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Lebensmittelpreise : Hausmannskost wird teurer, Luxus billiger

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Schon im fünften Monat in Folge verteuern sich die Lebensmittel. Aber nicht alle: Kartoffeln, Schnitzel und Quark kosten mehr - Luxusnahrung wie Champagner, Wildfleisch und Pralinen wird billiger.

shz.de von
erstellt am 01.Sep.2013 | 10:10 Uhr

Flensburg | Alle reden über die Preissteigerungen bei Kartoffeln, Pommes und Püree. Dabei ist der Deutschen liebste Knolle nicht der einzige Preistreiber in diesen Tagen. Für Quark mussten die Bundesbürger im Schnitt der letzten zwölf Monate 13,6 Prozent mehr ausgeben und für Koteletts und Schnitzel immerhin 9,6 Prozent. Selbst Tabak zum Selbstdrehen kostet 5,2 Prozent mehr.

Auffällig ist jedoch: Vor allem  Grundnahrungsmittel und sogenannte  Hausmannskost sind  deutlich teurer geworden. Die Preise für Luxusnahrung wie Lachs oder Sekt kletterten hingegen  nur minimal  - nach  Berechnungen von Statistikern um gerade mal  0,5 Prozent.  Feinschmecker leiden am ehesten unter dem Preisanstieg für Olivenöl, das nun 13,9 Prozent mehr kostet. „Auch die Versüßung des Lebens mit Sahne (+12,2 Prozent) verteuerte sich überdurchschnittlich“, so die Statistiker. Leicht billiger hingegen wurden Bohnenkaffee, Champagner, Wildfleisch und Pralinen.

Der sogenannte Hausmannskost-Index, der Grundnahrungsmittel wie Fischstäbchen, Margarine, Kotelett und Korn enthält, stieg hingegen deutlich um 4,9 Prozent – also fast  zehn mal so stark wie der bei Luxus-Nahrungsmitteln. Die Gewerkschaften sind alarmiert: Die Schere geht immer weiter auseinander, ein Teil der Bevölkerung zahlt den Preis für die Krise, während diejenigen, die es sich leisten können, von der Krise wenig merken. Dabei ist es gerade für sie schlimm, dass sich Lebensmittel bereits im fünften Monat in Folge verteuerten. Im Juli kletterten die Preise für Obst und Gemüse, Fleisch, Milch oder Eier um 5,7 Prozent, berichtet das Statistische Bundesamt. So dramatisch hatte die Teuerungswelle in diesem lebenswichtigen Bereich zuletzt vor  fünf Jahren  gewütet; im September 2008 mit einem Plus von  6,5 Prozent.

Dabei  klettern nicht nur die Kosten für Lebensmittel. Im Juli lagen die Verbraucherpreise - also unter Einbeziehung von Strom, Unterhaltungselektronik,  Kleidung und Kinokarten - 1,9 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Die Inflationsrate nähert sich also gefährlich der Zwei-Prozent-Marke an - bis dahin spricht die Europäische Zentralbank von Preisstabilität. Noch im Mai waren die Preise lediglich um 1,5 Prozent gestiegen.

Noch größer als der offizielle Wert, den das Statistische Bundesamt veröffentlicht, ist die „gefühlte Inflation“. Sie spiegelt die Wahrnehmung der Verbraucher wider und lag nach Berechnungen der Großbank Uni Credit bei 2,9 Prozent. Das ist der bisher höchste Wert in diesem Jahr – und es ist auch eine höhere gefühlte Teuerungsrate als der langfristige Durchschnitt von 2,5 Prozent. Im Unterschied zum Statistikamt gewichten die UniCredit-Ökonomen die untersuchten Waren nach ihrer Kaufhäufigkeit. „Da Obst, Gemüse und andere Nahrungsmittel regelmäßig gekauft werden, fallen den Verbrauchern die Preiserhöhungen hier besonders stark auf“, erklärt der Deutschland-Chefvolkswirt von UniCredit, Andreas Rees.  Sinkende Preise langlebiger Güter wie etwa Computer würden dagegen weniger beachtet.

Als Gründe für die Preisexplosion bei  Nahrungsmitteln werden schlecht ausgefallene Ernten und die wachsende Nachfrage in vielen Schwellenländern angeführt. Der verregnete Frühling und die sehr heiße, trockene Phase im Juli waren nicht gerade Idealbedingungen für den Kartoffelanbau. Nicht einmal zehn Millionen Tonnen Kartoffeln werden die Landwirte ernten, befürchtet der Deutsche Bauernverband. Im Spitzenjahr 2004 waren es noch 13 Millionen Tonnen. Die Erntesaison ist zwar noch nicht ganz vorbei. Trotzdem zeichnet sich ab: Die diesjährige Kartoffelernte dürfte eher bescheiden ausfallen. Ensprechend teurer werden auch Tiefkühl-Pommes und Püree.

Aktuell liegen die Erzeugerpreise dem Bauernverband zufolge bei 30 Euro je 100 Kilogramm. 2012 seien es noch weniger als 20 Euro gewesen. Weil  viele Lieferanten aber auf langfristigen Verträgen mit den Kartoffelverarbeitern sitzen, ist nach Ansicht von Experten nicht von heute auf morgen mit Riesenpreissprüngen zu rechnen.  „Vielleicht werden die Pommes ja ein bisschen kürzer", juxte kürzlich Ackerbaureferentin  Katja Börgermann  vom Bauernverband.

Und dann gibt es da noch einen neuen Megatrend: die „Verwestlichung der Ernährung“. Der zunehmende Fleischkonsum der wachsenden Mittelschicht in den Entwicklungsländern treibt die Preise für viele Grundnahrungsmittel in die Höhe. In China etwa haben die Preise für Schweinefleisch zuletzt Rekordhöhen erreicht. Es wird   importiert - wenn die Nachfrage wächst und das Angebot   stagniert,  steigen die Preise. Das wird in den kommenden Jahren so weitergehen , heißt es  in  einer aktuellen Studie der UN-Welternährungsorganisation FAO und der OECD.  Deren Fazit:  Die Produktion hält bei Weitem nicht mit der Bevölkerungsentwicklung  Schritt. Weltweit fehlten geeignete Flächen für die Agrarproduktion. In Europa ist das Potenzial für weitere Anbauflächen nahezu erschöpft, auch die Entwicklungsländer werden bald an Grenzen stoßen. Zugleich werde Wasser knapper und die Produktionskosten, etwa für den Gebrauch von Düngemitteln, steigen an.

Bereits im abgelaufenen Jahr hatten die Preise für Mais und Sojabohnen Rekordhöhen erreicht. Verglichen mit den Preisen vor zehn Jahren haben sich die Notierungen mehr als verdoppelt. Zudem wird immer mehr Anbaufläche für Agrosprit herangezogen.

Alles halb  so  schlimm mit den Preissteigerungen, heißt es bei den Ökonomen. Weil  die Deutschen im Schnitt nur 9,1  Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, fällt diese Teuerung nicht so stark ins Gewicht. Aber auch das ist eben nur ein Durchschnittswert, denn diese Verteuerungen treffen vor allem Geringverdiener, weil sie ungleich mehr (bis zu 20 Prozent) von ihrem Einkommen für Lebensmittel ausgeben müssen als der Millionär. Der kann sich zwar Kaviar, Lachs und Champagner en masse leisten – aber irgendwann ist er satt  und besoffen. Es gibt also eine natürliche Grenze. „Rentner hingegen sind besonders betroffen, da ihre Altersbezüge seit 2004 massiv an Kaufkraft verloren haben“, kritisiert Sven Picker, Landeschef des  Sozialverbands Deutschland (SoVD), in Kiel. Nach Berechnung seines Verbandes können sich Rentner im Westen von ihren monatlichen Bezügen heute fast zwölf Prozent weniger leisten als vor der Rentenreform 2004. Hohe Preise für Brot, Paprika und Bier treffen sie umso härter, je weniger Geld sie zur Verfügung haben. Wegen der stark gestiegenen Preise für Lebensmittel fordert der Paritätische Wohlfahrtsverband eine Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze. Schon mit den jetzt vorgesehenen 4,30 Euro für alle Mahlzeiten sei eine vernünftige Ernährung nicht sicherzustellen, kritisiert Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider.

Die Wut im Volke wegen hoher Lebensmittelpreise sollte die Politik nicht unterschätzen. Sie birgt - wie die Geschichte zeigt - Zündstoff und revolutionäres  Potenzial.  „Wenn sich das Volk kein Brot  leisten kann, dann soll es doch Kuchen essen",  hat angeblich die französische Königin Marie Antoinette (1755 bis 1793) gesagt. Kurz darauf wurde sie hingerichtet.

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