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Beruf Krabbenfischer : Harte Arbeit statt Seefahrer-Romantik

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wenn die Heimat das Meer ist: Der Dithmarscher Krabbenfischer Andreas Thaden hat sein halbes Leben auf See zugebracht.

Friedrichskoog/Büsum | Die Krabben muss er suchen. Nicht fürs Foto, sondern auch in der Nordsee. „Die sind so knapp wie selten“, sagt Andreas Thaden, als er endlich doch ein Exemplar des Tieres auf seinem Kutter gefunden hat. „Dass es so wenige gibt, ist zwar gut für den Preis, aber so richtig zufrieden macht einen das nicht.“

Hintergrund: Warum die Krabbenpreise so stark gestiegen sind

Vermutlich durch natürliche Schwankungen, ungünstige Temperaturen und Strömungsverhältnisse haben sich die Krabben in diesem Jahr nicht so vermehrt wie sonst. Schon im vergangenen Jahr hatten die Fischer an der Nordsee einen Negativ-Rekord vermeldet: Im Vergleich zu den 11.000 Tonnen vom Vorjahr hatte sich die Ausbeute 2016 fast halbiert.

Zurzeit sieht es nicht besser aus. Selbst 1990, das als letztes Krisenjahr gilt, waren die Zahlen nicht so schlecht wie jetzt. Schuld daran ist den Krabbenfischern zufolge vor allem der Wittling: Die dorschartigen Fische, die sich in den letzten Monaten massenhaft vermehrt haben, fressen die kleinen Nordseegarnelen weg, bevor sie groß genug für die Netze der Kutter sind. Das hat Folgen für Markt und Verbraucher. Als es 2011 Krabben im Überfluss gab, war der Erzeugerpreis auf bis zu 1,30 Euro für ein Kilogramm ungeschälte Schalentiere gefallen. 2015 waren es im Durchschnitt wieder mehr als 3,60 Euro für ein Kilo, 2016 schon mehr als acht Euro. Vergangenen Monat  kletterte der Erzeugerpreis schließlich auf 13 Euro.

 

Thaden ist einer von rund 80 Krabbenfischern, die in der Nordsee auf Fangfahrt gehen. Er ist ein typischer Dithmarscher. Viele Worte sind nicht seines, und wenn er nicht mehr weiter weiß, dann grinst er vielsagend. Emotionale Ausbrüche sucht man bei ihm vergeblich. Statt dessen gibt es kurze nüchterne Haupt- oder Einwortsätze. Kostprobe gefällig? Wie ist der typische Krabbenfischer? Thaden kratzt sich am Kinn und sagt dann: „Eigen.“ Dann überlegt er, so als wolle er noch etwas hinzufügen, sagt dann aber: „Ich bleibe bei eigen.“

Seit Thaden 14 ist, fährt er mit raus auf die Nordsee zum Krabbenfischen. Seit einem Jahr ist der heute 28-Jährige Kapitän auf seinem eigenen Kutter, der „SD 6 Bleibtreu“. 14 Jahre muss er das 31 Jahre alte Schiff noch abbezahlen. Andreas Thaden ist zuversichtlich, dass das auch klappt. „Ich bin ja auch Fischer geworden, weil man da ganz gut verdienen kann“, sagt er.

So einen Satz würden nicht alle seiner Kollegen unterschreiben, die sich in der Vergangenheit viel mit Behörden um Fanggebiete und bürokratische Vorschriften gestritten haben. Viele Fischer haben in den vergangenen Jahren aufgehört, Thaden hat gerade erst den Job in die Selbstständigkeit gewagt.

Auch seine Kinder könnten Krabbenfischer werden

Der Job liegt in der Familie: Sein Vater und sein Großvater waren schon Krabbenfischer, sein Bruder fährt auf dem Kutter, der neben seinem am Kai im Büsumer Hafen liegt. Thaden kann sich nichts anderes vorstellen, seine beiden Söhne Emil und Oskar sind drei und ein Jahr alt, aber sie essen auch schon Krabben, wie ihr Vater nicht ohne Stolz erzählt. Und wenn man ihn fragt, ob die Jungs später auch mal Kutter fahren sollen, dann grinst er und sagt: „Klar, warum nicht?“

Jetzt müssen die damit leben, dass Papa weg ist, um das Geld für die Familie zu verdienen. Dass die Krabben auch sie mal ernähren können, daran glaubt Thaden. Die Arbeit an Bord habe seine Vorteile, man sei sein eigener Herr, könne fahren wohin man wolle. Das genießt er – auch wenn er keinen Sinn für Seefahrerromantik hat. „So einen Sonnenuntergang gucke ich mir jetzt nicht an.“ Dithmarscher eben. Das sei auch seine Heimat, sagt Thaden. Dazu gehört Friedrichskoog, wo er sein halbes Leben lang zugebracht, das Meer vor der Küste, wo er die andere Hälfte verbracht hat – und Büsum, wo sein Kutter liegt und er die Krabben anlandet. Das muss reichen als Heimat – auch wenn er weiß, dass er keinen alltäglichen Job hat. „Krabbenfischer gehören zu Schleswig-Holstein dazu.“

„Was ich auf See mache? Arbeiten, schlafen, arbeiten, schlafen, arbeiten“

Nur auf Nachfrage erzählt er, dass der Job auf See auch gefährlich werden kann, wie einmal vor ein paar Jahren als sich bei gutem Wetter das Netz des Kutters irgendwo am Grund verhakt und Thaden sich am Bug des Schiffes mit dem Fuß an der Reling abstützen muss. „Denn die war schon im Wasser.“ Thaden erzählt das beiläufig, als wäre es nichts besonderes. Eigen eben. Er habe dann das Seil des Netzes durchgeflext, dann sei der Kutter wieder in die Horizontale gekommen, „Musste ja weiter gehen.“

Dass der Job auf See hart sein kann, kann man nur erahnen, wenn Thaden erzählt. „Was ich auf See mache? Arbeiten, schlafen, arbeiten, schlafen, arbeiten.“ Drei Tage sind er und sein Decksmann meist auf See, mehr als ein paar Stunden am Stück kann er sich nicht hinlegen. Im Winter peitscht den Männern das eiskalte Wasser ins Gesicht. „Deswegen bin ich ja Kapitän geworden: Da kann ich drin stehen“, sagt Thaden grinsend und deutet auf das Steuerhaus seines Kutters. Damit der nicht mehr als nötig im Hafen liegt, gibt es eine zweite Crew.

Doch schon am nächsten Morgen ist Thaden wieder an Bord. Er ist zuversichtlich, dass er bald wieder ein paar Krabben mehr fängt. „Das hat sich in der Natur bisher immer wieder eingespielt – so wird das auch diesmal sein“, sagt er. „Wir wollen ja auch, dass es für die Leute, die die Krabben kaufen, nicht zu teuer ist.“ Das waren jetzt gleich zwei lange Sätze hintereinander. Ungewöhnlich. Thaden hat eben Recht: Krabbenfischer sind eigen.

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erstellt am 18.Jul.2017 | 12:55 Uhr

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