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Schleswig-Holstein

18. Dezember 2017 | 23:52 Uhr

FRAUEN IM HANDWERK : Hobeln um Anerkennung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie macht das, was gemeinhin als „Männer-Beruf“ bezeichnet wird. Die Tischler-Meisterin Birgit Martius behauptet sich in ihrer Branche.

shz.de von
erstellt am 06.Dez.2015 | 12:02 Uhr

Birgit Martius sitzt in ihrer großen Wohnküche in einer alten Meierei; die hellen Augen blitzen vergnügt hinter den Brillengläsern hervor, wenn sie erzählt. Nein, ein Zuckerschlecken sei die Arbeit als Tischlerin ganz gewiss nicht immer, räumt sie ein, aber: „Ich wüsste trotzdem nichts, was ich lieber machen würde.“

Die 53-Jährige wirkt zufrieden, durch und durch. Wer hätte gedacht, dass sie als ehemalige Großstadtpflanze im kleinen Dorf Hollmühle im Kreis Schleswig-Flensburg landen würde? Aber wer hätte überhaupt damit gerechnet, dass sie nach dem Abitur ein Handwerk lernen würde und dann noch als Frau?! „Eine Bürotätigkeit oder ein Studium, das hätte vermutlich den Erwartungen entsprochen.“

Aber wenn die junge Frau auch nicht wusste, was sie beruflich machen wollte – was nicht in Betracht kam, wusste sie genau: „Ich bin nach dem Ausschlussprinzip vorgegangen: nichts Theoretisches – Büro oder Bank oder so. Im Handwerk war mir die Malerin zu langweilig. Kreativ sollte es gern sein. Ach, am Ende blieb wenig übrig, nur Kapitänin auf großer Fahrt oder Tischlerin.“ Damit war die Entscheidung gefallen, denn „damals durften Frauen nicht Kapitänin auf großer Fahrt werden“.

Birgit Martius startete als Tischlerlehrling auf der Hamburger Werft Howaldtswerke-Deutsche Werft, HDW, in ihr Berufsleben. „Da waren wir eine ganze Menge Frauen“, erinnert sie sich, „nicht nur in der Tischlerei“. Probleme mit sanitären Anlagen, wie es sie in anderen Unternehmen auch heute noch gibt, waren im Werftbetrieb kein Thema. Auch die Tatsache, dass Birgit Martius ihren Beruf als Frau unter Männern lernte, fiel kaum ins Gewicht: „Wir Azubis wurden unseren Fähigkeiten entsprechend gefördert.“ Egal, ob in der Lehrwerkstatt, der Berufsschule oder an Bord – die weibliche Auszubildende war voll akzeptiert.

„Interessant wurde es, als ich nach der Gesellenprüfung übernommen wurde. Da war ich dann die einzige Frau und wurde erst mal geprüft.“ Eine Woche wird die junge Kollegin mit „dem Gesellen eingeteilt, der die dicksten Arme hatte, die wenigsten Pausen machte und am meisten knüppelte“. Die beiden hobeln Holz für den Innenausbau eines Kühlschiffes aus. Die junge Frau klotzt ran, lächelt Anstrengungen und Schmerzen weg und „hätte im Leben nicht zugegeben“, dass sie abends „nur noch hundemüde ins Bett“ fällt. Dann ist es geschafft. Sie ist anerkannt.

Doch der Konzern verändert sich, die Hamburger Werft schließt ihre Tore. Für die junge, interessierte Tischlerin beginnt ein abwechslungsreiches Berufsleben. Sie bildet sich weiter zur Holztechnikerin, macht die Ausbildereignungsprüfung und beginnt in der Berufsvorbereitung für Jugendliche zu arbeiten. Sie zieht nach Berlin – der Liebe wegen – und bevor es vielleicht zu spät ist, nimmt sie die Meisterschule ins Visier. „Das war abenteuerlich, ein Wahnsinnsaufwand an Zeit und Geld“. Zwar muss sie ihre pädagogische und fachliche Eignung aufgrund ihrer vorherigen Weiterbildung nicht mehr nachweisen, doch abends steht nach der Arbeit mit den Jugendlichen für sie noch Recht und Wirtschaft auf dem Stundenplan. Und dann sind ja auch noch Meisterstück und Arbeitsprobe abzuliefern. „Ich hab alle Urlaubs- und freien Tage zusammengekratzt und auch Weihnachten und Silvester geackert.“ Und wo das Holz fürs Meisterstück lagern, wenn man wie Birgit Martius über keine eigene Werkstatt verfügt?

Die Tischlerin sitzt am Küchentisch und lacht. „Wir waren jung. Das ging alles in unserer Mietwohnung.“ Dann wird sie ernst. „Ohne die Unterstützung meines späteren Mannes hätte ich das sicherlich nicht geschafft.“ Der hält ihr den Rücken frei, sorgt dafür, dass seine zierliche Frau trotz Prüfungsturbulenzen auch mal etwas isst. „Trotzdem war ich nach dem Tag der praktischen Prüfung in der Arbeitsprobe nur noch ein Strich in der Landschaft“ – immerhin ein Strich mit Meisterbrief.

Als das Paar der Stadt den Rücken kehrt und sich 2002 für ein Leben auf dem Land entscheidet, macht sie das unabhängig von einer angestellten Tätigkeit. Birgit Martius kommt nach Schleswig-Holstein und Bundeskanzler Gerhard Schröder preist die Vorteile der „Ich-AG“. Die Handwerksmeisterin ergreift ihre Chance. Sie nutzt die dreijährige Förderung, gründet eine mobile Tischlerei und hat bald Erfolg.

Plötzlich macht es einen Unterschied, dass sie als Frau im Tischlerberuf arbeitet. Es kommen alleinstehende Kundinnen zu ihr, die ungern einen Mann im Haus haben möchten. Andere beauftragen lieber eine Frau, die vielleicht freundlicher und ordentlicher als die männlichen Kollegen sein könnte oder sie handeln aus weiblicher Solidarität. Jedenfalls bekommt die Tischlermeisterin die Chance, sich zu beweisen.

Sie wird weiterempfohlen und inzwischen ist ihre mobile Tischlerei fest etabliert. Birgit Martius fühlt sich wohl in den dörflichen Strukturen und hat sich ein Netzwerk aufgebaut. „Ich brauche nicht viel“, stellt sie fest. „Mein Auto, ein paar gute Werkzeuge und Handmaschinen, in die ich investiert habe. Ich bin frei und flexibel – unabhängig. Es gibt nichts Besseres!“

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