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City-Management in Hamburg : Händler fordern mehr Polizei gegen aggressive Bettelbanden

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die City-Kaufleute fürchten um Kunden, die sich bedrängt fühlen. Die CDU möchte, dass Knöllchenschreiber auch Bettler kontrollieren.

shz.de von
erstellt am 10.Mai.2016 | 12:19 Uhr

Hamburg | Bettler gehören in Hamburgs City seit jeher zum Stadtbild. Doch aktuell spitzt sich die Lage offensichtlich so zu, dass erste Ladenbesitzer um ihre Umsätze fürchten. „Organisiertes und aggressives Betteln“ hätten zuletzt stark zugenommen, einige Kunden fühlten sich bedrängt, klagt City-Managerin Brigitte Engler. In einem Brief an Innensenator Andy Grote (SPD) und an den Bezirk Mitte bittet das City-Management nun um verstärkte Polizeistreifen. Das habe auch in früheren Jahren Früchte getragen, erinnert Engler, die indes betont: Es gehe nicht um Vertreibung, sondern um das Eindämmen von Auswüchsen. Die Ladeninhaber wollten keinesfalls Bettler generell aus der Innenstadt verbannen.

Wer ist hilfsbedürftig und wer ein gewerbsmäßiger Schnorrer? Das können Hamburger Passanten mittlerweile leicht aus dem Blick verlieren. Hierzu passt der Eindruck der Geschäftsleute: Die Anzahl jener Bettler, die Armut bloß vorgauckeln, steigt.

Deutlich schärfer beschreibt die Hamburger CDU das Phänomen. In einem Antrag zur morgigen Bürgerschaftssitzung heißt es über unliebsame Bittsteller: „Sie werden immer mehr, und sie werden immer aggressiver: Hamburgs Innenstadt ist inzwischen bevölkert von gewerbsmäßig organisierten Bettelbanden.“ Die Hanse-Union fordert den Senat in dem Antrag auf, „entschlossen gegen mutmaßlich gewerbsmäßig organisierte Bettler“ vorzugehen. Dazu solle die Landesregierung unter anderem prüfen, ob städtische Knöllchenschreiber zusätzlich Bettler kontrollieren könnten.

Laut dem CDU-Abgeordneten David Erkalp werden City-Besucher und Touristen vor allem von osteuropäischen, „auffällig jungen Bettel-Trupps“ regelrecht „penetriert“. Zwischen Mönckebergstraße und Spitalerstraße würden Passanten inzwischen „im Minutentakt zum Teil auf äußerst aggressive Art und Weise angebettelt“. Erkalp berichtet von immer dreisteren Methoden. Wie der „Klemmbrett-Masche“, bei der angebliche Taubstumme versuchen durch hartnäckiges Bedrängen, Spenden zu ergaunern. Die CDU verweist zudem auf Medienberichte, wonach die Schnorrer einen Großteil ihres Verdienstes an Hintermänner abliefern müssten. Geht es nach den Christdemokraten, dann soll die Stadt vorgehen wie bereits vor acht Jahren. Seinerzeit hagelte es gezielt Untersagungsverfügungen gegen Trupps bulgarischer Profi-Bettler.

Der Senat sieht das Thema weit weniger dramatisch als Kaufleute und Opposition. Den zuständigen Stellen lägen derzeit keine Hinweise auf bandenmäßiges Vorgehen vor, heißt es in der Antwort auf eine CDU-Anfrage. Es gebe weder Erkenntnisse zu gewerbsmäßig organisierten Bettlern noch zu möglichen Hintermännern. Der Polizei liegen demnach zurzeit lediglich vier Beschwerden von Passanten und Händlern gegen aggressive Bettler in der Innenstadt vor. Allerdings: Im selben Atemzug müssen die Behörden einräumen, dass sie deutlich häufiger gegen Geldschnorrer vorgehen als früher. Waren im Jahr 2014 noch 94 Platzverweise gegen Bettler in der City ergangen, waren es 2015 bereits 177. Ein Handlungsdefizit sieht der Senat nicht: „Überall dort, wo die Polizei aggressives Betteln feststellt, schreitet sie konsequent ein.“

Kommentar von Markus Lorenz

Ein Weckruf an unser Gewissen - Warum wir Bettler ertragen sollten

Da ist sie wieder, die schier endlose Debatte um das Betteln in den Fußgängerzonen. Diesmal entzündet sie sich in Hamburg, aber das Phänomen gibt es so oder ganz ähnlich in allen deutschen Städten. An der Elbe beklagen Ladenbesitzer der Innenstadt nicht ganz zu Unrecht, dass immer aggressivere Almosenschnorrer ihnen die Kunden vergraulen könnten.

Tatsächlich muss man nicht besonders zart besaitet sein, um sich von drängenden, bisweilen auch drohenden oder gar pöbelnden Bettlern belästigt zu fühlen. Wem das beim Einkaufsbummel gleich mehrfach passiert, dem vergeht schnell die Lust am fröhlichen Shoppen. Dass Kaufleute darauf aufmerksam machen, ist legitim.

Doch gehört zur Wahrheit auch, dass sich zumindest in Hamburg die vielfach vermutete, straff organisierte Bettlermafia eben nicht nachweisen lässt. Die Polizei registriert aktuell gerade einmal vier Beschwerden und hat ansonsten keine Erkenntnisse über die angenommenen kriminellen Strukturen im Hintergrund der falschen Lahmen und Tauben auf Mitleidstour.

Zweierlei ist zu tun: Die Behörden sollten ein wachsames Auge haben auf das, was sich in den Innenstädten tut. Wenn in Einzelfällen die Grenze zwischen erlaubtem Betteln auf der einen und Betrug oder Nötigung auf der anderen Seite überschritten wird, müssen Ordnungsdienste und Polizei schnell eingreifen. In der Regel tun sie das auch. Zugleich aber sollten wir uns davor hüten, zur scheinbar einfachsten Lösung zu greifen und das Betteln gleich ganz aus den Einkaufszonen zu verbannen. Gerade in einer immer ungleicher werdenden Gesellschaft gilt: Wer nichts hat, dem steht zumindest das Recht zu, andere um ein Almosen zu bitten.

Das mag nicht schön anzusehen sein zwischen all den Hochglanzgeschäften. Aber wenn wir mit vollen Tüten und vollen Mägen die Ärmsten der Armen am Wegesrand sitzen sehen, so ist das doch auch ein Weckruf an unser Gewissen. Den sollten wir ertragen.

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