zur Navigation springen

Nordseeküste in SH : Halligen trotzen Sturmfluten und Zukunftssorgen

vom

Unter besonderen Bedingungen leben 300 Menschen auf den Halligen. Wind und Wetter, Wasserstand und der Fahrplan der Fähren bestimmen den Rhythmus. Orkantiefs verkraften die Bewohner leichter als den demografischen Wandel

shz.de von
erstellt am 29.Okt.2014 | 06:46 Uhr

Langeneß/Hooge | Langeneß und Hooge erwachen. Sonne ist angesagt für diesen Herbsttag. Es nieselt und es ist neblig. Darauf muss man sich einstellen auf den Halligen. Der Himmel scheint sich aufzuhellen. Dann regnet es doch in Strömen. „Zwei-Hosen-Wetter“, sagen Einheimische dazu. Sie sind extrem sturmerprobt und rüsten sich gerade für die neue Sturmsaison.

Mit Schrecken ist vielen noch Orkantief „Xaver“ vom letzten Dezember in Erinnerung. Das war auch für Hooges Bürgermeister Matthias Piepgras (59) eine ungewöhnlich heftige Sturmflut, viel schlimmer als die Routine-Überflutungen, die Hooge fünf-, sechsmal im Jahr ereilen und das benachbarte Langeneß 20 Mal. „Ein normales Landunter ist ein wunderschönes Naturschauspiel“, sagt Piepgras. Elf Kilometer Sommerdeich schützen Hooge nur vor leichten sommerlichen Überschwemmungen; wenn das Wasser höher steigt, lässt es Straßen, Wege und Pfähle schnell verschwinden. Ein Film im Hooger Mini-Kino zeigt das eindrucksvoll. Die zehn fünf bis sechs Meter hohen Warften auf Hooge, die normalerweise wie kleine Burgen aus der Hallig ragen, wirken bei „Xaver“ & Co wie Spielzeuginselchen im tosenden Meer.

Für frisurbewusste Damen ist das nicht die richtige Gegend und Zeit. „Hier sagt man: Es gibt keine Frisur, es gibt nur Haare“, erzählt Bärbel Hirsch. Ihr Souvenirladen auf Hooge heißt „Sturmflutgalerie“. Die Naturidylle im nordfriesischen Wattenmeer, das seit 2009 zum Unesco-Welterbe gehört, fasziniert Einheimische wie Touristen, aber dahinter stecken auch außer den Sturmflutgefahren handfeste Probleme für die knapp 300 Bewohner der Halligwelt. Die Bevölkerung ist überaltert, die Bausubstanz oft auch, es fehlen Ganzjahresarbeitsplätze besonders für jüngere Frauen und auch geeigneter, bezahlbarer Wohnraum für potenzielle Zuzügler. Es steigt die Zahl von Häusern, die nicht dauerhaft bewohnt sind. Auf Oland leben noch 9 von 17 Bewohnern ständig dort. Die Belastung für die Verbleibenden wächst immer mehr, bis hin zum Winterdienst und ähnlichen Dingen.

Dauerbewohnte Halligen zu erhalten, ist das große Ziel. Piepgras nennt es eine wahnsinnige Herausforderung. Auf Langeneß gibt es rund 60 Haushalte, 13 davon sind schon Zweitwohnungen. Ermutigend für die Einheimischen ist das nicht. Die Halligen versuchen gegenzusteuern; dem demografischen Wandel wollen sie offensiv begegnen. Auf Langeneß will die Gemeinde die Warft Treuberg kaufen, dort ein Haus mit vier Wohnungen bauen, auch kleine Kinder betreuen und wieder einen Kaufmannsladen einrichten. Auf Hooge denkt der Bürgermeister darüber nach, freiwerdende alte Häuser zu erwerben, zu sanieren oder eventuell abzureißen. In diesem Fall könnte die jeweilige Warft erhöht werden, bevor ein Neubau entsteht, Stichwort Küstenschutz. „Wir werden dazu kommen müssen, neue Aufwartungen zu machen“, sagt Piepgras. Der gebürtige Kieler, Sonderpädagoge, ist seit 2000 auf Hooge; von hier stammt seine Frau. Sie lebt inzwischen in Kiel.

Auch die Bürgermeisterin von Langeneß, Heike Hinrichsen, ist keine Einheimische, sondern gebürtige Rheinländerin. Vor 35 Jahren, mit 20, kam sie auf die Hallig. Sie übernahm vor einem Jahr als erste Frau den Bürgermeister-Posten einer Hallig. Hinrichsen vertritt die Wählergemeinschaft A, Stellvertreter Malte Karau die Wählergemeinschaft B. Wie Rivalen wirken die beiden nicht. Karau betreibt das erste Vier-Sterne Hotel auf einer Hallig.

Gelegentlich erbebt das beschauliche Langeneß - bei Konzerten von Ex-Genesis-Sänger Ray Wilson, Torfrock oder Santiano. Sie treten in einem Schafstall vor 300 bis 400 Zuhörern auf, die per Schiff kommen. Ansonsten geht es ruhig zu in der Halligwelt, vom Kreischen der vielen Vögel abgesehen. Wer hier lebt, muss es aushalten, mit sich selbst konfrontiert zu werden, sagt Hooges Bürgermeister Piepgras. Wer den Kontakt zu den Mitbürgern nicht findet, hat es richtig schwer. Einige im Alter um die 45 sind in jüngerer Zeit auf Halligen gezogen, um Landwirtschaft zu betreiben oder generell etwas Anderes zu machen als in den letzten Jahren. Das gibt Hoffnung gegen die Alterung der Bevölkerung. Auch die laufende Verbesserung der Internet-Anbindung ist ein Fortschrittssignal. Manch Alteingesessener kommt aber nur schwer mit dem Wandel in seiner Heimat klar.

Auf Langeneß gehen immerhin noch 20 Kinder zur Schule, auf Hooge sind es nur sechs. Die Hausärzte der jeweils rund 100 Bewohner beider Halligen sitzen in Niebüll und Bredstedt auf dem Festland. Arztbesuche dort bedeuten oft auch eine Übernachtung. Im Extremfall können sich Aufenthalte noch viel länger hinziehen. Wenn ein Hooger im Winter an einem Dienstag einen wichtigen größeren Termin am Festland hat, muss er am Sonntag los und ist am Donnerstag zurück. Der dünne Winterfahrplan der Fähren ist ein Dauerthema. Er bestimmt den Lebensrhythmus ebenso mit wie Ebbe und Flut. „Tideabhängig“ steht auf Langeneß auf der Ketelswarf am Briefkasten bei den Leerzeiten. Die Warft ist die „Hauptstadt“ der Hallig, die seit 1954 an die Stromversorgung vom Festland angeschlossen ist und seit 1964 an das Trinkwassernetz. Im Museum sind Ditten zu sehen, getrocknete Kuhfladen, mit denen hier lange geheizt wurde, Pellets vergangener Zeit.

Von Langeneß kann man via Oland mit der eigenen Lore über einen Damm nach Dagebüll auf dem Festland fahren. 45 Haushalte haben solche lizenzierten Gefährte, die ganz individuell gebaut werden und nicht ganz billig sind. Um die 5000 bis 7000 Euro kostet so ein Stück, sagt die Bürgermeisterin. Zum Fahren braucht man den Mofa-Führerschein. Auf Hooge ist nicht nur die Verkehrsanbindung etwas Besonderes. Hier wurde auch die Kirche anders gebaut als üblich. Der Turm mit der Glocke überragt die Kirche nicht, sondern steht neben ihr. Wenn Piraten einst Kirchtürme erblickten, vermuteten sie Reichtum. Hooge mit seinem versteckten Kirchturm blieb von Überfällen der Seeräuber verschont. Im Inneren der Kirche mit viel schönem Friesischblau ist unter den Sitzbänken Sandboden. So kann Flutwasser gut wieder ablaufen. Ex-CDU-Generalsekretär Peter Hintze wollte hier angeblich mal Pastor werden. Dazu kam es aber nicht.

Hooges berühmteste Attraktion ist der Königspesel. Er heißt so, weil ein dänischer König hier wegen Sturmflut übernachten musste. In dem altehrwürdigen Haus sind 6500 feine Delfter Fliesen an den Wänden. Jahrhundertealtes Porzellan aus China und Meißen steht in Vitrinen. Die gute Stube, den Pesel, schmückt auch eine englische Wanduhr aus dem 17. Jahrhundert, schon mit Sekunden- und Datumsanzeige. Viele Gäste bestaunen das gute Stück.

Der Tourismus ist für die Halligen in den Jahren immer wichtiger geworden. Hooge zählt jährlich etwa 90.000 Tagesgäste und 45.000 Übernachtungen; Langeneß samt Oland 21.000 Tagesbesucher und 20.000 Übernachtungen. Wer herkommt, sucht kein flippiges Nachtleben - Sylt ist nur kilometermäßig nah. Ruhe, Natur, frische Luft und die logistische Exotik ziehen die Urlauber an. Autofrei ist Hooge nicht, etwa 40 Fahrzeuge sind hier unterwegs. Feriengäste sind mit Rad, Kutsche oder zu Fuß unterwegs; die 120 Euro für eine Pkw-Überfahrt gibt so gut wie kein Urlauber aus. Viel zu fahren gibt es bei einem Straßennetz von 24 Kilometern Länge ohnehin nicht. Drei neue robuste Brücken über Priele auf Langeneß und eine auf Hooge wurden gerade mit Landesmitteln gebaut. Die Straßen davor und dahinter sind schmal und holprig. Halligstraßen haben keine Priorität für das Land.

Auf Oland erblickt man nach der Ankunft schnell eine unscheinbare Rarität: Hier steht der einzige reetgedeckte Leuchtturm in Deutschland. Der Dorfkrug ein paar Meter weiter macht nur gelegentlich auf. „Soll ich Sahne schlagen?“, fragt der freundliche Wirt die Bürgermeisterin bei der Mittagsbestellung. Er will damit wissen, ob er für die Runde Pharisäer vorbereiten soll - das mit einer Sahnehaube bedeckte nordfriesische Kultgetränk aus Kaffee und Rum. Natürlich soll er Sahne schlagen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen