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Interview mit Schauspieler David Kross : „Hier in Schleswig-Holstein bewegt man den Mund nicht so viel“

vom
Aus der Onlineredaktion

Mit der Hauptrolle in „der Vorleser“ wurde David Kross schon als Teenager berühmt. Im Interview erklärt der Bargteheider, wie man mit frühem Erfolg umgeht– und welche Kategorie seines Berufes er gar nicht beherrscht.

shz.de von
erstellt am 14.Feb.2016 | 12:23 Uhr

Berlin | Mehr als die Hälfte seines Lebens steht Schauspieler David Kross schon vor der Kamera. Seine Rolle in „Der Vorleser“ an der Seite von Kate Winslet brachte ihm den großen Durchbruch. Seitdem wird er nicht nur von heimischen Regisseuren, sondern auch amerikanischen Filmgrößen wie Steven Spielberg engagiert. Am Mittwoch, dem 24. Februar, geht er in „Die Akte General“ mit seinem ersten Fernsehfilm an den Start.

David Kross: Ein waschechter Schleswig-Holsteiner

David Kross wird am 4. Juli 1990 im schleswig-holsteinischen Henstedt-Ulzburg geboren. Mit seinen drei Geschwistern wächst er in Bargteheide auf und sammelt erste Schauspielerfahrungen in einer Kindertheatergruppe. 2005 wird er von Schauspieler und Regisseur Detlev Buck entdeckt. Dieser engagiert ihn für die Hauptrolle seines Filmes „Knallhart“. Ein Jahr später wird Kross als Müllerssohn für die Buchverfilmung „Krabat“ verpflichtet. Seinen großen Durchbruch feiert er 2008 an der Seite von Kate Winslet in „Der Vorleser“. Dafür erhält er die Trophée Chopard der Filmfestspiele von Cannes. Ab dem Sommer 2009 besucht er die London Academy of Music and Dramatic Art. Er bricht das Studium jedoch einige Monate später ab und zieht nach Berlin. 2011 tritt er in Steven Spielbergs „Gefährten“ auf. Am 24. Februar ist David Kross im ARD-Fernsehfilm „Die Akte General“ zu sehen.

 

Herr Kross, früher haben Sie in Poesiealben geschrieben, dass Sie entweder Schauspieler oder Fußballer werden möchten. Was konnten Sie denn am Ball?
Ich hatte schon eine ganz gute Technik, aber mir fehlte die körperliche Präsenz. Als ich noch zur Schule ging, habe ich gleichzeitig im Fußball-, Handball- und Basketballverein gespielt. Beim Handball stand ich sogar vor der Landesauswahl. Aber der Trainer meinte, ich solle doch erst ein paar Liegestützen machen und im nächsten Jahr wiederkommen. Ich war immer ein wenig zu schmächtig.

David Kross.
David Kross. Foto: Ursula Düren

Diese Erfahrungen könnten Ihnen bei Ihrem nächsten Projekt von Nutzen sein.
Richtig. Ich werde in naher Zukunft den deutschen Fußballtorwart Bert Trautmann spielen, der nach dem Zweiten Weltkrieg in England Karriere gemacht hat. So kann ich das Schauspielern mit dem Fußball verbinden.

Welche Position haben Sie damals gespielt?
Ich stand nie im Tor. Das muss ich für den Film noch lernen. Ich war immer im Mittelfeld aktiv.

Sie sind mehr als die Hälfte Ihres Lebens als Schauspieler tätig. Fühlen Sie sich als Jungspund oder alter Hase?
Als Jungspund fühle ich mich nicht mehr. Das zeigt auch meine Rolle in „Die Akte General“. Hier spiele ich einen angehenden Staatsanwalt, der verheiratet ist und ein Kind hat. Es war für mich sehr spannend, einen Mann im mittleren Alter zu spielen.

Können Sie sich da gut einfühlen mit Ihren 25 Jahren?
Klar. Es gibt viele Menschen in meinem Alter, die bereits Kinder haben. Ab dem Moment, in dem ich das Kind im Arm hatte, fühlte es sich echt an.

Spüren Sie dann Vatergefühle?
In diesem Moment kamen sie nicht so wirklich hoch. Denn das Baby sollte in meinen Armen schreien. Dafür hat das Kind aber einen sehr guten Job gemacht.

Haben Sie in Ihrem Leben schon einmal über einen anderen Beruf nachgedacht?
Aktuell nicht. Es gibt immer mal Phasen, in denen ich darüber nachdenke. Aber ich wüsste nicht genau, was ich statt der Schauspielerei machen würde. Für eine Karriere als Fußballspieler ist es jetzt zu spät. Oder ich werde doch Torwart (lacht). Wobei mich ein Beruf aus dem Handwerk, in dem ich mit meinen eigenen Händen arbeite, interessieren würde.

Sie haben die Schauspielschule geschmissen. Warum lernen Sie jetzt mehr als in London?
Eine Schule kann ganz toll sein, um sich ein Handwerk anzueignen. Aber für mich fühlte sich das nicht stimmig an. Viele sind mit offenen Augen dorthin gegangen, während ich schon meine Ideen von dem Job hatte. In London sollte ich alles vergessen und neu lernen. Das wollte ich aber nicht. Ich habe auf mein Bauchgefühl vertraut und bin gegangen.

Wie hat Ihnen die Stadt gefallen?
Ich habe den Fehler gemacht, dass ich zu spät nach London gegangen bin. Ich hätte früher dort leben müssen, um mich schon mal sprachlich ein wenig zu akklimatisieren. Das war am Anfang ein kompletter Sprung ins kalte Wasser. Zum Leben mag ich Berlin aber lieber als London. Es gibt auch schöne Seiten – so mag ich die Mentalität der Engländer sehr gerne. Aber die Stadt ist sehr stressig und vor allem richtig, richtig teuer. Obwohl ich total Glück hatte und bei einer tollen Familie leben durfte. Der Vater arbeitete als Requisiteur beim Film, sein Sohn war ein junger Theaterregisseur. Also an ihnen lag es nicht, dass ich gegangen bin. Heute bin ich zufrieden mit der Entscheidung. Das Tolle an meinem Job ist, dass jeder mit seinem eigenen Weg Erfolg haben kann. Es gibt nie den einen richtigen Weg, wie auch sonst im Leben.

Ich habe gehört, dass Sie sich immer wahnsinnig lange auf Rollen vorbereiten.
Das sage ich immer nur so (lacht).

Tatsächlich? Also in Wirklichkeit haben Sie das Drehbuch für „Die Akte General“ nur überflogen, oder wie dürfen wir uns das vorstellen?
Nein, natürlich nicht. Ich habe versucht, die Ängste des Staatsanwalts herauszufinden. Gemeinsam mit Fritz Bauer möchte er nach dem Zweiten Weltkrieg die Verbrechen der Nationalsozialisten aufklären. Mir ist bei der Nachkriegsgeneration aufgefallen, dass durch die Konfrontation der Supermächte immer die Angst vor einem neuen Krieg herrschte. Die Menschen wollten das Ansehen von Deutschland wahren und keine Verbündeten verlieren. Das war mir gar nicht so bewusst.

Fritz Bauer wird in dem Film bespitzelt. Haben Sie selbst schon mal spioniert?
Wahrscheinlich würde ich lügen, wenn ich jetzt Nein sage. Ich habe in der Kindheit bestimmt mal gepetzt. Wer Geschwister hat, kennt es nur zu gut, dass man hin und wieder gegeneinander arbeitet und sich streitet.

Aber danach haben Sie sich wieder vertragen?
Einmal habe ich sogar versucht, meinen Bruder nach einem Streit mit Geld zu bestechen. Ich habe ihm einen Brief geschrieben, den es heute noch gibt, und mich entschuldigt. „Wollen wir uns wieder vertragen? Hier sind zwei Mark“, habe ich geschrieben, zwei Mark daraufgeklebt und unter der Tür durchgeschoben.

Und war Ihr Bruder bestechlich?
Mein Bruder hat mir ganz politisch korrekt zurückgeschrieben, dass wir uns gerne vertragen können, aber dass er das Geld auf keinen Fall annehme (lacht).

Ulrich Noethen spielt Fritz Bauer. Sie leben beide in Berlin. Haben Sie sich vor dem Drehstart getroffen?
Wir haben uns erst bei der Leseprobe gesehen. Alle Schauspieler sitzen um einen Tisch herum, und jeder liest seine Rolle einmal. Ich fand es wahnsinnig beeindruckend, als Uli Noethen anfing, mit diesem Dialekt zu sprechen. Er hat das so gut imitiert, dass ich ihn sehr lange mit offenem Mund angeschaut haben muss. Ich fand das wirklich toll.

Können Sie denn irgendwelche Dialekte?
Nein. Viele können das einfach so aus dem Stehgreif, aber ich kann das überhaupt nicht. Ich komme aus Schleswig-Holstein, hier redet man sehr entspannt und bewegt den Mund nicht so viel.

„Die Akte General“ war Ihr erster Fernsehfilm. Was lief anders?
Als ich das Drehbuch gelesen habe, habe ich keinen Unterschied bemerkt. Wir hatten natürlich wenig Zeit am Set, aber trotzdem haben wir auf einem hohen Niveau gearbeitet. Im Fernsehen verändert sich aktuell sehr viel. Es gibt tolle Produktionen, die nicht im Kino laufen.

Vor allem versucht das Fernsehen, den Serientrend immer mehr aufzugreifen. Wäre eine Serienrolle auch für Sie interessant?
Absolut. Hier kann ich als Schauspieler über einen ganz langen Zeitraum eine Geschichte erzählen. Es ist toll, sich so intensiv mit einer Rolle zu beschäftigen.

Schauen Sie denn selbst Serien?
Klar. „Narcos“ fand ich sehr spannend. Auch die erste Staffel von „True Detective“ habe ich gerne gesehen. Viele Serien sind natürlich sehr lang. Wenn ich im Vorfeld sehe, dass es vier Staffeln gibt, dann schreckt mich das schon erst einmal ab. Irgendwann habe ich dann genug. Serien sind klug konzipiert und ein wahnsinniger Zeitfresser. Oft schaut man eine Folge nach der anderen und merkt nicht, wie die Zeit verfliegt. Bei „Game of Thrones“, „Breaking Bad“ oder der ersten Staffel von „Homeland“ ging mir das so.

Ihr großer Wunsch ist es, einen Bösewicht zu spielen. Sehen wir Sie bald mal in einer fiesen Rolle?
Es gibt ein paar Stoffe, die sehr interessant sind. Nur darf ich darüber leider noch nicht sprechen. An einem Bösewicht finde ich die Charakterarbeit sehr spannend – auch wenn es bestimmt etwas „psycho“ werden kann.

Wie trennen Sie sich von Rollen ab?
Allein die Tatsache, dass ich vor der Kamera stehe, ist für mich oft Abtrennung genug. Aber manchmal übernimmt das Unterbewusstsein doch die Kontrolle. Bei meinem Dreh zu „Boy7“ hatte ich so einen Moment. Ich war krank am Set, wollte aber noch eine Szene in den Kasten bekommen. Irgendwann war ich ziemlich k.o. und wollte eine kurze Pause machen. In dem Film bin ich die ganze Zeit auf der Flucht. Als ich dann kurz das Set verlassen habe, überlegte ich, wirklich abzuhauen. Das sind Gedanken, in denen das Unterbewusstsein dich übernimmt. Ich bin dann aber doch am Set geblieben (lacht).

Wie pausieren Sie nach so einem Dreh?
Ich war seit Ewigkeiten nicht mehr im Urlaub, das sollte ich mal wieder machen.

Ihren Durchbruch hatten Sie mit „Der Vorleser“. Was haben Sie von diesem Dreh mitgenommen?
Das war eine sehr wichtige und sehr lange Zeit für mich. Ich habe während der Produktion sowohl meinen 17. als auch 18. Geburtstag gefeiert. Normalerweise ist man nur zwei Monate beim Film, und dann geht man wieder nach Hause. Hier arbeitete ich über ein Jahr. Dabei hatte ich das Glück, mit ganz tollen Menschen zusammenzuarbeiten. Es war ein tolles Projekt mit einer genialen Stimmung am Set. Regisseur Stephen Daldry hat es geliebt, hier zu arbeiten. Es war unser Herzensprojekt. Wir haben uns gegenseitig hochgepusht, weil wir alle unser Bestes geben wollten.

Stehen Sie mit Kate Winslet und Stephen Daldry noch in Kontakt?
Mit Kate Winslet nicht, aber mit Stephen Daldry schreibe ich mir regelmäßig und besuche ihn in London. Ich habe dann dort mein Zimmer, und es ist total entspannt.

Was haben Sie von ihm gelernt?
„Der Vorleser“ war mein dritter Film. Daher musste ich noch lernen, wie ich als Schauspieler arbeite. Stephen Daldry hat mir wirklich viel gezeigt und mich auf die gute Vorbereitung hingewiesen. Anfangs bin ich da sehr unschuldig rangegangen. Aber Schauspiel ist nicht nur Intuition. Es ist auch wichtig, sich zu überlegen, wo man diese hinführen möchte. Außerdem habe ich von Stephen gelernt, mich nicht zu ernst zu nehmen. Er kann über seine eigenen Filme lachen und Witze machen. Stephen nimmt vieles selbstironisch. Das finde ich total erfrischend.

Wie sind Sie mit dem Erfolg danach umgegangen?
Es war eine krasse Zeit. Für mich war es total komisch, diese Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich habe das damals noch zu ernst genommen. Wenn Erfolg wirklich passiert, kannst du es selten im Moment genießen und verstehen. Für mich war es ein riesiges Ungleichgewicht. Ich hatte nur meine Arbeit gemacht und war auf einmal total besonders für die Leute.

Fahren Sie noch oft in die Heimat nach Bargteheide?
Ich habe zuletzt mit zwei Musikern und der Tochter meiner früheren Theaterregisseurin eine Lesung in einer Kirche gehalten. Ich bin hin und wieder in der Heimat, meine Familie und meine beiden jüngeren Geschwister leben noch dort. Aber an Weihnachten haben sie mich in Berlin besucht, und das erste Mal stand der Weihnachtsbaum bei mir. Es tut mir aber sehr gut, wenn ich mal aus Berlin raus will, nach Hause zu fahren.

Sind Sie jetzt öfter in Hollywood als in Schleswig-Holstein unterwegs?
Ein lustiges Beispiel beschreibt die Antwort auf diese Frage ganz gut. Ich wohne hier in Berlin-Mitte und bin zuletzt zu einer Filmpremiere am Potsdamer Platz gegangen. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: „David Kross kommt direkt aus Hollywood.“ Dabei wohne ich nur einen Kilometer entfernt (lacht).

Wie schwierig ist es, als Schauspieler oben an der Spitze zu bleiben?
Es kommt darauf an, wie man für sich Erfolg definiert. Jeder muss sich selbst Ziele setzen. Wenn ich mir als Ziel setze, dass ich Respekt zu meinen Rollen haben und mein Bestes geben möchte, dann ist das schon mal ganz gut.

Und wo bleiben die spektakulären Ziele?
Zu einem Oscar würde ich nicht Nein sagen. Falls die Academy das Interview liest, könnten sie doch mal darüber nachdenken (lacht). Nein, ich glaube, es ist besser, wenn man kleine Schritte macht.

Haben Sie keinen Erfolgsdruck?
Lustigerweise mache ich mir vor allem ab dem Moment Druck, wenn ich eine Rolle ergattert habe. Ich will einfach mein Bestes geben. Von daher gehört Druck für mich dazu.

Sport hilft als Ausgleich. Spielen Sie noch Fußball oder Basketball?
Nein, aber ich mache ab und an Pilates. Das ist total gut und ein ganzheitliches Training. Ich habe das aus einer Not heraus angefangen, weil ich ein bisschen Rückenprobleme hatte.

Aktuell läuft die Berlinale. Machen Sie sich dafür schick?
Ja, ich ziehe gerne mal einen Anzug an. Als Mann habe ich es wesentlich einfacher und muss nicht so viel organisieren wie die Damen. Ich habe einfach meine fünf Anzüge, die ich nacheinander abtrage.

Sind Sie ein Feierbiest?
Ich trinke mal ein Bier auf der Berlinale. Aber das reicht dann auch, denn es ist immer gefährlich auf der Berlinale (lacht). Da ich zu der Zeit mitten in den Vorbereitungen stecke, werde ich disziplinierter sein. Ich gehe sowieso nicht mehr so viel feiern.

Haben Sie sich schon mal selbst gegoogelt?
Ja, und ich habe festgestellt, dass diese Welt komplett an mir vorbeigeht. Ich frage mich oft, wer diese verschiedenen Einträge schreibt.

Das erste Wort, was Google zu David Kross vorschlägt, ist „Größe“.
Darauf bin ich in einem Diskussionsforum auch gestoßen. Es ist vollkommen absurd, dass es diese Gespräche über mich gibt. Es gab mal jemanden, der sich auf Twitter als David Kross ausgegeben hat. Ich hätte nichts dagegen tun können, außer selbst einen Account anzulegen. Aber darauf habe ich keine Lust. Ich finde es gut, wenn man nicht so viel über Schauspieler weiß. Dann glaubt man ihnen mehr. So geht es mir zumindest.

Aber wie groß sind Sie denn? Lüften Sie das Geheimnis!
Ich weiß es selbst nicht. 1,78? 1,80? Das lasse ich offen (lacht).

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