Ich habe drei Arbeiten mit ihm gemacht, nicht alle nur spannend – aber er war spannend. Was Risiko ist, was die Formel „immer neu“ bedeutet – das habe ich von ihm. Das liegt heute aber weit zurück.

Nicht ganz so weit ist Tarantinos „Inglourious Basterds“.
Tarantino ist großartig. Ich mag seine Filme, ich fand die Arbeit mit ihm unglaublich erfrischend und toll. Ich habe meine Szene öfter gespielt als jede meiner Theaterrollen, gut zwei Wochen lang jeden Tag 50-mal. Ich musste sie ja auch noch als Anspielpartner wiederholen, wenn ich gar nicht mehr im Bild war. Ich habe diese Wochen wahnsinnig genossen – wie er sich Zeit genommen hat. Tarantino ist auch abends oft mit uns in Berlin unterwegs gewesen.

Brad Pitt hat damals auch mitgewirkt. Hat der Kontakt ermöglicht, dass Sie in dem Thriller „Salt“ den Ehemann von Angelina Jolie spielen?
Vielleicht, aber es gab in Washington ein ganz normales Casting für den Film.

Was für Anweisungen gibt Tarantino?
Deutsche Filmregisseure sagen öfter: „Mach weniger!“ Tarantino sagt: „Mach mehr! Das muss unterhaltend sein. Das geht hier nicht um irgendeinen gesellschaftlich verabredeten Realismus. Wie machen Oper mit Gewehrkugeln.“ Das Verhältnis der Amerikaner zum Entertainment ist großartig. Bei uns ist es ein Widerspruch zur Intelligenz, bei denen ist es ein Zeichen von Intelligenz, wenn etwas unterhält.

Sind Sie trotzdem gern Schauspieler in Deutschland?
Ich wäre gern überall Schauspieler. Natürlich beneide ich englische Schauspieler, die überall mitmachen können. Mittlerweile kann ich die Sprache aber auch. Und inzwischen gibt es ja eine ganze Masse an internationalen Ko-Produktionen, die dann sogar hier in Babelsberg gedreht werden. Die Grenzen sind längst nicht mehr so spürbar wie vielleicht vor zehn Jahren noch.

Eine Regisseurin, mit der Sie gerade viel am Theater arbeiten, ist Andrea Breth.
Arbeiteten; ich habe jetzt zwei Sachen mit ihr gemacht.

Eins davon ist der „Hamlet“, für den Sie sich ans Burgtheater gebunden haben. Ist das der Traum jedes Schauspielers?
Nee, war es nie. Aber Andrea hatte mich nach dem „Prinzen von Homburg“ gefragt, was wir jetzt noch machen. Und da habe ich frech gesagt: Ach, vielleicht mal den Hamlet. Ein paar Wochen später rief sie an: Alles geklärt. Dann erst habe ich nachgedacht: Will ich das? Aber natürlich will ich. Wann, wenn nicht jetzt. Diese Rolle kann man nicht ewig spielen. Und jetzt genieße ich jede Vorstellung. Es war dann die Abmachung, dass ich für den Hamlet fest ins Ensemble gehe. Man kann das den Kollegen sonst schwer vermitteln. Ich finde das auch richtig so, hab das damals akzeptiert und noch zwei Stücke gemacht, die ich noch spiele. Aber jetzt kommt auch wieder eine Phase, wo ich mehr drehe.

Kino oder Fernsehen?
Ich habe noch nie fürs Fernsehen gearbeitet.

Nie? Prinzipiell nicht?
Mit Leander Haußmann habe ich „Kabale und Liebe“ gemacht. Das war fürs Kino gedacht, aber als das Geld ausging, lief es im Fernsehen. Und dann habe ich mal an einem Fernsehexperiment teilgenommen, bei dem wir live gespielt haben. Das sind die beiden Ausnahmen.

Was missfällt Ihnen am Fernsehen? Es gibt doch gerade einen Boom an Qualitätsserien.
An amerikanischen Qualitätsserien. So einen Mut haben die Fernsehleute in Deutschland nicht. Es gibt doch nicht mal eine Polizistengeschichte, wo der Hauptermittler ein korruptes, drogen- und sexabhängiges Arschloch ist. Dass die Hauptfigur unsympathisch ist, geht bei uns Saubermännern gar nicht. Die Welt hat sich längst weitergedreht, aber deutsche Fernsehleute sind immer noch in den 50er Jahren. Gucken Sie sich „House of Cards“ an. Da lebt ein mieser Politiker nur für den eigenen Machterhalt –und ich finde das großartig. Man genießt einen Schurken tausendmal mehr als jeden Helden. Das geht nicht nur mir so.

Warum gehen Sie nicht mal zu solchen Castings? Bei Sibel Kekilli und „Game of Thrones“ hat es auch geklappt.
Die Castings gab es. Aber es ist schwierig. Meistens hat es zeitlich nicht hingehauen, weil man Optionen für mehrere Jahre unterschreiben. Das ist ein großes Risiko – es kann ja auch eine schlechte Serie werden.

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