Urlaub in Schleswig-Holstein : Hat SH Angst vor „Halligalli“-Tourismus?

Urlaub soweit das Auge reicht. Die Geschmäcker gehen auseinander: Langeweile oder Entspannung pur?
Urlaub soweit das Auge reicht. Die Geschmäcker gehen auseinander: Langeweile oder Entspannung pur?

Hier ist es schön, hier ist Erholung, hier ist nichts los. Schleswig-Holstein vermarktet sich als Paradies für „Best Ager“. Warum verzichtet SH auf „Halligalli“?

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12. Juni 2014, 20:29 Uhr

Flensburg/Kiel | Ist es die Angst vor der feindlichen Übernahme? Vor Verwüstung und Chaos? Sind es die Horrorbilder vom Ballermann, wo dickbäuchige Touristen wüste Partys feiern, Strände vermüllen und die Einheimischen in die letzte Ecke verdrängen? Schleswig-Holstein hat Potenzial: weiße Strände, schöne Studentenstädte, große Events und doch wird im Tourismus offenbar von jungen Spaß- und Actionurlauben Abstand genommen.

Der Urlauberprototyp für Nord- und Ostseeküste ist der „Best Ager“. Er ist 56 bis 75 Jahre alt, auf der Suche nach einem naturnahen Erholungsurlaub und macht mit 31 Prozent die volumenstärkste Zielgruppe aus. Auch kleine Familien und „anspruchsvolle Genießer“ fallen in das Schema, das die Tourismus-Agenturen für den typischen Schleswig-Holstein-Urlauber angelegt haben. Flensburgs neuer Tourismus-Chef Gorm Casper nimmt in einem kürzlich geführten Interview mit dem Flensburger Tageblatt deutlich Abstand vom „Halligalli“-Tourismus. Stattdessen sieht er für Flensburg eines ganz vorn: „Das maritime Erleben, aber vor allem Strand und Baden, ist etwas, was die Leute im Urlaub ganz hoch hängen.“

„Ausruhen in Wassernähe“, „Erholungsurlaub“, „Entschleunigung“ sind die Stichworte, mit denen Urlaub in Schleswig-Holstein angepriesen wird. Flensburg besticht laut Casper durch seine „entspannende ,Dänische Südsee'-Atmosphäre“ und Bilder in Tourismusbroschüren zeigen wehende Gräser, Kinder am Meer und Rentner beim Fahrradfahren. Böse Zungen könnten behaupten: Urlaub und Schleswig-Holstein präsentiert sich vor allem als eines – langweilig.

Es gibt scheinbar nur wenige Ausnahmen in der allzu perfekten Idylle: Der Timmendorfer Strand, die Lübecker Bucht mit Scharbeutz und Pelzerharken und Sylt bieten nicht nur gediegene Erholung im Spa-Bereich sondern auch Strandpartys und Wassersportevents. Aber auch hier ist die Stimmung nicht so ausgelassen, wie sie sein könnte. Luxusläden und wohlhabende Gäste verleiten zu Snobismus und gesalzenen Preisen. Vielleicht auch deshalb dienen sie Gorm Casper im Interview als Negativbeispiel.

Mit großen Events wie der Kieler Woche, Festivals und vielfältigen Wassersportangeboten hat der Norden auch jungen Menschen einiges zu bieten. Das Programm der schleswig-holsteinischen Tourismus-Agenturen stützt sich jedoch hauptsächlich auf Erholung in der Natur, auf Gesundheitsurlaub und Familienaktivitäten. Veranstaltungen, Kultur oder gar das Nachtleben werden – wenn überhaupt – am Rande erwähnt. Andrea Gastager, Geschäftsführerin der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein (TASH) erklärt: „Natürlich sind auch junge Touristen in Schleswig-Holstein willkommen. Aufgrund unseres begrenzten Budgets müssen wir jedoch wirtschaftlich denken: Gästegruppen wie Naturliebhaber, Familien und Städtereisende liegen bei uns im Marketing vorn, weil sie das größte wirtschaftliche Potenzial haben.“

Dass das Konzept aufgeht, zeigen die Zahlen aus dem letzten Jahr. 6.327.623 Gäste kamen 2013 nach Schleswig-Holstein. Das macht einen Zuwachs von drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Schleswig-Holstein ist also eins der beliebtesten Urlaubsziele Deutschlands und bleibt ein charmantes Fleckchen Erde – auch ganz ohne „Halligalli“.

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