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Theater Lübeck : Hinter den Kulissen: Das Schattendasein der Theater-Requisiteure

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie werden eigentlich gar nicht bemerkt – dabei wäre eine Theater- oder Opernvorstellung ohne Requisiteure nahezu undenkbar. Wir haben eine Vorstellung im Schwarzraum des Lübecker Theaters miterlebt.

Theater? Da denkt man zuerst an Leitungscrew und Künstler. Doch die sind bloß die sichtbare Speerspitze einer gewaltigen Maschinerie, die nur funktioniert, weil eins ins andere greift – eine eigene Welt mit Werkstätten für Schneider, Maler, Tapezierer, Tischler, Schlosser. Und es ist die Welt der Techniker, die für gewöhnlich ebenso unsichtbar bleiben wie die meisten anderen Theaterleute auch.

„Technischer Ablauf Hoffmanns Erzählungen“ steht über zwei zusammengehefteten DIN A4-Blättern. Auf ihnen ist Punkt für Punkt festgehalten, was in den fünf Akten der Oper von Jacques Offenbach wann auf die Bühne des Tehater Lübeck und wieder herunter geschafft werden muss, mit welcher Geschwindigkeit welche Vorhänge bewegt werden, wann und wie Drehbühne und Podien zum Einsatz kommen, an welcher Stelle die Nebelmaschine Dampf ablassen muss.

Ablaufplan

In dem Ablaufplan ist festgehalten, wann was auf der Bühne stehen muss.

Foto: Michael Ruff
 

Bühnenmeister Alexander Köhn wirft einen Blick auf den Plan, der Laien zur Verzweiflung triebe. „Drehung gegen den Uhrzeigersinn 3 x 360 Grad, Zeit: 4 min 30 sec.“, steht da unter TOP 7, oder „dicke Berta ab ins Zeichen 30 sec.“ Für Köhn und den Maschinisten Devin Arnold sind das klar zu verstehende Anweisungen, die sie im Laufe der Vorstellung punktgenau umzusetzen wissen werden. Schiefgehen, behauptet Köhn, könne nach menschlichem Ermessen eigentlich gar nichts, alles ist durchgesprochen, jeder kennt seine Aufgaben und den zeitlichen Ablauf.

287 Mitarbeiter sind am Theater Lübeck beschäftigt, Gäste nicht mitgerechnet. Zum Ensemble der Künstlerinnen und Künstler zählen davon derzeit 29, die Theaterleitung ist eine Frau (Operndirektorin) und drei Mann (Geschäftsführender Direktor, Schauspiel- und Generalmusikdirektor) stark. Alle anderen zeigen sich bestenfalls selten, die meisten nie. Aber ohne dieses scheue Völkchen wäre Theater nicht möglich.

Beginn 16 Uhr, heißt es heute für „Hoffmanns Erzählungen“. Gearbeitet wird aber schon seit neun Uhr morgens. Bevor die Bühne „auf Anfang“ eingerichtet werden kann, wie der Ablaufplan verlangt, wird abgebaut: Am Abend vorher war Shakespeares „Der Sturm“ zu sehen. Im Großen Haus arbeiten sechs Techniker und eine studentische Hilfskraft in der zweiten Schicht, zu der Köhn und Arnold gehören. Sie werden auf- und abbauen, was in den Werkstätten des Theaters für die Bühne hergestellt wurde, und das ist das meiste dessen, was im Spiel zum Einsatz kommt – 90 Prozent, schätzt Köhn: Prospekte, Tapezierarbeiten, nachempfundene Natur, hölzerne Wände, Treppen. Gesichert wird mit Steckern, gerade und gekröpft, die, sagt Arnold, sind allgegenwärtig.

Bühnenmeister Alexander Köhn.
Bühnenmeister Alexander Köhn. Foto: Michael Ruff
 

Drei Meister, neun Techniker und fünf Maschinisten gibt es derzeit insgesamt für die Bühnentechnik des Großen Hauses. Zwei, drei Leute mehr könne man gut gebrauchen, sagt Köhn. Gearbeitet wird in zwei Schichten täglich, von morgens um neun bis nach Vorstellungsende, vorzugsweise dann, wenn andere ihre Freizeit (und Theater) genießen. Dafür gibt es im Sommer sechs Wochen Ferien. „Das ist der Ausgleich“, sagt Arnold. Tauschen möchte er so wenig wie Köhn, der es als Quereinsteiger vom Tischler bei Studio Hamburg zum Bühnenmeister nach Lübeck schaffte. Ihn selbst habe es immer zur Bühne gezogen, sagt Arnold. Gelernt hat er Bau- und Möbeltischler; die Nähe zur Musik ist allemal da, in seiner Freizeit legt er Platten auf.

Der Bühnentechniker-Tag beginnt mit dem Öffnen des Eisernen Vorhangs, er endet mit dem Schließen des Monstrums. Köhn zeigt auf einen unansehnlichen Kasten: „Da ist der drin“, sagt er, „und der sieht genau so böse aus wie der Kasten.“ Später werden sie bei jeder Aufführung rechts und links hinter den Sichtlinien auf der Bühne sitzen, die Brandschutzeinrichtung zusätzlich kontrollieren.

Der Theaterraum – eine völlig eigene Welt, die sich dem Publikum nahezu vollständig verbirgt.
Der Theaterraum – eine völlig eigene Welt, die sich dem Publikum nahezu vollständig verbirgt. Foto: Michael Ruff

Der Arbeitsplatz der Bühnentechniker ist in mehrfacher Hinsicht gewaltig. „Das ist hier eine andere Welt“, sagt Devin Arnold. Tatsächlich. Der behexte Zuschauer nimmt Theater gerade mal bis zur Drehbühne war. Doch rechts und links davon, dahinter, darüber und darunter existiert die Welt der Illusion. 18 prall mit Technik ausgestattete Meter sind es vom Schnürboden bis zur Bühne, in deren Boden neben der zehn Tonnen schweren Drehbühne drei Podien sowie ein Ausgleichspodium und davor zwei Orchesterpodien bewegt werden können. In den Räumen rechts und links davon – wahre Labyrinthe – sieht es aus wie in Abstellkammern. Hauptsächlich Hölzernes, das auf den Einsatz in einem anderen Stück wartet. Köhn und Devin wissen das Abgestellte jeweils genau zuzuordnen: „Cosi, Lady Macbeth und hier natürlich der Hoffmann.“ Arnold zeigt im Vorbeigehen hierhin und dorthin.

Zweieinhalb Stunden vor Beginn der Vorstellung sind die Beleuchter längst am Werk. Mit einem Wagen rollen die Techniker meterhohe Wände und Treppen auf die Bühne, Scheinwerfer werden eingestellt, Wände und Treppen wieder beiseite geschoben. Es wird kontrolliert, ob sich der Beleuchtungskorb zusammen mit der Bühne hebt (andernfalls gäbe es Bruch).

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Die Technik muss sitzen. Schon Stunden vor Beginn der Vorstellung werden Lichter und Sound geprüft.

Foto: Michael Ruff
 

Ins Getriebe am Bühnenrand hat sich derweil einer mit Netzhemd, Ledermantel, Schlappen und Sonnenbrille gesellt: Jean-Noël Briend, der die Partie des Hoffmann singt, wartet lieber bei den Bühnentechnikern als im Hotel auf den Soundcheck, der bei dieser Inszenierung zu machen ist, weil Regisseur Florian Lutz Hoffmanns „Abschied von der Liebe“ von einer Rockband spielen lässt. Auch das eine Sache der Technik, denn Band und Sänger steigen per Podium aus dem Bühnenorkus empor.

Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn sollte das Wesentliche der Vorbereitungen beendet sein. Ist es auch. Die Requisiten sind bis zur letzten Mullbinde gecheckt, die Drehbühne, die sich zwischendurch zickig gezeigt hat, tut, was sie soll. Eine Reinigungskraft wischt noch einmal über die schwarzen Bühnenbretter. Souffleuse Ursula Mührer, früher selbst Mezzosopran am Haus, ist eingetroffen und schlägt ihr Material mit den Partien am Pult links hinter der Sichtlinie auf. Köhn entdeckt noch eine Schraube, die aus dem Bühnenboden hervorlugt, holt einen Hammer aus dem Werkzeugschrank, versenkt sie mit drei, vier energischen Schlägen. „Verletzungsgefahr!“, murmelt er, zieht noch einen Holzsplitter ab und klebt die Stelle mit schwarzem Band ab.

Dann ist alles in mentaler Hab-Acht-Stellung. Die Bühne ist frei, heißt: für das Publikum einsehbar und deshalb für alle tabu, die dort nichts zu schaffen haben. Das Spiel kann beginnen.

Köhn, nun mit Headset, über das er die Ansagen der Inspizienz empfängt, Arnold und die Techniker-Kollegen warten an den Bühnenseiten auf ihre Einsätze, die jeweiligen Ausstattungsteile immer parat. Liege und Sonnenbank werden als nächstes gebraucht, sie stehen parat. Die Bühnentechniker gestalten mit reibungslosem Auf- und Abbau ein eigenes, für die Zuschauer unsichtbares Kunststück, und dass sie im zweiten Akt selbst hinter den hohen Kulissenwänden stehen, um diese auf- und abzufahren, ist vom Publikumsraum aus nicht wahrnehmbar. Die Spots liegen auf den Künstlern, für die Techniker gilt als Dresscode: schwarz.

Während vor der Stellwand noch das Stück läuft, ist der Umbau schon im Gange.
Während vor der Stellwand noch das Stück läuft, ist der Umbau schon im Gange. Foto: Michael Ruff

Leicht und locker scheint es an der Rampe zuzugehen. Rechts und links der Bühne ist die Konzentration derweil greifbar. Eigentlich könne nichts schiefgehen, hat Köhn mittags gesagt. Jetzt am frühen Abend scheint dieser Satz ein Wunder.

Die Pause nach dem dritten Akt wird auf der Bühne zu einer der Stoßzeiten. Hinter geschlossenem Vorhang wird Theaternebel produziert; zum Einsatz kommen zwei neue Maschinen, die ihren Dienst unerwartet heftig verrichten. Kurz ist die Hand vor Augen nicht zu sehen, doch dank der 18 Höhenmetern verzieht sich der Dunst zur gewollten Stärke.

Die Zeit läuft, gearbeitet wird flott. Hektik allerdings scheint unbekannt. Köhn verweist erneut auf den Ablaufplan, der sich aus den Erfahrungen der Probenarbeit ergeben hat – und für den Regievorstellungen mit technisch Machbarem vereint wurden. Kein Hexenwerk, sondern konzentrierte Arbeit auf und hinter der Bühne. Fabelhafte Welten sind für das Publikum. Und was, wenn der Bühnenmeister einmal „nur“ Zuschauer ist? „Ich glaube, ich gucke die Stücke anders, als jemand, der mit Bühnentechnik nichts zu tun hat“, sagt Köhn. Privat sind Musicals seine Favoriten. Beim Hamburger „Aladdin“ wollte er unbedingt wissen, wie das mit dem fliegenden Teppich funktioniert. Aber: „Ich hab' es einfach nicht herausgefunden.“

Übrigens: „Dicke Berta“ ist am Theater Lübeck der Name für einen 20 KW-Scheinwerfer in der Mitte der Bühne.

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