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Ein TAG auf der A7 : Hausmeister der Autobahn: So arbeitet die Straßenmeisterei

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie sorgen dafür, dass Schleswig-Holsteins Verkehrsadern reibungslos funktionieren: ein Tag bei den Straßenwärtern der Autobahnmeisterei Neumünster.

Würden seine Gedanken nur den Bruchteil einer Sekunde abschweifen, wäre es vermutlich schon zu spät. Nur einen knappen Meter, manchmal weniger, trennen Dirk Johannsen von den rasenden Geschossen auf der A7. Als Streckenwart bei der Autobahnmeisterei Neumünster hält er dort an, wo andere Gas geben.

Jetzt zum Beispiel, weil er eine flatternde Plastiktüte auf dem Standstreifen entdeckt hat. „Für einen Motorradfahrer könnte die den Tod bedeuten“, sagt er. „Wenn einem so eine Plastiktüte vor den Helm weht, hat man auf der Autobahn verloren.“ Bevor er abbremst und aussteigt, schaltet der 48-Jährige die Warnbeleuchtung an der Rückseite seines orangenen Fahrzeugs an, ein blinkendes Kreuz und ein Pfeil. Ein Blick in den Seitenspiegel, dann öffnet Johannsen vorsichtig die Tür zur Fahrbahn, geht dicht an den Wagen geschmiegt ein paar Schritte zurück. Die Plastiktüte erweist sich als ein noch gefährlicheres Kaliber als angenommen – sie ist mit Glasscherben gefüllt. „Das ist der tägliche Wahnsinn“, sagt er mit einem Kopfschütteln.

Müllhalde Autobahn

Die A7 zwischen Büdelsdorf und Neumünster-Mitte, die A210 und die A215 gehören zum Bezirk der Autobahnmeisterei Neumünster. Aufblasbare Liebespuppen, ein Kanu, eine Munitionskiste der Bundeswehr, Fahrräder, Snowboards – Johannsen findet dort so einige skurrile Dinge, vor allem in Sommer- oder Winterferienzeiten. Doch immer häufiger stößt er auch auf Dinge, die bewusst an der Autobahn, meist auf Parkplätzen, entsorgt wurden. „Abgestellte Waschmaschinen, Autobatterien und Autoreifen sind ein großes Problem geworden. Da ist meine Ladefläche dann schnell mal voll, ich fahre die Sachen zum Recyclinghof – und die Allgemeinheit muss für die Entsorgung zahlen.“

Hat mit Adleraugen die Autobahn samt Ausfahrten, Parkplätzen und Beschilderung im Blick: Streckenwart Dirk Johannsen notiert seine Beobachtung im Streckenbericht.
Hat mit Adleraugen die Autobahn samt Ausfahrten, Parkplätzen und Beschilderung im Blick: Streckenwart Dirk Johannsen notiert seine Beobachtung im Streckenbericht.
 

Wenn der Streckenwart auf der Autobahn unterwegs ist, aktiviert er seinen Kontrollblick. Straßenbelag, Begrenzung, Schilder, weggeworfene Gegenstände – alles wird gescannt. Müde dürfe man da nicht sein. „Alle machen mal Fehler. Aber hier ist es besonders gravierend“, sagt Johannsen. Auch den Verkehr hat der Nortorfer bei seinen Kontrollfahrten genau im Blick. Leuchten plötzlich die roten Bremsleuchten, schaut er genau nach der Ursache. Die könnte zum Beispiel ein Schlagloch sein, das ein Schneepflug beim nächtlichen Räumen aufgerissen hat. Im Kopf zählt er dann die Leitpfosten, die jeweils 50 Meter auseinander stehen, bis zur nächsten markanten Stelle. Auf diese Weise berechnet er die Position des Schlaglochs, die er dann an jene Kollegen weitergibt, die das Loch flicken.

Die Autobahn kann er übrigens auswendig. Mit einem Schmunzeln bekennt Johannsen: „Ich kann die Autobahn inklusive Schildern im Kopf durchfahren und weiß genau, wo ich bin. Es ist mir auch schon privat passiert, dass ich Streckenkontrolle gefahren bin. Meine Frau wies mich dann darauf hin, dass ich nicht an jeder Ausfahrt raus muss.“

Es ist 10.30 Uhr, das Thermometer zeigt minus 7 Grad. Die Sonne kämpft noch gegen den dichten Nebel, der wie eine frostige Decke über Schleswig-Holstein liegt. „Man muss sich schon dick einpacken, aber Regenwetter ist schlimmer – da fliegt dir die Gischt von den Autos ins Gesicht“, sagt ein junger Straßenwärter, der heute an der A215 Richtung Kiel Bäume fällt und zerlegt. Straßenwärter sind nämlich auch Gärtner, die Grünpflege an den Fahrbahnseiten fordert viele Arbeitskräfte. Die Motorsägen dröhnen, fressen sich durch die dicken Stämme sturmgeschädigter Bäume.

Gehölzpflege an der A  215: Während im Sommer das Mähen den Straßenwärtern die größte Arbeit bereitet, ist es im Winter der Baumschnitt. Beschädigte Bäume werden gefällt, andere gestutzt.
Gehölzpflege an der A 215: Während im Sommer das Mähen den Straßenwärtern die größte Arbeit bereitet, ist es im Winter der Baumschnitt. Beschädigte Bäume werden gefällt, andere gestutzt.
 

Ein junger Mann bugsiert das Holz mit Hilfe einer Greiferschaufel auf die Ladefläche eines Lkws, sein Atem wird in der frostigen Luft zu Nebel. Knapp einen halben Kilometer Baumpflege schaffen die Jungs pro Tag, 21 Kilometer ist die A215 lang – und dann ist da ja noch die Gegenrichtung.

Sinfonie der Autobahn

Ein paar Hundert Meter vor ihrer Arbeitsstelle haben sie eine Vorwarntafel aufgestellt, dennoch rasen manche Autos in atemberaubender Geschwindigkeit an ihnen vorbei. Das regelmäßige Rauschen der Fahrzeuge geht ins Ohr, ist für die Arbeiter aber so selbstverständlich wie für andere das ständige Klingeln des Büro-Telefons.

Party an der Autobahn: Oberhalb der A  215 auf Höhe Kiel-Russee sind die Überreste eines Gelages zu beseitigen – auch darum kümmern sich die Straßenwärter.
Party an der Autobahn: Oberhalb der A 215 auf Höhe Kiel-Russee sind die Überreste eines Gelages zu beseitigen – auch darum kümmern sich die Straßenwärter.
 

Wenn hier ein Telefon klingelt, bedeutet das meist, dass ein Unfall passiert ist. Dann gilt es, die Fahrbahn abzusperren, im Falle einer Vollsperrung die Umleitung auszuschildern und schließlich aufzuräumen. Bei diesen winterlichen Temperaturen könnte es aber auch ein Streueinsatz sein, zu dem die Straßenwärter ausrücken müssen.

So wie jetzt: Die Polizei hat Straßenglätte auf dem Mettenhof-Zubringer gemeldet. Bernd Reimers Handy schrillt. Er entscheidet, dass die Arbeitsgruppe, die gerade noch mit der Baumpflege beschäftigt ist, ihren Einsatz abbricht, den Lkw auf dem Betriebshof in Krogaspe zum Streufahrzeug umrüstet und der Gefahr mit Salz auf den Leib rückt.

Sonden in der Fahrbahn

Reimer ist Arbeitsgruppenleiter und seit 23 Jahren bei der Autobahnmeisterei. Wie sein Kollege Dirk Johannsen kennt er „seine“ Strecke aus dem Effeff. „Der Abschnitt hat im Herbst eine neue Fahrbahndecke bekommen“, sagt er. „Darauf wirkt Feuchtigkeit ganz anders.“ Über fünf Sonden, die in die Fahrbahn eingelassen sind, hat die Autobahnmeisterei an verschiedenen Stellen in ihrem Revier eigene Glättemelder. Doch der subjektive Eindruck während der Fahrt kann ein anderer sein. Sicherheit geht immer vor. „Denn es geht immer um Menschenleben“ – das ist ein Satz, den man hier häufiger hört.

Vielleicht tragen die neuen Glätte-Warnschilder dazu bei, dass künftig das eine oder andere Menschenleben mehr verschont wird. Die Verkehrszeichen mit der Schneeflocke werden gerade auf der A 210 im Bereich der Eider montiert. Wo Schilder aufgestellt werden, entscheidet nicht die Autobahnmeisterei selbst, sondern der Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein, kurz LBV-SH. Einmal aufgestellt, sollen die Tafeln und Schilder den Straßenwärtern übrigens kaum noch Arbeit machen: Sie sind mit einer Folie beschichtet, die sich selbst reinigt. „Gegen Graffiti-Sprayer ist aber auch die nicht gewappnet“, beklagt Reimer.

Unter der Rader Hochbrücke – Blick aus dem Brückenbesichtigungswagen: Einmal im Jahr steigen Brückenprüfer in das Gefährt, um Schrauben und Nähte zu kontrollieren. Ein Mitarbeiter der Straßenmeisterei steuert die Gondel unter der Brücke entlang.
Unter der Rader Hochbrücke – Blick aus dem Brückenbesichtigungswagen: Einmal im Jahr steigen Brückenprüfer in das Gefährt, um Schrauben und Nähte zu kontrollieren. Ein Mitarbeiter der Straßenmeisterei steuert die Gondel unter der Brücke entlang.
 

Streckenwart Dirk Johannsen hat unterdessen fast jede Ausfahrt, jeden Parkplatz und jeden Abschnitt der Autobahnen im Westen von Kiel abgefahren. Auch die Rader Hochbrücke. Selbst auf die Toilettenanlagen wirft er einen Blick. Kurz vor Erreichen des Betriebshofes in Krogaspe nördlich von Neumünster hält er nochmal an. Eine volle PET-Colaflasche liegt auf dem Standstreifen. Gefroren. „Ein Geschoss“, sagt Johannsen und schüttelt verständnislos den Kopf. „Ich könnte ihnen noch viele seltsame Sachen über die Autobahn erzählen.“

 

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erstellt am 07.Feb.2016 | 17:40 Uhr

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